Florian Lems26.11.2015

An der mazedonischen Grenze

2 Kommentare

Heute ist schon mein letzter Tag in Serbien. Gerade bin ich aus Presevo zurückgekommen, einer Kleinstadt im Süden Serbiens. Hier kommen Flüchtlinge durch, die aus Mazedonien einreisen – das sind derzeit fast alle. Kaum ist man an der Grenze, sieht man sie: Eine lange Kolonne von Menschen, die zwischen Feldern und Äckern durch marschieren. Anders als an der kroatischen Grenze, wo die Menschen mit Zügen über die Grenze reisen können, müssen sie hier einen mehrere Kilometer langen Fußmarsch machen. 

Der Anblick ist unglaublich: Männer, Frauen, Familien mit Kleinkindern und alte Menschen – alle Altersgruppen überqueren bei jedem Wetter, bei Tag und Nacht die Grenze. Der Fußmarsch in das serbische Grenzdorf Miratovac ist anstrengend für die Menschen, die oft schon lange unterwegs sind, und dauert für Familien mit Kleinkindern oft bis zu zwei Stunden. Zusammen mit unserer Ärztin Carolyn bin ich die Strecke auch selbst abgegangen, um einer irakischen Familie mit ihren Kindern zu helfen. Ich muss sagen, dass der Fußmarsch auch für mich ganz schön anstrengend war. 

Jetzt, da der Winter eingesetzt hat, hat sich die Situation verschärft, weil die Flüchtlinge vielerorts durch den Schlamm waten müssen. Für besonders verletzliche Personen hat unser Team deshalb eine Art Shuttle-Dienst eingerichtet: Unsere Minibusse holen Familien mit kleinen Babys, alte Menschen oder Rollstuhlfahrer an der Grenze ab und bringen sie in das Dorf, von wo es Busse nach Presevo gibt. Leider dürfen wir hier nicht fahren wenn es dunkel ist; nachts sind die Flüchtlinge also völlig auf sich gestellt.

In Presevo müssen die Flüchtlinge sich registrieren lassen. Das ist notwendig, weil sie sonst nicht legal durch Serbien reisen können und an der kroatischen Grenze zurückgewiesen werden. Als ich in Presevo ankam, standen hunderte Menschen in der Schlange vor dem Zentrum, Tag und Nacht. Vor allem für die kleinen Kinder ist das lange Warten schwierig.

Unsere Klinik wurde neben der Warteschlange errichtet. Hier haben die Menschen die Möglichkeit, während sie warten müssen kostenlose medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Unser Team behandelt sehr viele Kinder, die aufgrund der Reise und der langen Warteperioden im Freien geschwächt und verkühlt sind. Das medizinische Team fährt auch direkt an die Grenze um grundlegende medizinische Hilfe anzubieten, wenn dies notwendig ist.

In einer Nacht wurde ich von unserem Projektkoordinator Stefan aufgeweckt: Er hatte einen Anruf bekommen, dass offenbar manche Flüchtlinge nicht mehr in das Registrierungszentrum eingelassen wurden. Wir fuhren gleich hin und sahen, dass Polizisten vor dem Zentrum die Papiere der Menschen kontrollierten – nur Syrer, Afghanen und Iraker wurden eingelassen; die anderen mussten draußen in der Kälte schlafen. Das gleiche Bild bot sich am nächsten Tag an der Grenze: Eine Gruppe von etwa 50 Menschen saß in einem Feld an der Grenze fest, weil sie abgewiesen worden waren.

Die Entscheidung, nur noch Flüchtlinge gewisser Nationalitäten durchzulassen, hat viel Chaos, Stress und Leid unter den Menschen angerichtet. Es ist natürlich nicht zulässig, Flüchtlinge nach Herkunft zu selektieren;  jeder Mensch in Not hat das Recht, um Asyl zu bitten, egal woher er oder sie kommt. Wir fürchten, dass „unerwünschte“ Flüchtlinge jetzt wieder in die Hände von Menschenschmugglern und auf illegale Routen gedrängt werden. Es ist frustrierend zu sehen, wie sich Europas Abschreckungspolitik ganz konkret auf Menschen in Not auswirkt und manche von ihnen noch mehr ins Abseits drängt.

Kommentare

Manfred Michael...
Umgang mit Menschen in Not, mit Kindern und Hilflosen. jenseits aller Zivilisiertheit. Verstösse gegen Völkerrecht. Europas Regierungen haben sich brutalisiert und - merke! - kriminalisiert.
Manfred Michael...
Umgang mit Menschen in Not, mit Kindern und Hilflosen. jenseits aller Zivilisiertheit. Verstösse gegen Völkerrecht. Europas Regierungen haben sich brutalisiert und - merke! - kriminalisiert.

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