Michaela Posch03.04.2015

Der Arbeitsalltag in unserer Apotheke

2 Kommentare

Das Ende meines Einsatzes im Südsudan nähert sich mit großen Schritten, und ich habe immer noch nicht genau erklärt, was ich denn als Apothekerin an einem normalen Tag mache. Vorab muss ich für alle interessierten PharmazeutInnen sagen, dass die Betätigungsfelder bei Ärzte ohne Grenzen sehr unterschiedlich sein können – ich bin hier nur ein Beispiel von vielen.

Vom Kühlschrank bis zur Kühlbox

Das Apothekenteam in Yida besteht aus Francis, dem Apothekenmanager, und seinem Assistenten Ajagwo. Sie waren zuvor als Krankenpfleger bzw. in der Medikamentenausgabe in unserem Krankenhaus tätig und wechselten vor gut einem Jahr in die Apotheke. Sie sind beide sehr interessiert und motiviert, die tägliche Arbeit machen sie ganz wunderbar ohne mich. Ich bin vor allem für Problemlösungen da, wenn etwas nicht so läuft wie es sein sollte.

Der tägliche Arbeitsablauf beginnt mit der Bereitstellung der Kühlboxen für die Impfabteilung und unser Notfallzelt, wo es keine Kühlschränke gibt. Außerdem sind wir dafür zuständig, jeden Tag morgens und abends alle vorhanden Kühlschränke und Tiefkühltruhen auf ihre Temperatur zu überprüfen. Alle Geräte wollen auch alle drei Monate gewartet und gereinigt werden, denn einen Ausfall der Kühlkette will man unter allen Umständen vermeiden.

Ajagwo in unserem Kühlkettenraum: Wir haben zur Zeit sieben Kühltruhen gut gefüllt mit Impfstoffen und Arzneimitteln wie Insulin – und zwei Tiefkühltruhen für die Kühlelemente © Michi Posch/MSF

Weiters kontrollieren wir die Notfallrucksäcke, die mitgenommen werden, sollten wir mit dem Auto wohin fahren – und die „MCP“-Boxen: Das sind die großen Truhen mit dem Material für den „Mass Casuality Plan“ aus dem vorherigen Blogpost.

Ordnung ist das halbe Leben

Jeden Tag beliefern wir eine andere Abteilung im Krankenhaus: Am Nachmittag zuvor macht der zuständige leitende Krankenpfleger die Inventur, wo wir oft auch mithelfen, wenn es sich zeitlich ausgeht. Wenn jemand von der Apotheke mithilft, sind wir auch bemüht, die Ablaufdaten und die Ordnung zu kontrollieren (ist alles richtig beschriftet und luftdicht verpackt?). Am nächsten Morgen bekommen wir dann die Liste mit der Bestellung.

Dann wird diese Bestellung zusammengestellt: Wir kontrollieren dabei, ob der Verbrauch sich schlagartig verändert, warum neue Artikel bestellt werden usw. Da wir nur drei Mal im Jahr eine große Lieferung aus Frankreich bekommen, ist es sehr wichtig, dass wir dem medizinischen Team Feedback geben. Sonst kann es passieren, dass ein Patient auf ein Medikament eingestellt wird, das wir in wenigen Wochen gar nicht mehr haben oder wir haben das Mittel nicht mehr, wenn wir es für einen anderen schwierigeren Fall dringend brauchen.

Francis bei der Zusammenstellung der Bestellung © Michi Posch/MSF

Die Medikamente und anderen Dinge wie Spritzen, Handschuhe etc. kommen in eine Box. Diese wird dann am Nachmittag von der Abteilung abgeholt und noch einmal kontrolliert.

Wie kommen die Patienten an die Medikamente?

Die meisten Medikamente brauchen wir in der Ausgabestelle im „OPD“, der Ambulanz (mehr dazu in meinem Blogpost darüber, wie unser Krankenhaus funktioniert). Ich betreue diese Abteilung mit, aber aufgrund der sprachlichen Barriere bin ich nicht dafür geeignet, Medikamente an Patienten abzugeben. Ich gebe aber den Angestellten viel Unterstützung und verbringe viel Zeit mit ihnen, damit sie diese wichtige Aufgabe gut erfüllen können.

Die Ausgabestelle für Medikamente © Michi Posch/MSF

Wir füllen jeden Eingang und Ausgang in eine Karte, und später auch noch in unser Computerprogramm. Damit haben wir immer eine doppelte Kontrolle. Zudem lässt sich mit dem Computerprogramm der Verbrauch besser berechnen und vorhersagen: Das ist eine meiner Aufgaben hier. Leider geht immer wieder mal was aus, oder wir haben etwas, das bald abläuft.

Jeder Artikel hat eine eigene Karte, die wir von Hand ausfüllen © Michi Posch/MSF

Durch Trocken- und Regenzeit, durch stärkere und schwächere Flüchtlingsströme, aber auch durch den Wechsel der verschreibenden Ärzte, ist es oft nicht leicht zu wissen, was man in vier Monaten für die darauffolgenden vier Monate brauchen wird. So muss ich jetzt Anfang April darüber nachdenken, wie das Wetter zwischen Oktober und Jänner sein wird. Wie viele Malariafälle hatten wir letztes Jahr zu dieser Zeit? Wie ist die politische Situation, werden wir mehr Patienten erwarten?

Gutes Teamwork und viel Koordination

Gerade für chronische Krankheiten wie Tuberkulose sind die Berechnungen besonders schwierig, weil man einfach nicht weiß, ob plötzlich mehr Patienten kommen, die für Monate eine große Menge an Medikamenten brauchen werden. Anderseits sind gerade diese starken Arzneimittel schwierig in der Entsorgung, man sollte also auch nicht zu viel auf Vorrat haben.

Immer, wenn ich das Gefühl habe: So, jetzt ist es mal ruhig, jetzt kann ich endlich wieder einen Tag nur in der Ausgabestelle verbringen, dann kommt etwas Neues (meistens in der Form von mehreren Emails). Durch die langen Lieferperioden und den Wechsel der Aktivität gibt es sehr viel Zusammenarbeit mit dem medizinischen Team und der Koordination von Ärzte ohne Grenzen in der Haupstadt Juba oder auch mit der Einsatzzentrale in Paris.

Yida-Selfie mit Elizabeth, einer Krankenschwester, Francis, dem Apothekenmanager, und Nazradin, dem Manager der logistischen Materialien (vom Beton bis zum Kugelschreiber) © Michi Posch/MSF

Ich finde die Arbeit hier jeden Tag interessant und sehr abwechslungsreich, weil man nie weiß, was als nächstes kommt – und weil ich ein sehr lustiges Team zum Arbeiten habe!

Kommentare

Aus Völs
I hab deine Ausführungen mit sehr großem Interesse gelesen. Wie es scheint, hast du die Apotheke fest im Griff. Gratuliere.
Helga Dorudi
Wenn eine Arbeit so wichtig ist und soviel Gutes bewirkt, dann macht sie auch unter schwierigen Bedingungen Freude. Das sieht man bei dir und deinem Team! Danke für deinen, euren Einsatz!

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