Martin Zinggl14.10.2014

Astronautin mit Baby im Arm

3 Kommentare

Heute möchte ich einer meiner Kolleginnen während meines achtwöchigen Einsatzes in Liberia vorstellen: Karin.

Dass Karin Taus einmal äußerlich zerbricht, ist zwar kein Ding der Unmöglichkeit, allerdings keine leichte Aufgabe. Karin ist eine starke Frau, in jederlei Hinsicht.

Die niederösterreichische Krankenschwester im Dienste von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) hat bereits viel gesehen und erlebt – zuletzt hautnah auch die Kriege in Syrien und Südsudan. „Ebola“, sagt sie, „klang für mich nach etwas Speziellem, einer Herausforderung.“ Und Karin mag Herausforderungen, denn sie weiß, was sie will. Erfahrungen sammeln, die man sonst nirgendwo machen kann zum Beispiel. Dass Angst dabei keine Rolle spielen darf, versteht sich von selbst. Auch nicht vor Ebola. „Aber jede Menge Respekt“, sagt Karin am Ende ihres fünfwöchigen Einsatzes im liberianischen Foya, einem von fünf Orten in Westafrika, wo Ärzte ohne Grenzen Ebola-Behandlungszentren leitet.


Karin (links) im Mitarbeiter-Bereich des Ebola-Behandlungszentrums in Foya, Liberia (c) Martin Zinggl/MSF

„Denn ‚Kein Risiko‘ gibt es bei einem Ebola-Einsatz nicht“, sagt Karin. Die Gefahr lauert überall. „Das war mir bewusst, hat mich aber nicht gehindert. Natürlich habe ich mich mit der Frage ‚Was ist wenn?‘ beschäftigt, aber irgendwann dachte ich, entweder ich mache es - oder nicht. Wenn du dich dazu entscheidest in einem Ebola Gebiet zu arbeiten, verdrängst du deine Angst, denn wenn du näher darüber nachdenkst, kommst du einfach nicht hierher.“

Ein paar Bilder hatte die 41-Jährige bereits im Kopf, bevor sie zu ihrem zehnten Einsatz nach Liberia aufbrach. „Mir war klar, dass ich viele Tote sehen werde und dass ich oftmals nur tatenlos zusehen kann. Aber wie es sich wirklich anfühlt in einem Astronautenanzug in einem Ebola Projekt zu arbeiten – das war für mich nicht vorstellbar.“ Neben ihrem Beruf als diplomierte Pflegefachfrau ist Karin außerdem auch gelernte Verkäuferin und zertifizierte Masseurin. Nach mehrjähriger Einsatzerfahrung mit Ärzte ohne Grenzen erfolgte dann zusätzlich auch noch ein erfolgreich abgeschlossenes Studium als Humanbiologin.


Reinigung einer Schutzbrille - Teil der Schutzausrüstung (c) Martin Zinggl/MSF

Dass Ebola eine hohe Sterblichkeitsrate aufweist, machte diesen Einsatz auch aus wissenschaftlicher Sicht für Karin besonders fesselnd. „Wir wissen viel zu wenig über Ebola und darum gibt es auch noch keine ordentliche Behandlung“, sagt sie. „Bei Ebola ist einfach nicht vorhersehbar, nicht kalkulierbar, wie sich der Zustand der Patienten entwickelt. Manche kommen gut rein und sterben trotzdem, andere kommen sterbenskrank und überleben. Das kann innerhalb kurzer Zeit umschlagen. Wir wissen als medizinisches Personal nicht, was wir tun sollen, außer die Symptome zu behandeln: Antibiotikum zum Abdecken bakterieller Infektionen, Vitamine zur Stärkung des Patienten, Flüssigkeit bei Durchfall und Erbrechen und Glukose als Nahrungsersatz. Das ist die Standardtherapie nach Richtlinien den Richtlinien von Ärzte ohne Grenzen, aber diese Erfahrungen basieren auf kleinen Ebola Ausbrüchen. Mit diesem Ausmass hatten wir noch nie zu tun.“ Eine Chance, die genutzt werden muss, um mehr Forschung zu betreiben, auch oder vor allem innerhalb von Ärzte ohne Grenzen. „Sollen wir auf noch größere Ausbrüche warten?“, fragt Karin. „Für ordentliche Forschung braucht man jede Menge Proben – und die gibt es momentan leider zur Genüge.“

Die limitierten Möglichkeiten machten Karin generell zu schaffen. Als Krankenschwester ist sie gewohnt, nahe mit dem Personal und am Patienten zu arbeiten, vor allem mit Kindern. Möglichst viel Zeit mit den Menschen im Krankenhaus zu verbringen. Aber den Patienten zu berühren, erlaubt Ebola – wenn überhaupt – nur unter den höchsten Sicherheitsauflagen, wie beispielsweise Vollschutzanzüge, genannt PPE (Personal Protection Equipment). „Das ist völlig anders als bei meinen bisherigen Einsätzen“, so Karin. „Vor allem in vielen Ländern in Afrika kennt man diese Distanz nicht. Das ist ein Bruch der Kultur – und das kann man nicht von einem Tag auf den anderen ändern. Egal wie viel Aufklärung wir betreiben, in vielen Haushalten gibt es nun mal nach wie vor eine große Schüssel aus der alle Familienmitglieder gemeinsam essen.“

In PPE-Vollschutzanzügen dürfen Mitarbeiter jedoch maximal eineinhalb Stunden in der Hochsicherheitszone arbeiten. Ist diese Zeitgrenze überschritten, fühlt man sich stark geschwächt und das Risiko, Fehler zu begehen, steigt rasant. „Die PPEs fühlen sich an wie in einer Sauna“, sagt Karin. „Mit dem kleinen Unterschied, dass du aus der Sauna hinausspazierst, wenn es dir zu heiß wird. In der Hochsicherheitszone musst du noch einmal fünfzehn bis zwanzig Minuten hinzufügen, da die Auszieh-Prozedur des Schutzanzuges alleine bereits gute zehn Minuten dauert. Wenn du dann auch noch andere Mitarbeiter vor dir in der Schlange am Ausgang hast, kann es sein, dass du warten musst.“ Zwei bis drei Mal täglich wiederholen die Mitarbeiter diesen mühseligen Gang.


Karin beim Anlegen des Schutzanzugs (c) Martin Zinggl/MSF

Da sich das medizinische Personal in dieser kurzen Zeit gleich um mehrere Patienten kümmern muss, kommt es nur bedingt dazu, Beziehungen aufzubauen. „Das ist wahrscheinlich auch besser so“, sagt Karin. „Es klingt brutal, aber zwei Drittel der Menschen in den Behandlungszentren sterben. Jede enge Bindung macht die Trennung nachher umso schwieriger. In den ersten drei Wochen gab es keine Visite, bei der ich nicht mindestens einen Toten im Hochsicherheitsbereich gefunden habe.“ Aber auch Karin freundete sich mit einer Patientin an. Lamene, ein achtmonatiges Baby, dessen Mutter nicht darauf aufpassen konnte, da sie selber an Ebola erkrankt war.

Aufklärungsarbeit ist auch innerhalb von Ärzte ohne Grenzen noch notwendig, findet Karin. „Trotz der PPEs fürchten sich einige nationale Mitarbeiter noch immer vor den Patienten und haben Hemmungen sie anzugreifen“, sagt Karin. „Darum hielten sie Lamene, genauso wie andere Kleinkinder-Patienten, immer wie eine Bombe weit vor ihren Armen. Auch wenn man es ihnen nicht übel nehmen kann, gibt es in Westafrika derzeit wahrscheinlich keinen sichereren Ort, als im PPE zu sein. Da kann dir kaum etwas passieren, im Vergleich zur Außenwelt, wo du nicht weißt, wer möglicherweise infiziert ist.“ Karin hingegen schaukelte das Baby in ihren Armen, wann immer sie konnte. Lamene gefiel das und schmiegte sich an Karins gelben Astronautenanzug heran. „Am achten Tag ist Lamene verstorben“, schluckt Karin. Das war einer der zwei schwierigsten Momente für sie in Liberia. Der andere war der Besuch am Friedhof.

Zwanzig Autominuten von Foya entfernt haben Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen zwischen saftig grünen Reisfeldern eine Fläche gerodet, auf der momentan 211 Ebola-Gräber liegen – das Areal wird täglich ausgeweitet. Als Karin schweigend durch die Reihen hölzerner Grabkreuze spaziert, fällt ihr erstmals das Ausmaß dieser Katastrophe auf. „Da lagen sie“, sagt Karin mit glasigen Augen. Ihre Stimme verschlägt für einen kurzen Moment. „Alle zusammen, als geballte Ladung. Einer neben dem anderen – und die meisten davon habe ich gekannt, mit Namen und dazugehörigem Gesicht.“


Auf einem neu angelegten Friedhof werden verstorbene Ebola-PatientInnen begraben (c) Martin Zinggl/MSF

Plötzlich kommt die Verdrängung zurück wie ein Boomerang. „Wenn du hier bist und täglich arbeitest, wirst du irgendwann ein Teil dieses Alltags“, sagt Karin. „Dir ist dann nicht mehr wirklich bewusst, was um dich herum eigentlich geschieht – und das ist das Schlimme daran. Darum ist es gut, dass solche Einsätze zeitlich kurz gehalten werden.“

Dieser Beitrag wurde in der Wochenend-Ausgabe der Wiener Zeitung am 11./12. Oktober 2014 veröffentlicht.

 Martin Zinggl war von August bis Oktober 2014 als Communication Officer in Liberia im Einsatz. Weitere seiner Fotos aus Foya sind in einem Facebook-Album online zu finden. Seine englischsprachigen Blogpost sind in der Huffington Post nachzulesen.

 

 

 


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Tags: 
Ebola

Kommentare

magguieme
Vielen Dank! Für euren Einsatz, den Mut, die aufwändige Arbeit, das Kinderschaukeln, das Alltagkennenlernen, das Heraustreten und feuchte Augen bekommen, das Distanzieren und Annähern, das Schreiben darüber, das Bilder teilen. Herzlichen Dank!
Jan
Respekt an euch alle und euren Einsatz. Ich wünsche euch eine gesunde Rückkehr.
Nicole
Ich verbeuge mich vor den fliegenden Engeln ! Hut ab und kommt gesund wieder zu Hause an ! Ihr macht Klasse Arbeit ! Und bei euch ist jeder Patient auch ein Mensch !!

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