Jakob Krösslhuber16.11.2020

Ein Tag im Peschawar Women Hospital

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Jakob Krösslhuber, zurzeit als Kinderarzt in Pakistan im Einsatz, beschreibt einen ganz normalen Arbeitstag:

Hallo wieder einmal vom Einsatz in Peschawar mit Ärzte ohne Grenzen. Oft bekomme ich die Frage gestellt, wie es denn so in Peschawar ist. Also berichte ich diesmal von einem typischen Tag:

Start in den Tag mit Yoga

Um 6:25 Uhr klingelt der Wecker, inzwischen ist es dunkel um diese Zeit. Der Tag beginnt für mich seit Neuestem mit einer halben Stunde Yoga am Morgen. Zu zweit oder zu dritt wird im Wohnzimmer gedehnt und balanciert. Nach der Dusche frühstücken wir mit Cafe und Müsli, und nebenbei wird das Telefon auf Nachrichten von Zuhause gecheckt. 

Pünktlich um acht fängt die Morgenübergabe an. Zumindest pünktlich nach pakistanischen Verhältnissen, also meistens fünf bis zehn Minuten verspätet. Der Nachtdienst-Arzt gibt einen kurzen Überblick über die Situation auf der Station: belegte Betten und Probleme in der Nacht. Danach gehen wir gemeinsam mit dem Tagdienst-Arzt und den Pflegerinnen und Pflegern von Bett zu Bett und jede kleine Patientin und jeder kleiner Patient wird einzeln übergeben. Anschließend treffen sich alle Stationsleitungen des Krankenhauses zum Supervisor Meeting um die Informationen der jeweiligen Abteilungen zur teilen.

Die Morgen-Visite

Nun endlich fängt die „echte“ Arbeit, die kinderärztliche Arbeit, an. Meist sind wir drei Ärzte, der diensthabende Arzt, die stationsführende Ärztin und der Expat, das bin ich. Dazu noch die zuständige Pflegerin bzw. Pfleger. 
Die Neugeborenen liegen in ihren kleinen Bettchen meist unter der Wärmelampe und werden vom untersuchenden Arzt ausgezogen und klinisch untersucht. Wir hören das Herz und die Lunge ab, tasten den Bauch ab und beurteilen die Reflexe und wie das Kind sich bewegt. Gelegentlich verschicken wir auch ein Labor, aber sehr selten. Auch eine Ultraschall-Untersuchung oder ein Röntgen sind nur in einem anderen Krankenhaus möglich. Dazu müssen die Kinder mit der Ambulanz dorthin gebracht werden, und stabil genug dafür sein. 
Wir kontrollieren die Kurve der Kinder und besprechen Temperatur, Herzfrequenz, Atemfrequenz und Fütterungsmenge. Dabei werden Fragen gestellt, Erfahrungen ausgetauscht und diskutiert. Gemeinsam erarbeiten wir einen Plan für die nächsten 24 Stunden. Immer wieder werden wir auch im Kreissaal benötigt um frische Neugeborene zu empfangen, also unterbrechen wir die Visite oder setzten sie alleine oder zu zweit fort. 

So gehen wir alle Stationen durch, zuerst die ICU (Intensiv), dort liegen die sehr kranken Kinder, welche z.B. CPAP benötigen oder sehr klein sind. Die HDU (High Dependency Unit) folgt danach. Dort sind Neugeborene mit Sauerstoff oder mit intravenöser Flüssigkeit, meist etwas stabiler als die ICU Patienten, ebenso die LDU (Low Dependency Unit) und die IPD (Inpatient Department), dort sind meist stabile Kinder kurzzeitig zur Beobachtung und zur Gewichtszunahme nach der Geburt. 

Und manchmal bleibt sogar noch Zeit für einen gemeinsamen Tee. 

Mittagspause und Protokolle überarbeiten

Um eins wartet für die Expats ein Mittagessen im Guesthouse. Kasim, unser Koch, kocht viel und gut. Die Verlockung alle seine Köstlichkeiten durchzukosten ist groß und ich lange kräftig zu. Danach noch ein kurzer Kaffee und um zwei sind wir wieder im Hospital. 

Nachmittags ist es ruhiger. Wir nützen die Zeit für das eine oder andere Meeting, Protokolle überarbeiten oder Computerarbeiten. Nach einem kurzen Blick in die NBU (Newborn Unit) zu den ganz „Frischen“ geht es wieder zurück ins Guesthouse. 

Workout oder relaxen? 

Nun wäre Zeit für ein Training im kleinen Gym, meist aber relaxen wir bis zum Abendessen. Dazu wärmen wir uns entweder Reste vom Mittagessen oder bereiten uns einen Salat. Der eine oder andere bestellt sich was, Lieferservice in Pakistan funktioniert überraschenderweise recht gut. 

Den Abend unterhalten wir uns auf der Terrasse oder wir schauen einen Film – wenn wir nicht noch einmal ins Krankenhaus gerufen werden. Um elf bin ich bereits so müde, dass ich mich auf das Bett freue. 

Dies ist ein Tag, wie er sein könnte. Er könnte aber auch ganz anders verlaufen, mit einem Training für das Personal oder mit medizinischen Überraschungen. Hier gleicht kein Tag dem anderen, jeder ist anders. 

 

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