Emails aus dem Einsatz20.01.2015

Von der Einsamkeit der Ebola-Kranken

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In Sierra Leone hat Ärzte ohne Grenzen ein neues Ebola-Behandlungszentrum eröffnet - der Vorort Kissy der Hauptstadt Freetown ist besonders schwer von der Epidemie betroffen. Marcus Bachmann, unser Einsatzleiter vor Ort, berichtet in seinem neuen Blogpost von den ersten Tagen nach der Eröffnung.

15. Jänner 2015

Heute Abend hat unser erster geheilter Patient unser neues Ebola-Behandlungszentrum in Kissy verlassen. Der junge Mann hat es geschafft, er hat den Kampf gegen Ebola gewonnen. Eine Woche lang war er bei uns in Behandlung und hat alle Höhen und Tiefen erlebt. Der Gesundheitszustand von Ebolapatienten kann sich innerhalb weniger Stunden drastisch verschlechtern. Er hat nicht nur die Krise überwunden, sondern hat - sobald es ihm wieder besser ging - begonnen, anderen Patienten beizustehen. Einer jungen Frau, unserer allerersten Patientin, steht er wunderbar bei, er ermuntert sie, zu trinken, er hilft ihr beim Essen. Und er macht etwas enorm Wichtiges, was wir nicht machen können: Er hält ihre Hand, er berührt sie Haut zu Haut, denn er kann sich nicht ein zweites Mal mit dem gleichen Virusstamm anstecken.


Unser neues Ebola-Behandlungszentrum in Kissy bei der Eröffnung. (c) Pablo Krause/MSF

Man stelle sich vor, die schwierigste Zeit seines Lebens ganz allein zu verbringen, umgeben von Menschen in gelber Vollschutzkleidung, kein Fleckchen Haut sichtbar, die Augen hinter einer Schutzbrille, keine Mimik erkennbar, fast keine Emotionen fühlbar. Und alles ueberschattet von dem Wissen, dass mindestens einer von zwei Patienten an Ebola verstirbt. Würde ich es schaffen, nicht ständig binär zu denken, 0 oder 1, ja oder nein, Tod oder Leben?

Dieser junge Mann hat mich in den vergangenen Tagen beeindruckt.

"Ich will das Zentrum durch diese Türe verlassen!"

... sagte er, und zeigte auf den Patientenausgang, den wir wie einen kleinen Triumphbogen gestaltet haben.

"Survivors", Überlebende, werden hier diejenigen genannt, die die Krankheit überstanden haben. Das Gesundheitsministerium von Sierra Leone veröffenlticht täglich die aktuelle Zahl der Survivors, bis zum heutigen Tag sind es 2.117.

10.238 Erkrankungen sind bis zum heutigen Tag in Sierra Leone gemeldet worden. Vor den Survivors liegt kein einfacher Weg, vielfach haben sie einen oder mehrere Familienangehörige durch Ebola verloren, oft, während sie selbst in Behandlung waren. Allzuoft werden sie stigmatisiert und von ihren Familien, ihren Freunden, ihren Nachbarn, ihrer Gemeinschaft nicht mehr willkommen geheißen. Fast alle verlieren ihre Erwerbsquelle und müssen bei null beginnen. Dieser junge Mann will für uns arbeiten, um weiterhin anderen Menschen zu helfen. Doch zuvor muss er sich erst einmal von der Erkrankung erholen.

Ich erlebe, wie das ganze Kissy-Team glücklich und stolz ist. Dieser junge Mann gibt dem Team einen riesigen Motivationsschub. Nach Wochen härtester Vorbereitungsarbeit kann das Team endlich den dringend benötigten Erfolg fühlen. Und noch viel wichtiger ist dieser Erfolg für die Menschen in Kissy, die wieder ein wenig Hoffnung schöpfen können, denn Ebola-Behandlung ist für sie einfach zugänglich geworden. Noch am Abend erhalte ich Anrufe der Repräsentanten von Kissy, die sich für die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen bedanken.

Einen Dank, den ich gerne weitergebe an alle, die das möglich machen.

In etwa einer Woche werden wir das "METC" eröffnen, ein Ebola-Behandlungszentrum für schwangere Frauen, die mit Ebola infiziert sind. Bis dahin liegt noch unendlich viel Arbeit vor uns.

Ich hoffe, es gibt schon bald mehr zu berichten...


Ein Interview mit Marcus Bachmann zur aktuellen Situation in Sierra Leone ist am 20. Jänner 2015 in der Tageszeitung Der Standard erschienen - online nachzulesen auf derstandard.at

Derzeit arbeiten rund 300 internationale und mehr als 3.600 nationale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen in den betroffenen Gebieten in Westafrika: Zur Aktivitätenübersicht

Weitere Beiträge von Marcus von seinem Einsatz in Sierra Leone lesen:
Ein Ebola-Zentrum auf einem Fußballfeld
Wie man 1,5 Millionen Menschen vor Malaria schützt

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