Jakob Krösslhuber24.11.2020

5 Dinge, die ich über Pakistan gelernt habe

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Neben medizinischen Herausforderungen, steht man im Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen auch oft vor der Herausforderung, sich in einer unbekannten Umgebung zurechtzufinden. Dinge laufen dort oft anders als in Österreich. Menschen haben andere Gewohnheiten. Jakob Krösslhuber, derzeit als Kinderarzt in Pakistan auf Einsatz, hat darüber reflektiert: 

Wieder einmal willkommen bei meinem Blog. Viele Leute fragen mich, wie es mir mit der Kultur und den Sitten in Ländern, wie Pakistan, geht? Hier ist die Liste mit meinen Erfahrungen:

1. Pakistan ist mehr, als in unseren Medien berichtet wird. 

Im Fernsehen zeigen die Nachrichten oft verstörende Bilder von Attentaten oder anderen Katastrophen mit aufgebrachten Menschen, wenn es um Länder im Nahen und Mittleren Osten geht. Im alltäglichen Leben ist es aber viel ruhiger. Die Menschen hier sind offen und freundlich. Freundlicher als in Europa. Ich glaube, das liegt auch daran, dass die Zeit eine untergeordnete Rolle spielt und dadurch die Leute weniger gestresst sind. Es wird mehr Zeit in den Umgang mit Mitmenschen investiert, z.B. auf Begrüßung und Verabschiedung. 

2. Es wird weniger nach der Uhr gelebt. 

Dadurch wird auch der Pünktlichkeit und strikten Zeitplänen weniger Bedeutung beigemessen als bei uns, ich sehe das beim Schichtwechsel. Besonders am Wochenende wird oft früher oder später als planmäßig vorgesehen übergeben. Keiner ist beleidigt, wenn er länger im Krankenhaus bleiben muss, weil viel los ist oder ein Notfall eintritt, nein, das wird gelassen hingenommen. 
Möchte man aber pünktlich die Übergabe beginnen, ist das nicht immer leicht. Eine ist zehn Minuten zu früh da, der andere eine halbe Stunde zu spät. Ich glaube es ist koordinierter geworden, seit ich hier bin, aber vielleicht habe mich einfach daran gewöhnt - wer weiß das schon so genau. 

3. Tee trinken ist immer gut - am besten mit Milch und Zucker.

Wenn die Zeit es zulässt, dann freue ich mich ganz besonders auf den gemeinsamen Tee nach der Visite. Einer vom Team bereitet Chai (Schwarztee) für alle und jeder trinkt ihn anders. Sehr beliebt ist Chai mit einer Menge Milchpulver und ebenso viel Zucker, dadurch schmeckt er schon fast wie Kakao. Über meinen Schwarztee ohne Milch und ohne Zucker amüsieren sich die Einheimischen und witzeln darüber, ob ich mir denn in Österreich kein Milchpulver und keinen Zucker leisten kann?! 

4. Slim-Fit ist hier gerade nicht modern.

Aber auch in der Krankenhauskleidung habe ich schon für Heiterkeit gesorgt. Morgens beim Umkleiden nehmen wir uns das grüne Gewand für die Neonatologie aus dem Schrank. Das Personal liebt es große und weite Kleidung zu tragen, eng anliegende Kleidung ist befremdlich für die meisten. Nun kann es passieren, dass ich wegen eines anderen Termins oder eines Meetings später komme und nur mehr kleine Größen vorfinde. Der Größte und Schwerste kommt also mit offenbar viel zu engen Sachen auf die Station! Die Kollegen belächeln mich. Aber auch ich muss mich an die Bekleidungsvorschriften halten!

5. Pakistani sind tolle GesprächspartnerInnen.

Auf der Straße tragen alle Frauen Kopftücher, nur wenige sind verschleiert oder tragen eine Burka. Auf der Station werden die Haare des weiblichen Personals nicht immer verhüllt, das Kopftuch wird auch etwas schlampiger getragen oder wird zum Schal. Die Mütter unserer kleinen Patientinnen und Patienten sind da schon etwas strikter, für sie ist die Umgebung nicht so vertraut. Leider kann ich mich mit ihnen nicht unterhalten. Meine drei Wörter Paschtu reichen nicht aus. 
Mit den Ärztinnen und den Krankenschwestern ist die Sprachbarriere deutlich kleiner. Wir diskutieren bei der Visite und sprechen beim Tee über alles Mögliche. Noch ungezwungener ist für mich als Mann schon noch der Umgang es mit dem männlichen Personal, ganz offen und ungezwungen.  

Ob ich mich durch Einsätze verändere? Wahrscheinlich schon. Immer wieder lerne ich neue Menschen, neue Sichtweisen und Gewohnheiten, neue Fertigkeiten und Kulturen kennen. Ich lerne Missverständnisse anzusprechen anstatt mich zu beschweren. Geduld, glaube ich, hatte ich schon auch zuvor, aber in jeder Mission wird sie wieder trainiert, genauso wie Flexibilität. All das lässt mich offener und gelassener werden und verändert mich zum Positiven, so hoffe ich zumindest.

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