Florian Lems25.09.2017

Yengin: Das syrische Mädchen, das im Mittelpunkt unserer #einsetzen-Kampagne steht

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In unserer aktuellen Mobilisierungskampagne wollen wir Menschen in Österreich dazu motivieren, sich aktiv für die Patienten und Patientinnen von Ärzte ohne Grenzen einzusetzen. Das Gesicht der Kampagne ist die 14-jährige Yengin aus Syrien. Sie hat uns erzählt, wie sie vor dem Krieg in ihrer Heimat nach Österreich geflüchtet ist:

Ein sonniger Juni-Tag in Wien. Im verlassenen Gebäude am Gelände des Krankenhaus Hietzing (vormals Lainzer Krankenhaus) herrscht Aufregung. Ein Team bestehend aus Filmleuten, Statistinnen, Maske und einem Fotografen ist bei der Arbeit: Eine Kulisse wird aufgebaut, Kabel verlegt, Einstellungen geprobt und diskutiert. Inmitten des Trubels liegt ein junges Mädchen in einem Krankenbett; ruhig wartet sie, bis eine Visagistin seinem Gesicht mit Schminke den letzten Schliff gegeben hat. Das Team betrachtet die junge „Patientin“; sie sieht jetzt bleich und krank aus. Der Dreh kann beginnen.

In Wirklichkeit ist das Mädchen eine gesunde, aufgeweckte Teenagerin. Sie heißt Yengin und ist die Protagonistin unserer aktuellen Kampagne. Darin wollen wir mehr Bewusstsein für die Situation in Kriegsgebieten sowie für die Herausforderungen schaffen, mit denen Patienten und Patientinnen dort konfrontiert sind – von fehlender medizinischer Versorgung bis hin zu Angriffen auf Gesundheitseinrichtungen. Menschen in Österreich wollen wir dazu motivieren, sich konkret für die Betroffenen und die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen einzusetzen – daher das Schlagwort der Kampagne: #einsetzen (wie Sie uns unterstützen können, erfahren Sie hier)

Doch zurück zu Yengin: Sie spielt eine junge Patientin, die in einem desolaten Krankenhaus im Konfliktgebiet von einem Team von Ärzte ohne Grenzen behandelt wird. In dieser Geschichte, die für unsere aktuellen TV-Spots, Plakate und Internet-Werbung nachgestellt wurde, steckt ein realer Kern. Die 14-Jährige stammt aus Syrien und hat den Krieg tatsächlich hautnah erlebt; 2015 flüchtete Yengin über die Balkan-Route nach Österreich. Ihr Schicksal steht für das tausender Menschen, die Ärzte ohne Grenzen in Syrien, entlang der Fluchtrouten und in Europa getroffen hat.

Yengin erzählt: Als der Krieg in ihrer Heimat bereits im dritten Jahr war, musste ihre Familie das erste Mal fliehen. Sie war damals zehn Jahre alt und lebte in Aleppo, wo ihr Vater ein Textilunternehmen hatte. Gemeinsam mit ihren Eltern und ihren drei Geschwistern floh Yengin in die Stadt Kobane, nahe der türkischen Grenze. Doch der Krieg holte sie ein: Der sogenannte Islamische Staat nahm die Stadt ein, es folgte ein verbitterter Kampf und massive Bombardements. „Es fielen so viele Bomben, alle Häuser waren zerstört. Jeden Tag sind viele Leute gestorben, es war so schlimm!“, erinnert sich Yengin. Auch das Haus ihrer Familie wurde zerstört; Eltern und Kinder konnten jedoch unter großen Gefahren zu Fuß über die verminte türkische Grenze flüchten.

Die Familie floh zunächst nach Istanbul, wo sie unter sehr schwierigen Bedingungen lebte: „Wir alle mussten von 7 Uhr in der Früh bis 20 Uhr abends in einer Schneiderei arbeiten, auch wir Kinder“, berichtet Yengin. „Trotzdem hatten wir kaum genug, um zu leben oder die Miete zu bezahlen. Oft bekamen wir nicht einmal unseren Lohn ausbezahlt.“ Nach zehn Monaten in der Türkei setzten Yengin und ihre ältere Schwester ihre Flucht fort; sie hielten es nicht mehr aus und überzeugten ihre Eltern, dass sie sich Verwandten anschließen durften, die über Griechenland nach Europa flüchteten. „Wir fuhren zuerst mit einem Boot, dann mussten wir sehr lange zu Fuß gehen. Wir waren gezwungen, draußen zu schlafen, einfach neben dem Weg. Es war so kalt!“, erinnert sich das Mädchen.

So kam Yengin im Herbst 2015 über den Balkan nach Österreich, wo ihr die nächste Odyssee bevorstand: Zunächst verbrachten sie und ihre Schwester einige Monate im Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen, bevor sie nach Graz gebracht wurden. Von dort wurden sie wiederum in die Slowakei gebracht, nach einem Monat zurück nach Österreich. „Warum, weiß ich auch nicht genau“, sagt das Mädchen. Schließlich wurden sie in Wien von einer Pflegefamilie aufgenommen. „Das war sehr gut. Meine Familie hat mir aber gefehlt, und meine Mutter hat sich natürlich große Sorgen gemacht. Wir haben jeden Tag telefoniert.“

Yengins Geschichte hat ein Happy End: Im Februar dieses Jahres durften ihre Eltern und Geschwister im Rahmen der Familienzusammenführung nach Österreich einreisen – eine legale Fluchtmöglichkeit, die die allermeisten Flüchtenden nicht haben.  

Ein großes Dankeschön an Yengin und ihre Familie für ihre Unterstützung bei unserer Kampagne!

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