Martin Zinggl10.10.2014

Tag 7 von 21.

2 Kommentare

Der Grat zwischen tatsächlicher Angst und richtiger Paranoia ist so schmal, dass er bereits droht zu verschwimmen. „Die Zeit danach“, hat man mich gewarnt, wird vielleicht noch herausfordernder als der Einsatz per se. Dem kann ich nur zustimmen...

Seit einer Woche bin ich nun zurück in der mitteleuropäischen Seifenblase. Tag 7 der 21-tägigen Inkubationszeit, die ich abwarten muss, um sicher zu sein, mich nicht mit Ebola infiziert zu haben. Ein Geduldsspiel.

Die ersten 7 Tage waren sehr abwechslungsreich – und die folgenden 14 werden es wohl noch viel mehr. Bisher machte ich jede Laune durch, von Glückseligkeit bis hin zu Todesängsten. Auch wenn ich mir im Grunde genommen zu 99,9% sicher bin, dass ich gesund bin, bleibt doch ein minimaler Zweifel – zumindest bis zum 21. Tag.

Begründen kann ich diese Stimmungsschwankungen mit meinen wiederholten Berichten der immer gleichen Themen und Geschichten. Viele interessierte Menschen stellen mir unendlich viele interessierte Fragen. Manche dieser Fragen kann ich nicht beantworten, manche will ich nicht beantworten. Das Wort „Ebola“ kann ich schon nicht mehr hören.


(c) Martin Zinggl/MSF

Wenn du mitten in diesem wahnsinnigen Strudel eines Ebola-Einsatzes agierst, wird ein Teil von dir (wirst du) ein Teil davon. Du verdrängst, du bist überbeschäftigt mit Aufgaben und dir fehlt die Distanz zum Erlebten. Aus diesem Strudel herausgerissen, kehrt das Verdrängte plötzlich zurück und ersetzt die reelle Gefahr. Sicherheit entpuppt sich als Leere, als Schwerelosigkeit durch die ein neuer Zustand schwebt: Paranoia. Das dauert eine Weile, bis es sich normalisiert.

Die Gegensätze zwischen dieser einen heilen und der anderen katastrophalen Welt wirken heute gewaltiger auf mich als je zuvor. Erstmals herzhaft aus der Brust heraus lachen musste ich, als ich einen Tisch voller unterschiedlicher Speisen – die über Reis mit Tomatensauce hinaus gingen – vor mir sah. Das zweite Mal, als ich duschte und ein warmer Wasserstrahl aus dem Duschkopf auf mich brauste. Das dritte Mal, als ich mich in mein kuscheliges Bett schmiegte. Gut genährt und körperlich gereinigt konnte ich dennoch nicht einschlafen. Liegt das an der Malariaprophylaxe, die ich weiterhin nehmen muss? Liegt es an dem Erlebten und Gesehenen? Oder liegt es an dem kläglichen Versuch, die beiden Realitäten miteinander kompatibel zu machen?

Wo war ich da nur gewesen? Und wer war ich in dieser Zeit? Ich roch anders, ich schmeckte anders, ich sah und hörte anders. Alle Sinnesempfindungen fühlten sich anders an in dieser so unrealistisch wirkenden Welt genannt Liberia. Vor allem meine Gedanken funktionierten anders. Seit 7 Tagen denke ich an eine Rückkehr nach Liberia. Ist das ein gutes Zeichen? Ich weiß es nicht. Ein Teil von mir ist wahrscheinlich immer noch in Liberia, zumindest bis zum 21. Tag.

In der letzten Woche meines Aufenthalts sind die Patientenzahlen stark zurückgegangen. Ein Indiz dafür, dass es mit Ebola zu Ende geht? Wohl kaum, eher die Ruhe vor dem nächsten Sturm. Vielleicht verschieben sich auch einfach nur die Epizentren dieser Epidemie. Vermehrt sahen wir in den letzten Tagen Patienten aus umliegenden Provinzen, sogar aus der Hauptstadt Monrovia. Menschen, die so verzweifelt sind, dass sie eine Tagesreise in Kauf nehmen, um nach Foya zu kommen, obwohl sie in einer Stunde oder weniger in Monrovia sein können.

Wir erleben in Westafrika ein noch nie dagewesenes Szenario und doch sehen wir nur die Spitze eines Ebola-Eisberges. Und nach wie vor frage ich mich: Ist sich die Weltgemeinschaft dessen überhaupt bewusst? Sind wir uns im Klaren, dass diese Epidemie nicht in einigen wenigen Wochen verschwunden sein wird? Schon gar nicht von alleine. Und vor allem: Was passiert danach?


(c) Martin Zinggl/MSF

Die westafrikanischen Staaten werden sich auch nach dem unabsehbaren Ende dieser Epidemie nicht so schnell erholen. Diese Region wird die Hilfe der internationalen Gemeinschaft mehr brauchen denn je. Liberias Wirtschaft liegt brach, das ohnehin fragile Gesundheitswesen ist kollabiert, soziale Netzwerke wurden durch die Äxte Tod und Stigma entzweit. Ebola hat unter den Lebenden auch psychologischen Schaden angerichtet. Das wird dauern – und da wird einiges zu tun sein. Und gäbe es nicht Gaza, Irak & Syrien, die Ukraine, Zentralafrika und Südsudan würde Westafrika vielleicht ein bisschen mehr unserer Aufmerksamkeit bekommen. So aber, hat die Welt die Möglichkeit, sich jeweils auf die anderen Brandherde dieser Welt auszureden.

 Martin Zinggl war von August bis Oktober 2014 als Communication Officer in Liberia im Einsatz. Weitere seiner Fotos aus Foya sind in einem Facebook-Album online zu finden.

 

 

 

 

 


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"Wieder ein Tag Leben."
"Ebola in Town - Erste Eindrücke aus Westafrika"
"Würde trotz Leid" - Foto-Reportage aus dem Flüchtlingslager Domiz im Irak

Tags: 
Ebola, Liberia

Kommentare

magguieme
Und ich wünsche nur das Beste für die noch bevorstehenden 14 Tage!
magguieme
Bereits während des Lesens dachte auch ich an andere Kriesenherde und wie viel großartiger sie diskutiert werden. Machtspiele bekommen mehr Aufmerksamkeit. Schade. Nicht zuletzt zeigen mir auch Besuche in diesem Blog, dass es anderes gibt; Einsätze, die mit Herz und MItgefühl zu tun haben, anstatt mit deren Kehrseite.

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