Irene Jancsy19.10.2016

Kommunikation zwischen den Welten

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Der folgende Text ist eine Zusammenfassung eines Vortrags, den Irene Jancsy am 18.Oktober 2016 im Rahmen der Fachtagung "Flucht aus Frauenperspektive: Bleibt die Gesundheit auf der Strecke?" in Wien hielt.

Die Bedeutung der interkulturellen Kompetenz im Gespräch zwischen Helfenden und Hilfesuchenden.

Vordergründig mag interkulturelle Kompetenz in der Kommunikation auf die Fähigkeit reduziert werden, eine Fremdsprache flüssig zu sprechen oder effektiv mit einer Dolmetscherin zusammenzuarbeiten. Wer Erfahrung in Gesprächen mit Menschen aus anderen Kulturkreisen hat, weiß jedoch, wie leicht es dabei zu Missverständnissen, Irritationen und  Fehlern kommt, auch wenn scheinbar die richtigen Worte ausgetauscht wurden. 

„Get the meaning, not the words“ ist eine Grundregel für interkulturelle Kommunikation: Nicht nur die Worte des Gegenübers verstehen, sondern erfassen, was er oder sie tatsächlich mitteilen will. In der Praxis heißt das, immer wieder aufs Neue zu hinterfragen, ob wir bei der Interpretation des Gesagten durch unsere eigenen Erfahrungen und Grundannahmen (fehl)geleitet wurden.

Ist alles ausformuliert, oder blieb das Wesentliche ungesagt?

Nicht umsonst setzt der Begründer der Interkulturellen Kommunikationsforschung, Edward T. Hall, eine enge Verbindung zwischen Kultur und Kommunikation her. Hall unterschied Kommunikationsstile in „low context“ und „high context“: Der eine direkt, linear, auf den Inhalt fokussiert, der andere umschreibend, zirkulär, mehr an der Beziehung als am Inhalt orientiert, ein Stil also, bei dem manches unausgesprochen bleibt und eine gute Kenntnis des Kontexts vorausgesetzt ist.

Was bedeutet das für den Alltag der Hilfe, wie die Teams von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) sie in rund 70 Ländern leisten?  Rund um die Welt sind Kommunikation und Zeit die Schlüssel zu einem erfolgreichen Austausch zwischen Arzt/Ärztin und PatientInnen. Dies gilt umso mehr bei Menschen, die aufgrund einer akuten Krisensituation, wie etwa Krieg oder Flucht, unter extremem Stress stehen. Als Helfende müssen wir ein ums andere Mal hinterfragen: Haben wir, was die Frau auf der Flucht uns sagt, richtig verstanden? Wie drückt sie ihre Beschwerden aus? Ist alles ausformuliert, oder blieb das Wesentliche ungesagt?

„Weniger selber reden, mehr zuhören“

– diese Erkenntnis brachte kürzlich ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen aus seinem Einsatz in griechischen Flüchtlingslagern zurück. In den Hilfsprogrammen für Menschen auf der Flucht nach Europa setzt Ärzte ohne Grenzen erstmals neben den „health promoters“, die für Gesundheitsaufklärung sorgen, auch kulturelle Mediatoren ein – Personen, die aufgrund ihres Hintergrunds in der Kommunikation mit den Flüchtenden vermitteln können. Die Erfahrung nach einigen Monaten zeigt: Die Möglichkeit, die eigene Geschichte im informellen Rahmen erzählen zu können, schafft oft erst die Basis für Gespräche über die medizinischen Bedürfnisse.

Nur wer zuhört, nachfragt, Empathie und Respekt über die vorschnelle Interpretation stellt und die eigene Bewertung kritisch hinterfragt, wird letztlich erfolgreich zwischen den Kulturen kommunizieren.

Irene Jancsy arbeitet für die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen /Médecins Sans Frontières (MSF). Zehn Jahre leitete sie die Kommunikationsabteilung der österreichischen Sektion, seit Mai 2016 widmet sie sich der Weiterentwicklung von Kommunikationsaktivitäten in den Einsatzländern der Organisation. Ihr beruflicher Hintergrund liegt im Journalismus, sie arbeitete u.a. für das Nachrichtenmagazin profil, von 1994-98 als Korrespondentin aus New York. Die studierte Romanistin, die auch als interkulturelle Trainerin und Beraterin tätig ist, lebt mit ihrer Familie in Wien. 

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