Cornelia Welte04.12.2014

Die 3 “P-Regeln” eines Ebola-Einsatzes

1 Kommentar

Krankenschwester Conny Welte ist derzeit auf ihrem achten Einsatz, diesmal in Liberia. Die Vorarlbergerin arbeitet in Monrovia im größten Ebola-Behandlungszentrum von Ärzte ohne Grenzen. In ihrer „Email aus dem Einsatz“ schildert sie Momente mit Freudentränen – und Bilder, die man nicht so schnell vergisst.

Die Entscheidung, nach Monrovia zu gehen, war für mich nicht schwierig. Ärzte ohne Grenzen hat dringend nach Mitarbeitern gesucht, die Einsatzerfahrung mitbringen – und da wollte ich auch meinen Beitrag leisten.

Conny Welte mit einem Kollegen Ernest (Krankenpfleger) im Bereich für Verdachtsfälle des Ebola-Behandlungszentrums in Monrovia © MSF

Ich hatte nie Angst oder Bedenken, dass mir was passiert, sonst hätte ich diese Entscheidung auch nicht getroffen. Das Schwierigste waren die Reaktionen in meinem Umfeld, die nur aufgrund der medialen Panikmache entstanden sind. Der Rückhalt durch meine Eltern war dabei sehr wichtig. Jeder Einsatz bringt gewisse Risiken mit sich. Es gibt aber Gefahren, die abschätzbar sind. Ich wurde gut auf meinen Einsatz vorbereitet, mit einem zweitägigen Kurs in Brüssel, wo uns alles theoretisch und praktisch über Ebola erzählt wurde. Wenn man weiß, wie die Krankheit übertragen wird, dann kann man sich auch davor schützen. Es gibt die drei P-Regeln: persönliche Schutzausrüstung (unsere „Raumanzüge“), persönlicher Sicherheitsabstand (niemanden berühren) und persönliches Verhalten (alle Sicherheitsvorschriften einhalten). Wenn man sich an diese drei Punkte hält, ist das Risiko einer Ansteckung fast bei null. Bei Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten heißt, durch viele Höhen und Tiefen zu gehen. Man erlebt viele schöne Momente, aber auch genügend deprimierende. Natürlich gibt es Tage, an denen man sich fragt, wieso man das denn alles auf sich nimmt. Diese Woche war auch wieder so ein Tag dabei. Eine schwangere Frau im sechsten Monat wurde positiv auf Ebola getestet, gemeinsam mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern (7 und 11 Jahre). Wenn man die Statistik anschaut, hat sie fast keine Chance zu überleben, das Baby noch weniger. Am zweiten Tag nach ihrer Aufnahme hatte sie eine Totgeburt und ein paar Stunden später ist sie auch gestorben... zu Tode geblutet. Bevor sie starb, habe ich ihre Hand genommen, ihren Arm gestreichelt und ihr gesagt, dass alles gut wird. Den letzten Körperkontakt, den sie hatte, war von einer Person im Plastikanzug. Das sind Bilder, die man nicht so schnell vergisst. Und vor allem die Frustration dabei, wenn man daneben steht und nichts tun kann. Zwei Stunden später kommen die Laborbefunde zurück. Wir haben wieder zwei Überlebende. Die Freude ist groß im medizinischen Team, als wir die Nachricht verkünden und einer der beiden in der Hochrisikozone hin und her rennt und juchzt: Der Höhepunkt des Tages. In diesem Moment ist es unmöglich, meine Freudentränen zu verbergen. Nach einer Chlordusche kommen die Ebola-freien Personen aus dem doppelt abgezäunten Hochrisikobereich raus, bekommen frische Kleidung, Flip Flops, Kondome, ein wenig Geld und das aller Wichtigste – ihren negativen Ebola-Labortest und ein Zertifikat, das bestätigt, dass sie Ebola-frei sind und niemanden mehr anstecken können. Mit Gesang und Tanz kann sich dann jeder mit seinem Handabdruck auf unsere Überlebenswand verewigen. Eine wunderschöne Zeremonie.

Die „Überlebenswand“ für PatientInnen, die Ebola überlebt haben und das Zentrum verlassen können © Conny Welte/MSF

In solchen Momenten weiß man wieder ganz genau, wieso man sich das alles antut. Solche Erfahrungen prägen und bereichern einen und ich bin froh, dass ich Teil einer so grandiosen Organisation sein darf. Es gibt nicht sehr viele Jobs, die so sinnvoll, abwechslungsreich und herausfordernd sind wie bei Ärzte ohne Grenzen. Mein Traumjob!


TV-Tipp: TV-Interview mit Conny Welte über ihren Ebola-Einsatz in ORF Vorarlberg heute (siehe Video im Beitrag) und in der österreichweiten Sendung "heute mittag" am 3. Dezember 2014.

Weitere Beiträge von Conny Welte sind nachzulesen in ihrem Einsatzblog aus Myanmar.

Kommentare

Christine Schmid
Liebe Conny! Überrascht bin ich ja nicht über deinen Ebola-Einsatz. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass du mich mit deinem Bericht und auch mit dem Fernsehbeitrag, den ich zufällig gesehen habe, wieder einmal tief beeindruckst! Bleib gesund! Liebe Grüße Christine

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