Raimund Alber26.01.2017

"Die Vernunft ist des Herzens größte Feindin"

2 Kommentare

Seit November 2016 ist unser Psychologe Raimund Alber im Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen: In Jordanien, wenige Kilometer von Syrien entfernt. In seinem dritten Blogbericht schildert er die tägliche Fahrt in die Klinik, den Alltag im internationalen Team, den Kontrast zur gewohnten Welt, Zuhause in Österreich – und die unglaubliche Kraft namens „Hoffnung“.

Raimund Alber, Ärzte ohne GrenzenDas ruckartige Bremsen unseres Kleinbusses vor einem der unzähligen Schlaglöcher rüttelt mich unsanft aus meinen Gedanken. Ich blicke aus dem Fenster neben mir. Gemächliches Chaos auf der Straße. Kleine und große Menschen wuseln wie Ameisen zwischen den sich gegenseitig blockierenden Autos herum. Der allmorgendliche Weg zur Klinik gibt mir Zeit zum Träumen, nachzudenken, wach zu werden. Nur langsam bewegen sich die Kolonnen vorwärts Richtung 500-Circel. Es gibt keine Regeln. Wer zuerst fährt, fährt zuerst. Genau genommen ist das ja eine Regel. Aber die einzige dann, wie mir scheint.

Es ist ein kalter Morgen. Mein Atem beschlägt das Glas an dem mein Kopf müde lehnt. Langsam schiebt sich ein verschwommenes, großes, blaues Etwas neben unseren Bus und ich spüre, wie ich beobachtet werde. Ich wische über das Fenster um klare Sicht zu bekommen. Mein Blick verliert sich in zwei riesig-großen, tief-braunen Augen. Gefesselt schaue ich hinüber zu dem blauen Pick-up und sehe Gutmütigkeit und Zufriedenheit. Ich frage mich, was diese Augen der Wüste wohl schon alles gesehen haben? An mir scheinen sie interessiert zu sein - starren mich an. Für einen Moment bleibt alles stehen. Kein Zwinkern, kein Zucken. Angeblich würde man sich ja verlieben, wenn man für zwei Minuten starr ins sprichwörtliche Fenster zur Seele des Anderen blicken würde. Doch dazu kommt es nicht. Der Pick-up ruckelt kurz und unterbricht den Moment der Zeitlosigkeit. Während ich noch versuche, mich von dem eindringlichen Blick zu erholen, scheint dieser haarigen Schönheit unsere Begegnung sichtlich egal zu sein. Entspannt liegt sie auf der Ladefläche und kaut mit ausladenden Kieferbewegungen vor sich hin. Laut knatternd und dunkel rußend düst der alte Toyota los und manövriert sich mit samt Kamel geschickt durch das verkehrstechnische Nadelöhr. Eva, unsere Internistin aus Argentinien, sitzt kichernd neben mir. "Welch ein Moment!" flüstert sie schmunzelnd.

Familie mit Ablaufdatum

Wieder bremst unser Kleinbus ruckartig vor dem Schlagloch. Ich wische den Hauch weg, um klare Sicht zu bekommen. Doch heute kein Kamel. Kein Kichern. Kein Moment. Der Platz links von mir ist leer. Ich vermisse sie. Denke an sie. Wie wir alle. Dabei kannte ich Eva gerade mal für 6 Wochen. Ich versuche zu verstehen, was das ist. Dieses Leben mit Ärzte-ohne-Grenzen. Und langsam merke ich, wie all die beiläufigen Dinge an mir zehren. Nicht nur die so normal gewordene Nähe zum Krieg, die allgegenwärtige Armut, das unterdrückte Leid. Ganz abgesehen von dem Müll. Plastik, soweit das Auge reicht. Schlimm sind die Abschiede. Noch bis letzte Woche haben wir wenigstens 16 Stunden jeden Tag miteinander verbracht. Gearbeitet, gewohnt, geredet, gelacht, uns genervt und angeschwiegen, gefeiert, getrunken - meist Tee. Am Ende haben wir gemeinsam geweint. So ist das nun mal. Jede Mission ist irgendwann zu Ende. Familie mit Ablaufdatum.

Für uns „Expats“, die internationalen Einsatzkräfte, ist das alles ja ein Abenteuer. Soziales Engagement inklusive Adrenalinkick. Ein Ausflug in die andere Welt mit Rückfahrkarte. Für unsere nationalen Mitarbeiter ist das Alltag. Für unsere Patienten Realität.

Witwen-Haus

"Im letzten Jahr habe ich alle fünf Söhne an den Krieg verloren. Und mein Mann ist vor einem Monat an einem gebrochenen Herzen gestorben. Die Ärzte sagen, es war ein Herzinfarkt. Doch ich weiß was es war. Welchen Grund habe ich noch, weiter zu machen?"

Geschichten wie Fatimas* hören wir täglich. Sie ist eine von unzähligen Zurückgebliebenen, die gemeinsam in einem "Witwen-Haus" leben. Manchmal gibt es noch Kinder. Zu jung zum Kämpfen. Oder Töchter. Doch Fatima muss die Trauer, den Schmerz und die Wut auf die Welt alleine tragen.

Hoffnung. Eine unglaubliche Kraft.

"Nach dem Besuch in der Klinik geht es mir besser! Ich weiß, dass ich weiter machen muss. Es fühlt sich an, als könnte ich mein Leid teilen. Ich lasse jedes Mal ein Stück der schweren Last zurück. Ein kleines Stück. Nächste Woche komme ich wieder. Und dann fällt es mir hoffentlich noch ein Stück leichter. Inschalla (so Gott will)!" Hoffnung. Eine unglaubliche Kraft.

Ich weiß nicht, wie viele Sitzungen Fatima noch braucht, doch viele werden wir ihr nicht mehr geben können. Wie schön wäre es, wenn wir in jedem Abschlussbericht unserer Patienten "voll remittiert" schreiben könnten. Doch das geht nur bei wenigen. Nicht nur, weil wir keine Wunder vollbringen können, sondern auch, weil uns die nötigen Ressourcen dazu fehlen. Und die täglichen Fallbesprechungen mit den Psychologen und Beratern entwickeln sich oft zu einer moralischen Zerreißprobe. Wir müssen Patienten entlassen, um neue von den Wartelisten aufnehmen zu können. Die Entscheidung ist eine rationale. Alltagsfunktion. Nur wer in seinem Alltag aufgrund primär psychischer Belastungen deutlich eingeschränkt ist, wird aufgenommen und darf wieder kommen. So die Theorie. Doch Einfühlungsvermögen und Mitgefühl (Mitleid) sind oft schwer zu trennen. Wollen wir vielen ein wenig helfen, oder wenigen viel? Und ab wann ist wenig Hilfe genug?

"Die Vernunft ist des Herzens größte Feindin!", hat Casanova schon geschrieben (in einem etwas anderen Kontext). Unsere "Vernunft" sind unsere Guidelines und Protokolle, die uns Helfen Entscheidungen zu treffen. Unser "Herz" ist alles was dazwischen passiert.

*Der Name wurde zum Schutz der Anonymität geändert

Kommentare

San Andreas Games
Super :)))
Marion
Wow, was für ein Blog. So treffende Worte zu finden ist echt stark.

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