Christoph Friedl26.03.2018

Tagebucheintrag aus dem Irak: „Drei Minuten, in denen die Macht mit mir ist"

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Christoph Friedl stammt aus Bruck an der Mur in der Steiermark. Der Psychologe ist derzeit mit Ärzte ohne Grenzen in Chanaqin, Irak, im Einsatz. Dort leitet er ein 13-köpfiges Team, das psychologische und psychosoziale Betreuung für die Bevölkerung anbietet. Er ist für die Weiterbildung der nationalen Kollegen und Kolleginnen sowie für die Qualitätssicherung unserer Arbeit im Bereich mentaler Gesundheit zuständig.

06:45 Uhr. Der Wecker klingelt. Der Strom ist ausgefallen und aus irgendeinem mir unbekannten Grund gibt es heute kein Warmwasser. Memo an mich selbst: James, unseren Logistiker, darüber informieren. Egal, ich beende die kalte Katzenwäsche, trinke noch schnell meinen Kaffee und marschiere in Richtung Büro. Unsere Unterkunft, in der all die internationalen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für dieses Projekt untergebracht sind, und das Büro sind drei Minuten zu Fuß voneinander entfernt.

Drei Minuten, in denen mir der kühle Februar-Wind ins Gesicht bläst. Drei Minuten, in denen ich einfach Teil des Alltagsgeschehens von Chanaqin sein kann. Drei Minuten Ruhe vor der Hektik des Arbeitstages.

Der Himmel ist blau und die Sonne scheint. Streunende Hunde liegen am Straßenrand und würdigen mich keines Blickes. Warum auch?! Die Luft riecht nach Rauch. Sie erinnert mich an die ersten kalten Tage zu Hause, in denen wir versuchten, unseren Kachelofen aus dem „Sommerschlaf“ zu wecken. Ich grüße unseren Nachbarn, einen älteren Herren, der gerade seine Pflanzen gießt, mit einem freundlichen „Salam“. Die Taxifahrer auf der anderen Straßenseite stehen in einem Halbkreis zusammen und rauchen Zigaretten. Ein lautes Hupen in der Ferne reißt mich aus meinen Gedanken. Ich schließe den Reißverschluss meiner Jacke und ziehe die Haube tiefer ins Gesicht. Die Kälte kriecht unter mein Gewandt und ich versuche verzweifelt, ihr Herr zu werden. „Im Sommer hat es hier 50 Grad plus. Da kannst du dich vor Hitze kaum bewegen“, höre ich Mustafa als leise Stimme in meinem Hinterkopf sagen. Mustafa ist einer unserer Fahrer. Er liebt den Winter. Ich merke nur wie ich leicht meinen Kopf schüttle und mir denke, dass ich es eigentlich kaum erwarten kann, bis es so warm wird.

Drei Minuten, in denen ich meine Gedanken ordnen kann. Drei Minuten, in denen ich nochmals die wichtigsten Tagespunkte durchgehe. Drei Minuten für mich.

Seit gestern Abend begleitet mich der Ohrwurm „Final Countdown“ von Europe. Unser Nachtwächter spielte es am Abend in voller Lautstärke vor meinem Bürofenster. Viele unserer Wachmänner haben einen Universitätsabschluss; sie sind Anwälte, Biologen, Ingenieure oder Lehrer. Leider ist die Aussicht auf qualifizierte Arbeit in dieser Region momentan nicht sehr vielversprechend. Viele Menschen hier haben keine Arbeit und wenn sie welche haben, dann oft nicht in dem Bereich, in dem sie ausgebildet wurden.

Ich bin Psychologe. Hier in Chanaqin, einer Stadt die in der Provinz Diyala, nordöstlich von Bagdad liegt, bin ich verantwortlich für 13 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Gemeinsam betreuen wir drei verschiedene Standorte und bieten dort psychologische und psycho-soziale Unterstützung für die Bevölkerung an. Meine Aufgabe besteht primär darin, mein Team zu leiten, es weiterzubilden, die Qualität unserer Arbeit zu sichern und den „Mental Health“-Bereich in diesem Projekt weiter zu entwickeln. Der Job ist aufregend, stressig und hektisch. Ich liebe ihn.

Drei Minuten, in denen ich mir bewusst mache, wo auf dieser Welt ich mich gerade befinde. Drei Minuten, in denen ich mich für das Tagesgeschehen motiviere. Drei Minuten, in denen ich Erlebnisse der letzten Monate nochmals Revue passieren lassen kann.

Vor einigen Wochen arbeitete ich in unserem Zentrum für psychologische Gesundheitsversorgung in einem Flüchtlingslager etwas nördlich von Khanaqin. Wir boten den Menschen dort psychologische und psycho-soziale Betreuung an. Am Ende jedes Arbeitstages im Flüchtlingslager lädt mich der Wachmann zu sich und seiner Familie „nach Hause“ zum Essen ein. Ahmed lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern selbst im Camp. Dem Mann diese Einladung auszuschlagen, ist ein Duell, das ich nicht immer gewinne. Mein Arabisch ist genau so dürftig wie sein Englisch. Das spielt hier keine Rolle. Die Einladung ist reine Herzenssache; Worte werden hier nicht gebraucht; man lächelt und man nickt.

Das Zelt in dem Ahmed mit seiner Familie wohnt, ist winzig - für meine Verhältnisse jedenfalls. Wir sitzen am Boden und teilen Brot, Reis und Tee. Es schmeckt fantastisch. Meine Übersetzerin baut die Brücke zwischen seiner Welt und meiner Welt. Seine Familie und er stammen aus einer Provinz, die etwas westlicher gelegen ist. Sie mussten fliehen, als es in ihrem Heimatort zu gefährlich geworden war, um zu bleiben. Seit zwei Jahren leben sie im Lager auf ca. zehn Quadratmeter. Privatsphäre gibt es hier keine. Wir sprechen über den Winter in Österreich, über Aktuelles aus dem Alltag im Lager und so ganz nebenbei werde ich auch noch gefragt, ob ich nicht verheiratet sei. Das Konzept einer Partnerschaft ohne Ehe ist hier nicht so üblich, weswegen ich etwas verlegen mit „Ja“ antworte. Ich stelle mir dabei das Gesicht meiner Freundin vor, das sie machen wird, wenn ich ihr später davon erzähle. Ich kann mir ein Grinsen kaum verkneifen. Unverzüglich springt Ahmeds Tochter, die Schneiderin ist, auf und möchte mir eines ihrer selbstgenähten Kleider für meine „Frau“ schenken. Es ist diese Art von Gastfreundschaft, die mir manchmal so fremd erscheint, die mich beschämt und mich im Herzen so tief berührt. Es bedurfte eines enormen Kraftaktes, um ihr dieses Geschenk auszuschlagen. Zumindest dieses Duell konnte ich für mich entscheiden.

Drei Minuten, die mir manchmal wie eine Ewigkeit vorkommen. Drei Minuten, die oft viel zu schnell vergehen. Drei Minuten mit mir.

Ich erreiche das große Eingangstor unseres Büro-Gebäudes. Ali, der Wachmann, öffnet mir die Tür. Er besitzt ein Lächeln, das einen unweigerlich ansteckt. Ali ist großer „Star Wars“-Fan; als ich an ihm vorüber gehe, ruft er mir in seinem gebrochenen English „die Macht ist heute stark mit dir“ hinterher. Es sind kleine Momente wie diese, die die langen und manchmal auch frustrierenden Arbeitstage versüßen. Von nun an werde ich Star Wars in einem anderen Licht betrachten.

Verzweifelt versuche ich, die massive Tür zu meinem Büro zu öffnen. Es ist ein täglicher Kampf um den Zugang zu meinem Schreibtisch. Jetzt könnte ich die Hilfe der „Macht“ tatsächlich gut gebrauchen. Geschafft. Ich blicke zurück zu Ali, meinem irakischen Yoda. Er nickt mir wissend zu und in diesem Moment ist uns beiden klar, wer oder was mir beim Öffnen der Tür behilflich war.

Während ich das Licht einschalte und den Laptop hochfahre, ertappe ich mich wie ich nochmals an Ahmed und seine Familie aus dem Camp zurückdenke. Wie lange es wohl dauern wird, bis sie wieder nach Hause können? Und was sie dort dann wohl vorfinden werden? Ich fühle mich auf einmal kraftlos, niedergeschlagen und winzig.

Plötzlich steht James, unser Allround-Techniker in meiner Tür und begrüßt mich mit einem lauten „Good Morning“. Er grinst über beide Ohren. Warum? Das weiß nur er. Aber es tut gut ihn zu sehen. Ich erinnere mich sofort wieder an die kalte Katzenwäsche von heute Morgen und bitte ihn einen Blick auf den Boiler in unserem Haus zu werfen. Die tristen Gedanken von gerade eben sind wie weggeblasen und wurden durch die Vorfreude auf eine heiße Dusche am Abend ersetzt. Nur noch wenige Minuten bis unser gesamtes Team im Office sein wird und die Hektik des Alltages beginnt.

Drei Minuten, in denen ich dankbar bin. Drei Minuten, in denen ich an Freunde und Familie denke. Drei Minuten, in denen „die Macht mit mir ist“.

 

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