Hanna Spegel09.11.2015

"Asyl ist ein Recht und keine Geschmacksfrage." - Public Talk in Wien

2 Kommentare

"Auf der Flucht: Was kann humanitäre Hilfe leisten?" Diesem Thema widmete sich ein Public Talk von Ärzte ohne Grenzen am 7. November in Wien. Ein hochkarätiges Podium diskutierte mit rund 250 Gästen im Theater Odeon darüber, was Ankommende wirklich brauchen, wieso sich der Staat nicht aus der Verantwortung stehlen darf und warum humanitäre Herzenswärme mindestens so wichtig ist wie 2-3 Tabletten.

60 Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Krieg, Unterdrückung und Folter. Die Welt ist mit der schlimmsten Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert. Aufgrund der Ausnahmesituation in diesem Sommer, bei der die Versorgung von Menschen auf der Flucht immer wieder an ihre Grenzen stieß, sprangen Hilfsorganisationen und die Zivilgesellschaft ein. Aber was kann humanitäre Hilfe, was kann die Zivilgesellschaft leisten?

Unter der Moderation von Irene Jancsy, Leitung Kommunikation von Ärzte ohne Grenzen Österreich, diskutierten:

  • Livia Klingl, ehem. Kriegsberichterstatterin und Autorin von "Wir können doch nicht alle nehmen!"
  • Jochen Petri, Koordinator, Initiative "Train of Hope"
  • Margaretha Maleh, Psychotherapeutin und Präsidentin, Ärzte ohne Grenzen
  • Franz Luef, Einsatzleiter (u.a. Syrien) und Humanitarian Affairs Officer, Ärzte ohne Grenzen

Margaretha Maleh war kürzlich selbst vor Ort in Aufnahmezentren entlang der slowenisch-kroatischen Grenze und schildert ihre Eindrücke: Flüchtende müssen unter unmenschlichen Behandlungen die Nacht im Freien bei Kälte und Regen verbringen, es gibt weder warmes Essen noch Tee oder Heißgetränke, es fehlen Sanitäreinrichtungen und es kommt zu stundenlangen Wartezeiten bei der Registrierung. Darüber hinaus führt der Mangel an Informationen für zusätzlichen Stress: "Als Psychotherapeutin ist das besonders schwer auszuhalten, dass die Menschen einfach nicht informiert werden: Was passiert als nächstes, wo komme ich hin, wo gibt es medizinische Hilfe?" Auch eine Teilnehmerin aus dem Publikum unterstreicht, dass Informationen für Ankommende die wichtigste Ressource sind, um beispielsweise durch den Behördendschungel zu finden.

Die Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen fordert daher, dass die Basisversorgung von Flüchtlingen und deren Schutz abgedeckt werden und dabei ein Fokus auf besonders verletzliche Gruppen wie Kinder, Minderjährige, Schwangere, Kranke, behinderte sowie ältere Menschen gelegt wird. Auch die psychosoziale Unterstützung darf nicht zu kurz kommen, denn:


Autorin Livia Klingl berichtete von ihren Erfahrungen als Kriegsberichterstatterin im ehemaligen Jugoslawien: "Bürgerkrieg ist eine der schlimmsten Formen des Krieges. Das Entsetzliche ist der Vertrauensverlust: Nachbarn werden zum Feind." Menschen, mit denen man bis vor Kurzem noch Tee getrunken und Feste gefeiert hatte, werden durch Instrumentalisierung zum Gegner. Insbesondere in Anbetracht der Situation in Syrien war daher bereits vor Langem klar, dass weiterhin Menschen flüchten würden. Doch: "Die EU hatte und hat keine adäquate Reaktion für die Situation!" Auch die staatliche Hilfe für Flüchtlinge hat laut der Autorin versagt:

Menschliche Erstversorgung für Schutzsuchende

"Train of Hope" ist ein solcher Zusammenschluss privater HelferInnen, und zwar "aus dem Bedürfnis heraus entstanden, eine menschliche Erstversorgung für Schutzsuchende anzubieten", so Koordinator Jochen Petri. Was mit einer Kiste Äpfel und ein paar Flaschen Wasser am Hauptbahnhof begann, wurde zu einem großen Netzwerk an UnterstützerInnen. "Bald war klar, dass wir das nicht mehr zu fünft packen, denn niemand tut etwas." Daher setzte die Initiative schon von Anbeginn an auf Social Media, um Spenden und Hilfskräfte zu mobilisieren. Doch trotz des Erfolges wünscht er sich eine bessere Zusammenarbeit, schnellere Reaktion & mehr Informationsaustausch zwischen öffentlichen Stellen und Privatinitiativen.

Auch die Initiative "Medical Aid for Refugees" (mitbegründet von Ärzte ohne Grenzen) widmet sich dem Zweck, möglichst rasch und unbürokratisch Hilfe für Flüchtlinge zu leisten, und vermittelt medizinische Fachkräfte. Seit dem Start bis Mitte Oktober wurden so bereits 1.000+ Stunden ärztlicher Hilfe für Flüchtende vermittelt, berichtet Franz Luef. Im globalen Kontext betrachtet braucht außerdem Europa die Migration - das ist eine Tatsache, unterstreicht der humanitäre Experte: Zum Beispiel um dem zukünftig erwarteten Fachkräfte-Mangel im Gesundheitsbereich zu begegnen (siehe Blogbeitrag "Gesundheit in Europa").

Der Notfall-Koordinator und Einsatzleiter in Ländern wie Kolumbien, dem Sudan, Nigeria, dem Jemen und Syrien unterstreicht ebenfalls die Wichtigkeit psychosozialer Unterstützung, die über rein medizinische Bedarfsdeckung hinausgeht. So schildert er einen Filmabend in einem Feldspital von Ärzte ohne Grenzen im Norden von Aleppo, bei dem spontan der Trickfilm "Monsters INC." gezeigt wurde. Denn:

Abschließend wurde festgehalten, dass sich trotz des Engagements von Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen oder Privatinitiativen wie "Train of Hope" der Staat nicht aus der Verantwortung ziehen darf, was die Versorgung von Flüchtlingen betrifft. Denn "Asyl ist ein Recht, und keine Geschmacksfrage!", unterstreicht Autorin Livia Klingl. Und um darauf hinzuweisen, "werden wir alle gemeinsam weiter lästig bleiben!", so Irene Jancsy.

Vielen Dank nicht nur an die rund 250 anwesenden Gäste und das Podium, sondern auch an zahlreiche aktive Twitteristi für das Interesse und das Engagement an einem Samstag Abend!

Kommentare

Dr. med. Tobias...
Vielleicht sollte MSF über die üblichen, und anderen Orts auch sinnvollen internen Standards ja mal hinweg medizinische Fachkräfte einbinden. Besser eine Lungenentzündung rechtzeitig behandelt als einen internen Standard genügegeleistet. Ich wurde als erfahrener Kinderarzt mit kompletter auch medikamentöser Ausrüstung für die Mithilfe in Brezice vor 5 Tagen sehr unfreundlich abgelehnt.
eva.bermadinger
Sehr geehrter Herr Dr. med. Tobias, vielen Dank für Ihr Kommentar und Ihr Engagement für Menschen auf der Flucht! Es tut mir sehr leid zu hören, dass Sie eine unfreundliche Antwort auf Ihr Hilfsangebot erhalten haben. Nach meinem Informationsstand waren wir jedoch Anfang November aufgrund der veränderten Situation in Slowenien bereits dabei, unsere Aktivitäten in Brezice wieder einzustellen. Unser mobiles Team ist momentan in Spielfeld tätig um dort Organisationen bei der medizinischen Hilfe zu unterstützen. Sollten Sie jedoch an einer längerfristigen Einsatzmitarbeit bei Ärzte ohne Grenzen interessiert sein, freut sich unsere Personalabteilung in Wien auf Ihre Kontaktaufnahme! Erfahrene Kinderärzte werden immer gesucht - Details dazu finden Sie auch im Website-Bereich "Mitarbeit im Einsatz". Herzliche Grüße, Eva Bermadinger (HR-Team)

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