MSF surgeon, Dr Michael RoeschMichael Rösch10.12.2020

Als Chirurg in Haiti

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Chirurg Michael Rösch erzählt von seinem Einsatz in Haiti. Die Lage dort ist angespannt. Viele von Michaels Patientinnen und Patienten sind Opfer von Schuss- und Stichverletzungen: 

"Le grandpapa"

Kleiner Zwischenbericht über meinen Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen in Haiti. Ich bin hier in Port au Prince am 2.11.2020 abends angekommen und musste zunächst sieben Tage in Quarantäne. Das war Vorgabe von Ärzte ohne Grenzen. Das hat meine Geduld schon etwas auf die Probe gestellt, wobei wir hier sehr schön wohnen. Zusammen sind wir hier elf Expats. Alle unter vierzig, ich bin hier echt ”le grandpapa”.

Dann, nach einer Woche, endlich der COVID-Test. Die Fahrt zum Labor, ungefähr zwei Kilometer durch eine schöne Gegend, hätte ich mehr genießen sollen. Es ist das Einzige, was ich bisher von der Stadt gesehen habe. Der Test war negativ. Somit ging es endlich ins MSF Tabarre Trauma Krankenhaus. 

Das Spital ist zwar nur 200 Meter von unserem Haus entfernt, wir werden aber jeden Tag mit dem Ärzte ohne Grenzen Geländewagen hingefahren und abgeholt. Jeder Schritt allein auf der Straße ist strikt untersagt, Zuwiderhandlung wird mit Entlassung geahndet. Mittlerweile weiß ich auch, warum.

Viel zu viele Schuss- und Stichverletzungen

Das Tabarre Trauma Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen wurde nach dem Erdbeben 2010 errichtet, es besteht ausschließlich aus Containern, hat drei Operations-Säle, eine Intensiv-Station mit bis zu drei Beatmungsplätzen und 50 Normalbetten, 75 Prozent davon sind orthopädisch, der Rest für Thorax und Bauchtraumen. 98 Prozent der Belegschaft sind aus Haiti. Das chirurgische Stammteam besteht aus jeweils fünf haitianischen Allgemeinchirurginnen und fünf Orthopäden. Etwa 50-60% der Patientinnen und Patienten sind Opfer von Schuss- und Stichverletzungen. 
Die Aufnahmekriterien sind strikt: Lebensbedrohliche Bauch und Thoraxtraumen, sowie offene Trümmerfrakturen der Extremitäten. Keine Schädel oder Wirbelsäulenverletzungen. 

Seit März bin ich COVID-bedingt der erste orthopädische Expat in Tabarre. Meine Aufgabe ist es, mich um die Patientinnen und Patienten zu kümmern, deren Frakturen seit Monaten nicht geheilt sind oder die eine Infektion entwickelt haben. Sehr oft ist beides der Fall. Ich werde versuchen zusammen mit den haitianischen Kolleginnen und Kollegen einen individuellen Behandlungsplan für diese Patientinnen und Patienten zu entwickeln. Die Operationen der ersten beiden Patienten habe ich diese Woche schon durchgeführt. Nebenbei helfe ich untertags im OP-Routinebetrieb und versorge akute Verletzungen. Das waren bisher nur Schussbrüche. 

Die haitianischen Kolleginnen und Kollegen sind engagiert und technisch sehr versiert. Trotz meinem katastrophalen Französisch sind sie (lächelnd) hilfsbereit und mir gegenüber erfreulich geduldig. Zum Glück sprechen auch sie ganz gut Englisch. Die Visiten etc. sind jedoch auf Französisch, auch muss ich die Operations-Berichte händisch in Französisch abliefern. Das geht natürlich nicht ganz ohne Hilfe. 

"Une manifestation tranquille"

Vor drei Tagen gab es aufgrund eines politischen Feiertags mehrere Aufmärsche in der Stadt. Dabei sind stets verschiedene Gruppen beteiligt, die alle von bewaffneten ”Gangs” unterstützt werden. Wir haben untertags einzelne Schüsse gehört. Vier Menschen sind angeblich sofort verstorben. Ein weiterer nachts in unserem OP in Tabula. Eine Frau mit Beckendurchschuss wurde ebenfalls von uns versorgt, sie liegt nun auf unserer Intensiv.  
Die haitianischen Kolleginnen und Kollegen waren offensichtlich froh, dass es nicht mehr Opfer gegeben hat. Alle hatten mit Schlimmerem gerechnet. Das ganze wurde als ”une manifestation tranquille ” bezeichnet. Ich habe nicht herausgefunden, wer hier gegen wen kämpft, und wer auf wen schießt. Oft trifft es völlig unbeteiligte. Kurz bevor ich angekommen bin, wurde ein sechzehnjähriges Mädchen mit Bauchschuss eingeliefert. Blutung aus der Bauchaorta direkt unter dem Zwerchfell. Dort konnte unser Chirurg Francesco die Aorta nicht abklemmen. Er hat eine Thoracotomie durchgeführt, und die Aorta direkt unter dem Herzen abgeklemmt. Dann gelang es die Verletzung zu versorgen. Als das Mädchen letzte Woche entlassen wurde, war dies natürlich eine große Freude. 

Ich habe diese kleine Geschichte eingefügt, um jeglichen Zweifeln, ob das, was wir hier tun, Sinn macht, entgegenzutreten. Ob humanitäre Einsätze, wie dieser, überhaupt Sinn machen, möchte ich hier nicht diskutieren. Ich antworte nur mit einem klaren: Ja! Mehr von meinem Aufenthalt in Haiti gerne später. Heute wollte ich von hier nur berichten. 

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