Eleonore Bauer17.12.2015

Dezember ohne Schnee: Mein Einsatz in der Zentralafrikanischen Republik

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Eleonore Bauer ist diplomierte Krankenschwester und war im Sommer 2015 bereits auf ihrem ersten Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen im Südsudan. Nun ist sie für ein halbes Jahr in der Zentralafrikanischen Republik, wo sie in Berbérati in der Ernährungsstation unseres dortigen Spitals arbeitet. Die sportliche Wienerin liebt Wandern und Snowboarden und vermisst zur Weihnachtszeit den Schnee…

Nach etwas mehr als zwei Wochen habe ich langsam das Gefühl, angekommen zu sein und fühle mich schon recht wohl. Die ersten Tage waren sehr eindrucksvoll und sehr anstrengend, weil einfach alles neu und unbekannt war – und dann auch noch auf Französisch... Aber das wird auch von Tag zu Tag leichter. Bei den ersten Teamsitzungen war ich trotz voller Konzentration auch recht verloren, aber wenn man einmal die wichtigsten Fachvokabeln gespeichert hat, findet man sich halbwegs zurecht.

Das Projekt ist schon gut organisiert und vieles läuft beeindruckend gut, anderes hat noch großes Verbesserungspotenzial – was gut ist, so habe ich etwas zu tun hier :-) Jedoch sollte man sich als Neuling wirklich Zeit lassen und nicht versuchen, alles auf den zu Kopf stellen, bevor man die grundlegendsten Dinge begriffen hat.

„Meine“ Station, die „NUT“ (kurz für Ernährungszentrum), ist in drei Zelten inmitten des Spitalskomplexes untergebracht. Sie hat 60 Betten, die zu Spitzenzeiten jeweils doppelt belegt sind.

Wir haben momentan meistens so ca. 30 Kinder hier, die im Alter zwischen einem Monat und fünf Jahren sind, plus ihre Mütter und oft Geschwister.

"Mein" Team in der NUT besteht aus ca. 30 Leuten, darunter acht Krankenpfleger. Der Rest sind so genannte "Aides soignantes", in etwa unsere Pflegehelfer, und "Assistantes nutritionelles", die sich um die Zubereitung und Verabreichung der Milch kümmern – acht Mal pro Tag. Das ist natürlich eine Schlüsselfunktion in der NUT, denn Nahrungsaufnahme ist der erste und wichtigste Schritt zur Gesundung der Kinder, auch wenn sie nebenbei meist noch viele andere Problemfelder haben: Aufgrund des geschwächten Immunsystems haben sie alle möglichen Infekte (die oft erst nach einigen Tagen so richtig ausbrechen, denn wenn es ihnen ganz schlecht geht, haben sie sozusagen nicht genug Energie, um gegen die Erreger zu kämpfen, also keine Immunantwort, also auch kein Fieber, keinen Husten,...), und dazu Ödeme, oft Tuberkulose und auch nicht selten HIV.

Aufgrund der mangelnden Versorgung mit Nährstoffen ist auch die Haut oft in Mitleidenschaft gezogen, was zu ausgedehnten Läsionen und Wunden führen kann. Ein kleines Mädchen hatte komplett offene Beine, auch an Popo und Rücken war großteils keine Haut mehr. Dazu kam noch Durchfall. Man kann sich vorstellen, dass der Verband dementsprechend oft schmutzig war. Obwohl mein Team und ich uns sehr viele Gedanken um die bestmögliche Versorgung der Wunden machten und sich alle bemühten, entwickelte das kleine Mädchen - sie hieß Christelle - leider eine Sepsis, an der sie zwei Tage später auf der Intensivstation starb. Es ist insofern nicht ganz einfach, damit umzugehen, als der Tod eines 1,5 Jahre alten Kindes einerseits eine Katastrophe ist, andererseits diese Katastrophe dennoch in einen Kontext eingebettet ist, in dem das, wenn nicht oft, so doch regelmäßig vorkommt.

Aber um nicht ganz in Tristesse zu versinken, muss man sagen, dass der Großteil der Kinder innerhalb weniger Tage eine sehr positive Entwicklung durchmacht: Zuerst werden sie noch per Sonde ernährt, sind apathisch oder weinen viel, haben einmal Fieber, dann Durchfall; aber dann stabilisiert sich ihr Zustand, sie trinken selbst, sie interessieren sich wieder für ihre Umwelt, dann beginnen sie, „Plumpynut“, eine hochkalorische Erdnusspaste, zu essen, sind mit ihren Müttern auch vor dem Zelt mit den anderen Kindern beisammen und können dann bald entlassen werden, wobei sie noch einige Zeit wöchentlich zur weiteren Verlaufskontrolle in ein Gesundheitszentrum geschickt werden.

Was mich auch immer wieder erheitert, sind die Namen die hier beliebt sind: Dieudonne, Dieu Merci, Service, Julius Caesar, My God, Parfait, Bienvenue oder Rein Anne.

Zurzeit ist aber verhältnismäßig nicht viel los, weil gerade die Raupensaison ist und daher genug Proteine zum Verzehr bereit stehen ;-)

Berbérati an sich kann ich beim besten Willen nicht als Stadt ansehen, die Häuser und Tukuls (kleine Strohhütten) sind weit verstreut und locker angesiedelt. Dazwischen wachsen riesige Palmen und Urwaldbäume und die Straßen sind natürlich allesamt nicht asphaltiert. Außer dem Spital gibt es hier noch ein paar Schulen und Kirchen und am Sonntag einen sehr turbulenten und schönen Markt – und das war's schon.

Es gibt sogar sportliche Aktivitäten, jeden Montag, Mittwoch und Freitag gehe ich mit drei anderen Verrückten um 6 Uhr in der Früh (!!!) laufen, was sehr gut tut – auch, wenn es sich ein bisschen wie ein „Publicity-Run“ anfühlt in den T-Shirts von Ärzte ohne Grenzen.

Ich beneide euch um die winterlichen Temperaturen und die reelle Hoffnung auf Schnee :-)

Ok, das war‘s für heute!

Liebe Grüße,
Eleonore

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