International Bloggers20.10.2020

Seenotrettung: Zeugnisse vom Leben auf der Flucht

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Ilina Angelova arbeitete im August und September als humanitäre Beraterin für Ärzte ohne Grenzen an Bord des Seenotrettungsschiffs Sea-Watch 4. Sie hörte zahlreiche Berichte der Menschen an Bord – über ihre Erfahrungen in ihren Herkunftsländern, auf ihrer Route durch die Sahara, in Libyen und auf See. Diese, großteils, schrecklichen Geschichten, teilt Ilina hier.

Patrick erzählte mir von seiner Zeit in Libyen und wie er dort in Gefangenschaft gehalten wurde. Eines Tages wurde er von seinen Entführern mitgenommen, um für den Kommandeur einer bewaffneten Gruppe zu arbeiten. Das Gelände befand sich in der Nähe einer großen Straße im Zentrum einer Stadt. Es war hinter einer hohen Betonmauer versteckt, sodass niemand sehen konnte, was dort vor sich ging. Patrick war – zusammen mit anderen Geflüchteten – gezwungen, am Haus des Kommandanten zu arbeiten. Es gab eine Regel: Sie durften überhaupt nicht sprechen, husten oder Lärm machen. Jeder, der gegen diese Regel verstieß, wurde erschossen.

Von den vielen Berichten, die ich hörte, ist dies der, den ich am schwersten vergessen kann. Ich kann mir die belebte Straße und die Stadt voller Leben vorstellen, während hinter einer hohen, undurchdringlichen Mauer eine Gruppe verängstigter Männer in völliger Stille arbeitet, versteckt vor dem Rest der Welt, aus Angst, sie könnten jeden Moment ihr Leben verlieren. Als mir Patrick seine Geschichte erzählte, konnte ich verstehen, warum er mitten in der Nacht auf das dünne Schlauchboot gestiegen war. Er wollte um jeden Preis fliehen – trotz der hohen Wahrscheinlichkeit, zu kentern und zu ertrinken. Das traurige Schicksal von mehr als 473 Menschen, die in diesem Jahr bereits im zentralen Mittelmeer ihr Leben verloren hatten, konnte ihn nicht abschrecken. Auch nicht die Tatsache, dass er nicht schwimmen kann.

Mit letzten Kräften

Bei den 354 Menschen, die wir retteten, hinterließ die Reise Spuren. Die Stunden und Tage, die sie den Wellen in instabilen, überfüllten Booten ausgeliefert waren, in der glühenden Hitze der Augustsonne – und durch die kalten, dunklen Stunden der Nacht – hatten viele an ihre Grenzen gebracht. Die Leute, die an Deck kamen, waren mit ihren Kräften am Ende. Seekrank und dehydriert, brachen einige sofort vor Erschöpfung zusammen und konnten mehrere Stunden lang nicht aufstehen oder auch nur einen Löffel Reis heben. Mindestens 150 der Überlebenden hatten drei Tage und Nächte in einem Schlauchboot mit einem kaputten Motor ohne Nahrung oder Wasser verbracht. Viele hatten stundenlang in einer gefährlichen und ätzenden Mischung aus Benzin und Salzwasser gesessen, die schwere und äußerst schmerzhafte Verätzungen auf ihrer Haut verursacht hatte.

Die meisten Menschen, mit denen ich in diesen ersten Minuten gesprochen habe, konnten sich nicht einmal an ihr Alter oder ihre Nationalität erinnern. Als ich ihnen die Frage in einer anderen Sprache erneut stellte, stieß ich oft auf einen Ausdruck fassungsloser Stille. Für mich drückte dies stärker ihr Trauma aus, als es jedes laute Wort je vermocht hätte.

Die Liste der Unmenschlichkeit

Nach den hektischen Stunden der Rettungsaktionen wurden Lebensmitteln, Kleidung und Hygieneartikeln verteilt. Wir leisteten medizinische Versorgung für alle, die nicht ohnehin notfallbedingte Soforthilfe gebraucht hatten, und kümmerten uns um anderweitige dringende Bedürfnisse. Als die Menschen wieder zu Kräften kamen und sich sicher genug fühlten, kamen viele zu mir um ihre Erfahrungen zu teilen. 

Ich traf einen jungen Mann mit Granatsplittern in seinem Körper, die Folge einer Explosion in Tripolis, bei der sein Vater und seine jüngere Schwester getötet wurden. Ich sprach mit einem Teenager mit Schusswunde am Fuß. Er wurde von einem Scharfschützen angeschossen, als er Essen besorgen wollte. Im Krankenhaus lehnte man ab, ihn zu versorgen, weil er ein Schwarzafrikaner war. Ich saß mit einer Mutter zusammen, die zu ängstlich war, ihr Kleinkind mehr als ein paar Meter entfernt herumlaufen zu lassen. Sie hatte mitansehen müssen, wie bewaffnete Männer die Babys anderer Frauen lebendig im Sand begruben. Diese Liste mit grausamen Geschichten von Menschen auf der Flucht ist lang. Sehr lang. Jede Narbe, jedes entstellte und zerstörte Körperteil sind ein Beleg dafür, was den Menschen auf ihrer Flucht angetan wird – wie die Menschheit mit Füßen getreten wird.

Das Wartespiel

Elf Tage lang warteten wir darauf, dass die Behörden der Sea-Watch 4 einen sicheren Hafen zuwiesen. Es war schrecklich zu sehen, wie diese absichtliche Verzögerung zusätzliches Leid bei den Menschen, die wir gerettet hatten, verursachte.
Nach einer Woche kam eine verstörte Frau zu mir. Sie packte meine Hände und fragte mich mit flehender, panischer Stimme, ob wir sie nach Libyen zurückbringen würden. Der abwesende Ausdruck in ihren Augen, die normalerweise voller Empathie und Wärme waren, sagte mir, dass sie in ihren Gedanken wieder an dem Ort war, vor dem sie hatte fliehen wollen. Sie stellte mir jeden Tag mehrmals dieselbe Frage, mit wachsender Dringlichkeit und Besorgnis:

Sagen Sie mir. Sagen Sie mir! Werden Sie uns zurückbringen?

So erschöpft und ängstlich die Menschen in diesen schwierigen Tagen auch waren, es war bewegend zu sehen, wie sie ihr höfliches und fürsorgliches Verhalten gegenüber der Besatzung beibehielten. Lange Arbeitstage in sengender Hitze und anstrengende Nachtschichten zehrten auch an uns. Unsere Erschöpfung zu verbergen war selbst hinter den Schichten unserer Schutzausrüstung unmöglich. Die geretteten Menschen an Bord boten uns immer wieder Hilfe bei unseren Aufgaben an. Sie fragten, ob es uns gut gehe und sagten, dass wir uns etwas ausruhen sollten. Auch vor dem Essen fragten sie, ob wir schon gegessen hätten und luden uns wiederholt ein, ihr Essen mit uns zu teilen. 

Der Abschied

Am elften Tag nach der ersten Rettung erhielten wir endlich die Mitteilung, die die Erleichterung brachte, die wir so dringend benötigten: Die italienischen Behörden wiesen die Sea-Watch 4 an, Palermo auf Sizilien anzulaufen, wo die Menschen auf ein Quarantäneschiff gebracht werden sollten.
Die Geretteten begannen, einzeln das Schiff zu verlassen. Wegen der Covid-19-Präventionsmaßnahmen konnten wir sie nicht umarmen. Deshalb grüßten wir sie zum Abschied, indem wir mit unseren Händen Herzen formten und winkten. Sie winkten zurück, während sie die Fähre betraten. Sie waren endlich in Europa angekommen, nach Monaten und Jahren des Elends.

Ich habe verstanden, welch unvorstellbar hohen Preis sie bezahlt haben, um bis hierhin zu kommen: Monate und Jahre der Ausbeutung; Eltern, Kinder und Verwandte, die sie auf dem Weg verloren haben; Freunde, die sie zurücklassen mussten oder die ertranken. In den letzten Minuten, die wir zusammen verbrachten, fielen Worte der Dankbarkeit und der Aufmunterung. Einige baten uns, mit der Seenotrettung weiterzumachen, damit niemand im Stich gelassen wird. Wir hätten gerne gesagt, dass wir das tun würden, aber wir wussten, dass dies ein Versprechen gewesen wäre, dessen Einlösung nicht in unserer Hand war, dass das Schicksal unseres Schiffes schon vorherbestimmt war. Dass man uns nicht erlauben würde, wieder auszulaufen, sobald wir in einen italienischen Hafen einliefen.
Wir hatten Recht. Fünfzehn Tage, nachdem die von uns geretteten Menschen unser Schiff verlassen hatten, wurde die Sea-Watch 4 von den Behörden festgesetzt. Die Formalitäten, die als Grund für die Blockade genannt wurden, verschleiern nur notdürftig die politisch motivierte Entscheidung, zum fünften Mal in fünf Monaten die überlebenswichtige Hilfe durch ein Rettungsschiff im zentralen Mittelmeer zu verhindern.

Während ich nun hier festsitze, daran gehindert, meinen Job auf dem Mittelmeer zu machen, denke ich an diejenigen, die wir nicht gerettet haben und nicht retten werden, weil man uns die Möglichkeit dazu genommen hat. Ich denke darüber nach, was es bedeutet, sein Leben zu riskieren für die Chance auf eine sichere, normale und würdevolle Existenz. Ich denke an diese Menschen, die ich wahrscheinlich nie treffen werde, und hoffe, dass sie den Hindernissen trotzen werden, die Europa zu ihrer Abwehr aufgebaut hat, und dass sie irgendwie einen sicheren Ort erreichen.

Die Namen wurden geändert.

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