Raimund Alber28.11.2016

Es geht los!

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Raimund Alber stammt aus St. Jakob am Arlberg in Tirol und ist klinischer und Gesundheitspsychologe. Zuletzt lebte und studierte er für ein Jahr in den U.S.A. und Deutschland. Jetzt steht sein erster Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen bevor: Raimund arbeitet ab sofort in Jordanien neun Monate lang in unseren Kliniken in Ar Ramtha und Turrah. Während in West-Österreich der erste Schnee fällt, beschreibt er in seinem ersten Blogpost die Reise-Vorbereitungen:

Noch vor wenigen Tagen hat es geschneit. Dicke, große, kuschelige Flocken. Sack-finster.

Wie ich es geliebt habe, früher, warm in meinen Skioverall eingepackt, die Mütze weit über beide Ohren, Stiefel und Handschuhe bis zum Anschlag angezogen. Und dann raus. Dieses wohlige und heimelige Gefühl in der Ruhe des Schneetreibens. Geborgen im sanften, reinen Weiß. Der erste Schnee machte die Welt so sauber. Und Weihnachten war nicht mehr weit. Die Skigäste würden unser Haus dann bald wieder beleben und Kastanien, Lebkuchen und Nelken sollten alles zum Duften bringen. Ich konnte meinem Großvater beim Schnitzen der Krippenfiguren zuschauen und meiner Großmutter beim Backen der "Zelten" helfen. Und wenn man vom Schneehüpfen, Rodeln, Iglu-bauen kalt-nass mit rotziger Nase ins Warme kam, schmeckte der Kakao nochmal so gut…

Mein Blick fällt aus dem Fenster meines Dachbodenzimmers auf die schneeweiße Wiese hinter unserem Haus. Und gleich wieder zurück auf den Bildschirm meines Computers. Ich muss noch einiges erledigen. Immerhin werde ich für neuen Monate weg gehen. Das muss gut vorbereitet sein. Und jetzt doch zwei Wochen früher als ursprünglich angedacht. Aber so ist das mit Ärzte ohne Grenzen. Und außerdem in ein anderes Projekt als geplant. “Die Situation im Einsatzland verändert sich manchmal sehr schnell, deshalb muss man flexibel sein”, haben die uns nicht nur einmal im Vorbereitungskurs für die “First-Missioners” (alle, die zum ersten Mal auf Einsatz gehen) erklärt. Flexibel.

Es könne in Jordanien recht kalt werden. Mein Vater rät mir, eine lange Unterhose einzupacken, und meine Mutter mästet mich seit Wochen mit allem was gut schmeckt. Kein Wunder, dass mein Hausarzt beim medizinischen Check-up seine Stirn in tiefe Falten legt, als er meinen Blutbefund betrachtet. Zur Sicherheit verordnet er mir noch schnell einen Aderlass. Schön, so umsorgt zu sein. Wie gut es mir geht. Meine ganze Familie hat sich noch eingefunden und als meine Schwester plötzlich den ersten Advent anstimmt, werden meine Augen glasig. Es ist doch erst November. Doch keine Zeit für Sentimentalitäten. Immerhin müssen Advent, Nikolaus, Weihnachten, Neujahr, mein Geburtstag und Ostern gefeiert werden. Und alles an einem Nachmittag. Und wisst ihr, genau deshalb gehe ich jetzt. Weil ich weiß, dass ich unglaubliches Glück habe. Und andere nicht.

Ich gehe nach Ar Ramtha, ganz im Norden Jordaniens. Zwei Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Hunderttausend Kriegsflüchtlinge nur in Ramtha. Über Sechshunderttausend in Jordanien. Offiziell. Inoffiziell noch mehr. Vertriebene, Zeugen oder Opfer brutaler Gewalt. Was der Mensch alles ertragen kann. Bis es nicht mehr geht. Und ich bin sehr stolz darauf, in einem Team mithelfen zu dürfen, welches versucht, das Leid weniger Einzelner erträglicher zu machen. Den Menschen Unterstützung anzubieten, um zu lernen, sich selbst zu heilen, zu wachsen, mental stark zu werden, um weiter machen zu können. Denn der Kampf hat meist erst begonnen. Zurückzulassen, was nicht mehr existiert, die Bilder des Grauens zu verarbeiten, die Schmerzen anzunehmen und wieder eine Perspektive zu finden. Lebensmut, und im Idealfall Lebensfreude zu spüren. Alles nur leere Worte?

Manchmal wünschte ich mir, ich wäre Chirurg geworden. Nicht, dass diese Arbeit einfach wäre, aber greifbarer, verständlicher als meine. Glaube ich manchmal. Aber wir dürfen die Kraft der Worte und Gedanken nicht unterschätzen. So sehr sie verletzen können, mögen sie auch zu Heilen wissen. Richtig eingesetzt. Eben auch mit chirurgischer Präzision. So wie die Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen Österreich und Psychotherapeutin, Margaretha Maleh, schon gesagt hat:

“Ich trage immer alles bei mir was ich brauche... meinen Verstand, meine Augen, meine Ohren, meine Gefühle und meine Sprache.”

Gedanken. Ich verlier mich manchmal in meinen. Also, Konzentration zurück auf die Vorbereitungen. Und auf keinen Fall die langen Unterhosen vergessen.

Nächster Halt: Amman.

Die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen in Jordanien: Mehr als 600.000 syrische Geflüchtete sind laut offiziellen Angaben in Jordanien registriert. Doch für Flüchtlinge und bedürftige Jordanier ist der Zugang zur Gesundheitsversorgung nur eingeschränkt möglich. Wir leisten daher basismedizinische Hilfe, versorgen chronisch Kranke, betreiben chirurgische Projekte und mehr.

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