Raimund Alber15.05.2018

In der Nacht, in der ich Thomas kennenlernte

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Wie schafft es ein Mensch, unter diesen schwierigen Umständen zu überleben? Raimund Alber aus Tirol arbeitet als Psychologe bei Ärzte ohne Grenzen. In seinem Blogbeitrag, berichtet er von seiner Arbeit in unserem Projekt für mentale Gesundheit in Malakal, Südsudan.

Während ich mit Simon*, dem zuständigen medizinischen Assistenten der Erwachsenenstation, spreche, sehe ich aus den Augenwinkeln, wie Thomas* das Moskitonetz sorgfältig unter die Matratze stopft und sich dann seitlings hinlegt. Er ist sehr müde und schläft sofort ein. Das karge, bläuliche Licht der wenigen Lampen und das sanfte Rauschen der Deckenventilatoren in unserem mit 20 Betten ausgestatteten Spitalszelt scheinen ihn nicht zu stören. 19 Jahre alt. Und beinahe wäre er nicht älter geworden. Es ist mittlerweile 0:35 Uhr, der 2. März 2018. Mein Geburtstag.

Ich bin seit Anfang Februar hier im Projekt in Malakal im Südsudan. Mitten in der heißen Trockenzeit. Wieder als Leiter der psychologischen Aktivitäten vor Ort. Mein Team besteht aus drei psychosozialen Beratern und einem Übersetzer. Wir haben viel zu tun. Ab April werden wir noch von einem Psychiater unterstützt werden. Das volle Packet für spezialisierte Behandlung und Betreuung psychischer Störungen und Belastungen, von denen viele Menschen hier betroffen sind.

Die Republik Südsudan ist das jüngste Land der Welt und es leidet seit Jahren am nicht enden wollenden Bürgerkrieg. Nach der Unabhängigkeit vom Sudan in 2011 konnten sich die damals führenden Machthaber nicht einigen und kämpfen seit 2013 um die Vorherrschaft. Die Leidtragenden sind wie immer die Menschen der Zivilbevölkerung. Zehntausende Tote. Mittlerweile über 1.9 Millionen Binnenflüchtlinge und 2.4 Millionen Schutzsuchende in den Nachbarländern. Ständige Furcht vor Gewalt, kein funktionierendes Gesundheits-, Wirtschafts- oder Schulsystem. Ein humanitärer Fleckenteppich.

Etwas außerhalb von Malakal befindet sich das POC (Protection of Civilians) Gelände der UNMISS (United Nations Mission South Sudan).  Ärzte ohne Grenzen betreibt sowohl ein Krankenhaus mitten im Camp der nun knapp 24.000 Schutzsuchenden und eines in der angrenzenden Stadt selbst, bzw. in dem was davon übrig geblieben ist. Dort haben sich mittlerweile wieder zwischen 15.000 und 20.000 Menschen niedergelassen. Aber zu Hause ist in den geplünderten und zerstörten Ruinen schon lange keiner mehr.

Thomas ist einer von vielen jungen Menschen hier im POC. Kein Einkommen, keine Zukunft, keine Hoffnung. Und letzte Nacht scheint einfach alles zu viel gewesen zu sein. Was wirklich passiert ist, werde ich allerdings erst etwas später erfahren. Thomas nimmt ein Seil, befestigt es am Dachbalken seiner Hütte, knotet es um seinen Hals und stößt den Tisch um, auf dem er gerade noch gestanden hatte. Wie durch ein Wunder kommt eine Nachbarin vorbei und alarmiert weitere Nachbarn, die Thomas auffangen und vom Seil schneiden.

Er ist der zwölfte junge Mensch seit Anfang des Jahres, der sich das Leben nehmen wollte. Seil, Schal, ein Fetzen Stoff oder Moskitonetz, Rattengift oder Bleichmittel. Viel mehr Möglichkeiten stehen den Menschen hier nicht zur Verfügung. Aber Möglichkeiten zur Hilfe. Unser Spital hat 24 Stunden am Tag geöffnet. Und so wird Thomas von der UN-Polizei zu uns gebracht. Von der Polizei deshalb, weil Suizid im Allgemeinen von der Bevölkerung (und auch gesetzlich) als Straftat gesehen wird. Noch vor ein paar Monaten wurden „Selbstmörder“ eingesperrt. Mittlerweile weiß man, dass diese Menschen Hilfe brauchen und sie auch bei uns bekommen können.

Als unser Funker sanft an meine Containertür im Humanitarian Hub (Wohnanlage am UN Stützpunkt für alle humanitären Organisationen) klopft, schlafe ich schon tief und fest. Es ist 23:30 Uhr. Die Tage sind anstrengend und die Hitze raubt mir alle Energie. Ich wache auf, frage was los ist und er flüstert „Mike-Hotel is calling!“ (Funksprache für M(ike) = MSF, H(otel) = Hospital). Zehn Minuten später bin ich im Hope-Center, einem Container im Krankenhaus in dem wir unsere Patienten und Patientinnen mit psychischen Belastungen und Erkrankungen vertraulich und diskret behandeln. Ich setze mich gegenüber von Thomas hin. Neben mir nimmt mein Übersetzer Platz. Alles ist still.  

Die ersten Momente mit einem neuen Patienten oder einer neuen Patientin sind für mich immer spannend. Die Herausforderung, zu erkennen, wie man am besten eine Beziehung aufbaut. Einen Zugang findet. Vertrauen schafft. Die therapeutische Allianz als Fundament jeder Behandlung. Ich entscheide mich zu schweigen. Intuition. Und so sitzen Thomas und ich, beide mit gesenktem Haupt, da. Sekunden fühlen sich wie Stunden an. Ich merke wie mein Übersetzer nervös wird. Keine leichte Aufgabe für ihn. Still zu sein. Doch dann blickt Thomas auf und schaut mich schüchtern an. Ich lächle und sage „Hallo. Ich heiße Raimund. Ich arbeite als Psychologe hier im Krankenhaus. Kannst du mir sagen wie du heißt?“  Nach einer schier endlosen Pause sagt er mit leiser Stimme „Thomas“. Ich antworte: „Hallo Thomas. Schön dich kennenzulernen!“

Warum will sich jemand selbst das Leben nehmen? Das vermeintlich Kostbarste, was wir haben. Aber wie kostbar ist ein Leben wirklich? In einem Land, in dem der Tod zur ubiquitären Normalität geworden ist. An einem Ort, an dem die düsteren Erinnerungen der Vergangenheit dunkle Schatten in die Gegenwart werfen und nur der Gedanke an die Zukunft in hoffnungsloser Ohnmacht endet. Dann reicht oft schon ein kleiner Trigger. Ein Auslöser. Ein Schubser. Etwas „Banales“, wie ein Streit der Eltern.

„Sie haben sich gegenseitig die Schuld gegeben, dass kein Geld mehr da ist um morgen am Markt Lebensmittel kaufen zu können. Ich wollte nur, dass sie aufhören zu streiten. Und als sie mich anschrien und sagten, ich soll verschwinden, da hab ich mir gedacht, was für einen Grund hab ich noch am Leben zu bleiben?“

Was hält einen Menschen unter diesen schwierigen Bedingungen am Leben? Thomas und ich werden versuchen, das gemeinsam herauszufinden. Doch nicht mehr heute. Vor Erschöpfung fallen ihm schon die Augen zu. Er will nur mehr schlafen. Nach einer kurzen Untersuchung von Simon dem medizinischen Assistenten, nehmen wir ihn stationär auf und zeigen ihm sein Bett. Nahe am Pflegestützpunkt. Der Nachtdienst will ihn im Auge behalten. Zur Sicherheit.

Als unser Geländewagen nach der kurzen, staubigen Fahrt zurück vom Krankenhaus die zweite Sicherheitskontrolle passiert und rüttelnd vor der Wohnanlage  von Ärzte ohne Grenzen zum Stehen kommt, mache ich Meldung: „Bravo (Base), Bravo for Raimund. Reporting arrival at your location. Over and out.” Während ich versuche über den knirschenden Pressholzplattenboden zu meinem Container zu schleichen gehen mir Thomas und die anderen Patienten und Patientinnen der letzten Wochen nochmals durch den Kopf.

Hoffnungslosigkeit gepaart mit Einsamkeit, dem Gefühl nicht gebraucht zu werden, allein zu sein. Wie viele sich wohl noch so fühlen? Zu viele. Bis Ende März werde ich neun weitere Überlebende eines Selbstmordversuchs kennenlernen.  Für einen Menschen wird jedoch keine Hilfe kommen. Keiner, der ihn rechtzeitig finden wird. Keiner, der ihn vom Seil schneiden und in unsere Klinik bringen wird. Erst als es schon zu spät ist.

Aber all das weiß ich in dieser Nacht noch nicht. In der Nacht, in der ich Thomas kennenlernte. 19 Jahre alt. Und beinahe wäre er nicht älter geworden. Es ist mittlerweile 0:50 Uhr, der 2. März. Mein Geburtstag.

*Namen geändert.

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