Marcus Bachmann17.11.2017

Krieg überlebt – Mit dem Trauma alleingelassen?

0 Kommentare

Was sind die Folgen von traumatisierender Erfahrung von Folter- und Krieg? Was sind die Langzeitfolgen für Geflüchtete aus Kriegs- und Konfliktgebieten? Zum Verlust des Vertrauens kommen oft noch Verlust nahestehender Angehöriger, Verlust der Heimat, die Trennung von der Familie und Ungewissheit, wie es weitergeht. Kann das behandelt werden, noch dazu über sprachliche und kulturelle Barrieren hinweg?

Der Verein Hemayat macht es möglich: Das Betreuungszentrum in Wien behandelt schwer traumatisierte Menschen psychologisch, psychotherapeutisch und medizinisch. Das Modell von Hemayat setzt auf niederschwelligen Zugang, auf speziell geschulte Übersetzer und Übersetzerinnen und baut auf langjährige Erfahrung der Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen in diesem Bereich. Darüber sprachen am 16.11. Puls4-Infochefin Corinna Milborn mit Barbara Preitler (Hemayat), Mario Thaler (Ärzte ohne Grenzen) und dem Integrationsexperten Kenan Güngör im Rahmen unseres Public Talks im Wiener Freud Museum.  Die gesamte Diskussion können Sie sich im Video ansehen:

 

In Österreich besteht eine große Lücke im psychosozialen Betreuungsangebot für Flüchtlinge. Davon kündet nicht nur die Warteliste von Hemayat mit derzeit 468 Erwachsenen und 74 Kindern, die dringend auf einen Therapieplatz warten. Das deckt sich auch mit einer Bedarfserhebung von Ärzte ohne Grenzen im Jahre 2016, die ein großes Defizit im Bereich der psychologischen Betreuung von Flüchtlingen zeigte. Daher unterstützt Ärzte ohne Grenzen seit einem Jahr Hemayat. Dabei geht es nicht nur um finanzielle Unterstützung, um kurz- und mittelfristig die Kapazitäten auszubauen, sondern auch darum aufzuzeigen, dass es effektive und effiziente Modelle gibt.

Das Projekt sollte aber auch als Katalysator für eine Systemveränderung wirken. In Österreich muss psychologische und psychotherapeutische Betreuung von Geflüchteten systematisch und ausreichend verfügbar sein. Doch die Verantwortung für die Versorgung von Betroffenen ist extrem fragmentiert und nicht immer im richtigen Ministerium angesiedelt. Ist das Innenministerium, das vor allem auf Sicherheit fokussiert ist, tatsächlich am besten geeignet, Verantwortung für die Betreuung traumatisierter Asylsuchender zu tragen – oder sollte das Gesundheitsministerium eine wichtigere Rolle spielen? Die derzeitige Fragmentierung der Zuständigkeiten allein erzeugt viele Lücken bzw. Konflikte. Und ja, es braucht auch nachhaltige finanzielle Ressourcenausstattung. Hemayat und Ärzte ohne Grenzen können helfen, die Lücke kurzfristig zu verkleinern, aber können nicht das System ersetzen.

Kommentar verfassen

* Diese Angabe wird benötigt.

Teilen

Vervielfältigen

Mehr von Marcus Bachmann