Raimund Alber09.10.2019

Der schlimmste Schmerz: Psychologische Hilfe in Mossul nach dem Krieg

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"Mache dich darauf gefasst, dass du sehr viel Zerstörung sehen wirst." Raimund Alber ist Psychologe und derzeit auf seinem fünften Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen im Irak. Er behandelt Patientinnen und Patienten mit seelischen Schmerzen.  Im Blog erzählt er die bewegende Geschichte von Hanin*.

„Wir werden gleich über eine provisorische Metallbrücke fahren, weil die Fahrbahn durch eine Bombe zerstört wurde. Wenn wir den Tigris überquert haben, erreichen wir West-Mossul. Im Süden wirst du die Altstadt sehen – bzw. das, was davon übriggeblieben ist. Dieser Teil der Stadt wurde am schwersten umkämpft, weil sich der Islamische Staat (IS) dort bis zum Schluss verbarrikadieren konnte. Und weil dort immer noch so viele Minen, Sprengfallen und nichtexplodierte Bomben versteckt sind, ist es sehr gefährlich für die Bevölkerung, zurückzukommen. Es liegen auch noch sehr viele ungeborgene Leichen unter den Trümmern und man hat mir erzählt, dass der Geruch der Verwesung dort an manchen Tagen nur schwer erträglich sein soll.  Mache dich darauf gefasst, dass du sehr viel Zerstörung sehen wirst. Es gibt kein einziges Haus ohne Einschusslöcher oder Schrapnelspuren von explodierten Granaten und Bomben. Aber du wirst auch sehen, dass die Menschen wieder begonnen haben, ihre Stadt aufzubauen. Und wenn sie nur damit begonnen haben ein paar Schusslöcher zu verspachteln.“

So briefe ich meine neue Kollegin, eine junge Psychologin aus Tunesien, die zum ersten Mal mit Ärzte ohne Grenzen in einem Krisengebiet auf Einsatz ist. Wir sind am Weg zu einem der Gesundheitszentren, in denen wir arbeiten. Ich möchte ihr helfen, sich auf die Dinge vorzubereiten, die sie in den nächsten Stunden sehen wird. Auf das, was sie in den nächsten Monaten von unseren Patientinnen und Patienten alles hören wird, kann ich sie leider nicht vorbereiten.

Zwei Jahre nach Ende der Schlacht um Mossul, geht der Kampf für viele Menschen weiter. Armut, Arbeitslosigkeit und ein sehr eingeschränktes Gesundheitssystem in einer zu großen Teilen zerstörten oder beschädigten Stadt sind nur die Spitze des Eisbergs. Wer nicht nach Hause zurückkehren kann, muss in einem der vielen Flüchtlingslager in der Umgebung bleiben. Die Herrschaft des Islamischen Staates hat die Menschen stark verändert. So auch die schrecklichen Erlebnisse, die sich wie lebendige Alpträume in ihr Gedächtnis gebrannt haben. Das Leid ist für manche untragbar geworden und so erscheint ihnen der Suizid als letzter Ausweg.

Einige Wochen zuvor treffe ich Hanin zum ersten Mal in den Räumen des Gesundheitszentrums „Sab'ata'ash Tammuz“ (17. Juli). Sie sieht deutlich älter aus als 27, doch ihre Augen schauen mich mit einer kindlichen Unsicherheit an. Nach drei von ihrer Mutter verhinderten Selbstmordversuchen ist sie nun bei uns gelandet. Sie wollte aus einem fahrenden Auto springen, sich vom Dach ihres Hauses stürzen und sich mit Benzin, das sie bereits über sich gegossen hatte, verbrennen. Und alles in den letzten 48 Stunden. Hanin erzählt mir ganz emotionslos, dass sie mit zwölf Jahren verheiratet wurde und mit 13 ihr erstes Kind gebar. Von der Ehe, der Zeit während des IS und des Krieges erzählt sie mir nichts. Sie weint nur schweigend. Nun sei sie offiziell geschieden und alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Was mit ihrem Mann geschah, erzählt sie nicht. Da ihr Haus zerstört wurde, lebt sie mit ihren Eltern unter ärmlichsten Verhältnissen.

Ich notiere in meinen Aufzeichnungen: „Akute Suizidgefährdung mit vorausgehenden Suizidversuchen. Auch die Mutterrolle scheint kein protektiver Faktor mehr zu sein. Schwere Depression und Hoffnungslosigkeit.“ Ich frage sie, ob sie Angst vor den Schmerzen des Verbrennens habe. Sie antwortet mir, während ihr langsam weiter Tränen aus den Augen treten, dass kein Schmerz so schlimm sein könne wie der, den sie in sich fühle. Sie würde sich so wünschen, endlich etwas anderes spüren zu können, auch wenn es ein anderer Schmerz sei. Am liebsten würde sie aber nichts mehr spüren.

Ich überlege mir, dass mir das Ausmaß und die Intensität seelischer Schmerzen noch nie so klar waren wie in diesem Moment. Hanin gibt uns und sich selbst noch eine Chance und wir überweisen und bringen sie persönlich zu einem Psychiater in privater Praxis, mit dem wir zusammenarbeiten. Die Psychiatrie im öffentlichen Krankenhaus ist keine Option. Er verschreibt ihr ein Beruhigungsmittel damit sie heute Nacht schlafen kann und wir machen einen Notfallplan mit ihrer Mutter. Hanin verspricht mir, dass wir uns am nächsten Tag wieder sehen werden. Ich sehe sie am nächsten Tag wieder. Und wir beginnen unsere Arbeit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass in Gebieten, die von einem Krieg betroffen waren, bis zu 25 Prozent der Bevölkerung an moderaten bis schweren psychischen Störungen als direkte oder indirekte Folge des Konfliktes leiden. Es sind aber nicht nur Menschen in Krisenregionen betroffen. Weltweit sterben jedes Jahr geschätzte 800 000 Menschen an Suizid. Alle 40 Sekunden ein Menschenleben. Im Vergleich dazu konnte die weltweite, jährliche Sterberate von Malaria durch entsprechende Prävention und Behandlung auf 450 000 gesenkt werden.

Die psychische Gesundheit von uns allen muss viel ernster genommen werden. Unser psychisches Immunsystem, die sogenannte Resilienz, hat wie unser körperliches Immunsystem Grenzen. Wenn die Belastungen für dieses System zu groß werden, dann werden wir krank. Und auch psychische Erkrankungen können tödlich enden. Heute, am 10. Oktober ist der internationale Tag der psychischen Gesundheit. Prävention und ein einfacher Zugang zu adäquater Behandlung von psychischen Störungen müssen nicht nur in Österreich, sondern weltweit Priorität bekommen. Wir von Ärzte ohne Grenzen versuchen auch in den entlegensten, von Konflikten oder Naturkatastrophen schwer betroffenen Gebieten nicht nur medizinische sondern auch psychologische (Not)Hilfe zu leisten. In Mosul konnten wir seit dem Beginn des Projektes im Juli 2018, 1440 Menschen mit 4563 Konsultationen helfen.

Ich werde Hanin heute wiedersehen. Nachdem sie nach der Krisenintervention stabilisiert war, konnten wir zusammen mit dem Psychiater vorsichtig mit Antidepressiva beginnen. Zudem sehen wir sie zwei Mal pro Woche zur psychologischen Behandlung. Sie möchte irgendwann einen Kosmetiksalon zu eröffnen. Bis dahin wird es aber wohl noch ein bisschen dauern. Der Schmerz in ihr ist etwas abgeschwächt, wenn auch immer noch da. Ihre Suizidgedanken kommen immer seltener. Sie träumt von der Zukunft. Etwas, das ihr lange Zeit nicht mehr möglich war.

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