Martin Zinggl17.09.2014

Wunder gibt es immer wieder

6 Kommentare

Neben all den Dramen, die sich gerade in Westafrika abspielen, ereignen sich vereinzelt auch immer wieder Wunder vor unseren Augen. Genauso wie diese Ebola-Epidemie geht seit letzter Woche wohl auch unser Behandlungszentrum (Case Management Centre, kurz CMC) in Foya in die Geschichtsbücher ein.

Wir können uns freuen und glücklich schätzen, sowohl die jüngste, als auch die älteste genesene Patientin entlassen zu haben:

Nessie hat Ebola überlebt... (c) Martin Zinggl/MSF

Nessie ist – nach eigenen Angaben – stolze 100 Jahre alt. Zugegeben, keiner nimmt ihr das ab, nicht einmal ihr 44-jähriger Enkelsohn, aber sie wird wohl zumindest das 85. Lebensjahr bereits überschritten haben. Generell kein schlechtes Alter, vor allem aber für jemanden, der gerade Ebola überlebt hat. Nessie hat sich (wahrscheinlich) bei einer Messe in der Kirche angesteckt. Viele Mitglieder ihrer Kirchengemeinschaft waren als Patienten bei uns. Beinahe alle sind verstorben – und die meisten davon waren weit jünger als Nessie. Die alte Dame mit den weißen Wimpern und den gutmütigen Augen hat ihr Leben lang auf Reisfeldern geschuftet. Sie brachte fünf Kinder zur Welt und kann die Anzahl ihre Urenkelkinder nur abschätzen. „Es müssen ein paar sein“, sagt sie. Ihren Humor hat Nessie definitiv nicht verloren. Medikamente hat sie bis zu ihrem Aufenthalt im CMC erfolgreich vermieden. Nessie wurde mit allen Ebola-Symptomen in ihrem Haus in dem Dorf Sondor Korlor an der Grenze zu Sierra Leone gefunden: Durchfall, Fieber, Übelkeit, Kopf- und Gliederschmerzen, gerötete Augen und Schluckauf. Über zwei Stunden auf Straßen, die diesen Namen nicht verdient haben, musste sie ausharren, um dann kopfschüttelnd von den Ärzten empfangen zu werden. Niemand hat ihr einen Funken Überlebenschance gegeben – und keine zwei Wochen später beklagt sich Nessie lediglich darüber, dass sie auf dem Rücksitz eines Motorrades wieder nachhause muss. Überzeugt war sie allerdings bis zum Schluss nicht, dass sie sich mit Ebola infiziert hat. „Es muss wohl eine Grippe gewesen sein“, sagt sie mit einem liebevollen Lächeln. Über das Entlassungszeugnis freut sie sich dennoch, da sie bei ihren Nachbarn nun keine schlechte Nachrede mehr hat. In Zeiten von Ebola geht der bitterböse Zwillingsbruder namens Stigmatisierung einher, mit dem sich viele Ebola-Überlebende nach ihrer Genesung zusätzlich herumschlagen müssen. Was für ein unglaubliches Immunsystem diese Frau haben muss – mindestens genauso stark wie jenes von Musu, die im unglaublichen Alter von nur 39 Tagen das Ebola-Behandlungszentrum wieder verließ, nachdem sie – begleitet von ihrer ebenfalls infizierten Mutter – als jüngste Patientin in unserem CMC aufgenommen wurde. Der Allzeit-Liebling ist und bleibt jedoch Mamadee, ein junger Patient von elf Jahren der sich völlig fehl am Platz gefühlt hat in unserem CMC:

Mamadee (11) hat das Virus besiegt: „Die Menschen in den gelben Regenmänteln haben sich gut um mich gekümmert und vielen anderen kranken Patienten geholfen.“ (c) Martin Zinggl/MSF

Seine unglaubliche Geschichte kann man hier nachlesen: "Der Junge, der Ebola ein Schnippchen schlug" - hier sieht man ihn bei seiner Leidenschaft, dem tanzen:

Diese drei PatientInnen zählen zur Gruppe der 105 "Survivors", der Überlebenden, die es geschafft haben, dem Tod zu entrinnen. Viel zu wenige. Ihnen gegenüber stehen 216 Tote – alleine hier in Foya, einem von fünf Ebola-Behandlungszentren von Ärzte ohne Grenzen.

 Martin Zinggl ist seit August als Communication Officer in Liberia im Einsatz. Weitere seiner Fotos aus Foya sind in einem Facebook-Album online zu finden.          


Weitere Beiträge von Martin Zinggl lesen: "Wieder ein Tag Leben." "Ebola in Town - Erste Eindrücke aus Westafrika" "Würde trotz Leid" - Foto-Reportage aus dem Flüchtlingslager Domiz im Irak

Tags: 
Ebola, Liberia

Kommentare

Barbara
Könnt ihr den von Ebola genesenen Patienten, die nach den Berichten trotz "Gesundheitszeugnisses" im Anschluss soziale Ausgrenzung zu befürchten haben, nicht eine Basis-Ausbildung und dann einen Job in der Pflege der noch Erkrankten anbieten? Schließlich wären sie doch vor erneuter Ansteckung gefeit, oder nicht? Viel Glück euch allen vor Ort!
hanna.spegel
Liebe Barbara, vielen Dank für Ihr Kommentar und Ihre Gedanken dazu! Wir arbeiten z.B. in der guineischen Hauptstadt Conakry mit ehemaligen PatientInnen zusammen, die eine Ebola-Infektion überlebt haben. Sie leisten dringend nötige Aufklärungsarbeit, unterstützen PatientInnen und Angehörige und erklären der Bevölkerung Vorbeugungsmaßnahmen gegen die Krankheit. Details dazu finden Sie im Bericht über eine unserer HelferInnen auf unserer Website unter http://msf.at/guinea-20140923 Herzliche Grüße, Hanna Spegel Ärzte ohne Grenzen Österreich
Minerva
Großartig deine Beiträge zu lesen, so wie du immer schreibst, Martin. Egal ob es traurige oder gute Nachrichten sind. Wünsch euch noch möglichst viele gute Nachrichten ...
magguieme
Danke. Neben all den Berichten, die ich erst kürzlich entdeckte, ganz aktuell für diesen hier. Auf dass es immer und überall auch ein Quäntchen Mamadee zu finden gibt, das inspiriert und Hoffnung schenkt.
Martina
Ihr macht dort so gute Arbeit. Danke! Gott segne euch!
Papyrus
Danke für diesen wundervollen Bericht, ohne den euch die Arbeit wohl viel schwerer fallen würde. Auf euch und alles Nessies und Mamadees dieser Welt.

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