Raimund Alber18.01.2021

Sexualisierte Gewalt in Kamerun: Violets Geschichte

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Einfache Maßnahmen können für Überlebende sexualisierter Gewalt eine große Wirkung haben. Unser Psychologe Raimund Alber erzählt, wie sich das Team um eine Familie in Kamerun kümmerte:

Content Note: Dieser Beitrag enthält Beschreibungen sexualisierter Gewalt gegen ein Kind. Namen und Angaben, die zur Identifizierung der Personen dienen können, wurden geändert oder weggelassen.

Ich arbeite zum zweiten Mal für Ärzte ohne Grenzen in den vom Konflikt betroffenen Regionen im Nord- und Südwesten Kameruns.

Die Gewalt zwischen Regierungskräften und separatistischen nichtstaatlichen bewaffneten Gruppen ist in den letzten Jahren eskaliert. Das hat direkte Folgen für die Menschen vor Ort, aber nicht nur die Kämpfe verursachen Leid.

Die Menschen hier sind mit Vertreibung und Armut konfrontiert, die familiären Netzwerke, die für gewöhnlich Unterstützung bieten, brechen zusammen, viele leiden unter einem zunehmenden Gefühl der Hoffnungslosigkeit und ständiger Gewalt.

Und wenn das Justizsystem nicht funktioniert, werden Verbrechen, die früher selten waren, beinahe Normalität.

Ich möchte die Geschichte einer unserer Patientinnen erzählen, die eine Überlebende sexualisierter Gewalt ist. Der Missbrauch wurde nicht von bewaffneten Gruppen begangen, die Vergewaltigung oft als Kriegswaffe einsetzen, sondern von einem Mitglied ihrer Gemeinde. Ein weiteres unnötiges Opfer, stellvertretend für die unzähligen Mädchen und Frauen und Jungen und Männer, die Kollateralschäden einer von Gewalt infizierten Gesellschaft sind.

Ein besonderer Notfall

Es ist Montag. Die Stadt ist wie ausgestorben. Keine Bewegung auf den Straßen. Die Botschaft ist deutlich: Bleibt zu Hause oder ihr werdet bestraft! Bewaffnete Gruppen setzen diese regelmäßigen Lockdowns jeden Montag durch. Nur medizinisches Personal auf dem Weg zur Arbeit und Menschen in Notsituationen, die mit unseren Krankenwagen kommen, dürfen raus.

Einige Minuten zuvor hat unsere medizinische Teamleitung einen Anruf erhalten. In der Notaufnahme wartet ein Notfall. Ein besonderer Notfall. Ich rufe Madame Bridget, unsere leitende Hebamme, an. Als sie den Hörer abnimmt, sage ich nur: „Wir haben einen Fenster-Fall.“

Sie antwortet: „Ich bin gleich da!“

Angst

Als ich im Krankenhaus ankomme, gehe ich zur Notaufnahme. Ich sehe eine Frau und ein Mädchen, die geduldig auf der Bank im Wartebereich sitzen. Ich gehe langsam auf sie zu, begrüße sie und stelle mich vor. Die Frau grüßt zurück.

Das Mädchen sitzt ganz nah bei der Frau und klammert sich an ihren Arm. Ich nehme an, es sind Mutter und Tochter. Sie schaut nur kurz hervor, um zu sehen, wer ich bin, und versteckt sich schnell wieder. Sie sieht verängstigt aus.

Ich erkläre ihr, dass wir auf Madame Bridget warten müssen und dann zusammen in den Beratungsraum gehen können. Fünf Minuten warten, die sich viel zu lang anfühlen. Ich schweige. Das ist nicht der Zeitpunkt, um ein Gespräch zu beginnen.

Als ich Madame Bridget sehe, bin ich erleichtert. Schweigen kann manchmal schwer zu ertragen sein. Wir betreten unseren für diese Fälle eingerichteten Raum, setzen uns und schließen die Tür.

Ich stelle mich vor

„Mein Name ist Raimund und das ist Madame Bridget. Ich bin Psychologe und Madame Bridget ist Hebamme. Wir möchten zusammen herausfinden, was passiert ist und wie wir am besten helfen können. Ist es für euch beide in Ordnung, dass wir vier hier zusammen sind?“ frage ich.

Die Mutter nickt. Das Mädchen schweigt.

Ich erkläre, dass Madame Bridget mit ihrem Einverständnis eine körperliche Untersuchung und gegebenenfalls verschiedene medizinische Behandlungen durchführen wird. Ich sage, dass ich sie ab diesem Punkt unterstützen möchte.

Ich wünschte, wir hätten schon eine psychosoziale Beraterin eingestellt. In den meisten Fällen ist es für die Patientinnen einfacher mit einer Frau zu sprechen. Aber jetzt bin ich der Berater. Deshalb versuche ich, besonders sensibel zu fragen, ob sie sich dabei wohl fühlen, dass ich da bin.

Violet

Die Frau ist die Mutter des Mädchens, das noch keine zehn Jahre alt ist. Sie erklärt uns, dass Violet* am Samstagnachmittag anfing, über Schmerzen in ihrer Vagina zu klagen. Aber sie wollte nicht sagen, was passiert war. Die Mutter schlug sie, bis sie erzählte, dass der Freund der Mutter, während die Mutter auf dem Bauernhof arbeitete, ihr die Unterwäsche heruntergezogen und „seine Haut auf ihre“ gelegt hätte.

Nachdem er mit dem, was das Mädchen gesagt hatte, konfrontiert wurde, ging der Freund zum Dorfrat, um zu verkünden, dass das Mädchen lüge und dass die Mutter nur seinem Ruf schaden wolle. Um zu beweisen, dass er nicht der Täter sei, brachte er beide heute Morgen ins Krankenhaus.

„Was, er ist hier?!“ frage ich überrascht.

„Ja, er ist draußen. Es ist der Mann mit dem Pullover“, sagt die Mutter.

Madame Bridget weist mich an, zu ihm zu gehen und mit ihm zu sprechen.

„Wir sollten ihn auf HIV testen. In der Zwischenzeit mache ich die körperliche Untersuchung“, sagt sie.

Ich verlasse den Raum.

„Ich bin kein Richter“

Als ich auf den Mann mit dem Pullover zugehe, habe ich das Gefühl zu ersticken. Ich bin nervös. Ich habe noch nie mit einem mutmaßlichen Vergewaltiger gesprochen. In meinem Kopf dreht sich alles, ich spüre, wie Wut in mir aufsteigt. Ich sehe ihn an und muss an das Mädchen denken und daran, was die Mutter uns erzählt hat.

„Stopp!“, sage ich mir selbst. „Ich bin nicht die Polizei und auch kein Richter. Ich bin hier, um zu helfen.“

Ich atme tief ein und stelle mich vor. Wir sprechen an einem ruhigen Ort. Vertraulich. Er schwört, dass er unschuldig sei. Er willigt ein, sich auf HIV testen zu lassen. Ich lasse ihn allein.

Noch einmal tief einatmen.

Als ich in unser Sprechzimmer zurückkomme, kommt Madame Bridget mir entgegen und gibt mir ihre Einschätzung. Das Ergebnis ist eindeutig. Mir ist schlecht.

Noch einmal tief einatmen.

Die nächsten Schritte

Madame Bridget geht zurück, um das Mädchen mit Prophylaxen gegen Tetanus, Hepatitis B und verschiedene sexuell übertragbare Infektionen, einschließlich HIV, zu versorgen. 

Ich bitte nochmal um Erlaubnis, den Raum betreten zu dürfen. Die Mutter nickt. Das Mädchen ist ruhig. Kein Augenkontakt. Ich halte einen Sicherheitsabstand zu ihr.

Ich bespreche mit der Mutter, was sie als Nächstes tun will, ob der mutmaßliche Täter noch bei ihnen wohnt, ob es Möglichkeiten gibt, wie sie die Sicherheit des Mädchens und ihre eigene gewährleistet, ob sie die Polizei einschalten oder alles dem traditionellen Rat überlassen sollte.

Normale Reaktionen unter anormalen Umständen

Ich erkläre der Mutter, wie ihre Tochter in den nächsten Tagen und Wochen reagieren könnte und dass diese Reaktionen unter diesen Umständen normal sind: Sie könnte Alpträume haben, sehr ängstlich und übermäßig anhänglich sein, nicht mehr das Haus verlassen oder allein sein wollen oder sie könnte wieder anfangen, ihr Bett zu nässen. Sie könnte ihr oder anderen gegenüber aggressiv sein, sie könnte anfangen, sich zurückzuziehen, aufhören zu spielen, traurig und still werden. Vielleicht fängt sie an, Fragen über das Geschehene oder zu sexuellen Themen zu stellen.

Vielleicht wird sie das, was an diesem Nachmittag geschah, mit jemand anderem nachspielen.

Ich betone, dass sie jetzt vor allem viel Aufmerksamkeit, Liebe und Schutz braucht. Ich erkläre auch, dass Schläge und Strafen dem Mädchen nicht helfen, besser mit der Situation fertig zu werden. Die Mutter und ich besprechen andere Erziehungsmethoden, die sie anwenden kann.

Ein kleines Lächeln

Das Mädchen schaut mir immer öfter in die Augen. Ich sehe, wie sie anfängt, auf eine unserer großen Plastikschachteln zu blicken, die mit Spielzeug, Malutensilien und Luftballons gefüllt sind.

Während ich der Mutter erzähle, wie wertvoll und wichtig es war, heute ins Krankenhaus zu kommen und wie wichtig es ist, zu den Nachsorgeterminen zu gehen, schiebe ich die Schachtel vorsichtig näher an das Mädchen heran und hebe aus einer gewissen Entfernung den Deckel.

Ihre Augen hängen an der kleinen Schachtel mit den Farbstiften. Ich drehe mich vorsichtig zu Violet und frage sie, ob sie gerne malt. Ihre Mutter übersetzt für mich, weil sie nur Pidgin-Englisch spricht. Violet nickt zögerlich.

Ich versuche ihr zu erklären, dass sie eine Schachtel mit Stiften und eines der Malbücher mitnehmen kann. Sie greift zu und zieht die Gegenstände ganz nah an ihre Brust, es ist offensichtlich, dass sie die Sachen jetzt für sich beansprucht. Ich sehe ein winziges Lächeln auf ihrem Gesicht.

Zweifel

Als sie gehen versprechen sie uns, in einer Woche wiederzukommen, um die nächste Impf-Dosis zu erhalten und damit wir überprüfen können, wie es Violet geht. Die Mutter hat kein Telefon und in der abgelegenen Gegend, in der sie leben, gibt es ohnehin selten Netz.

Als die Mutter, das Mädchen und der Mann mit dem Pullover gemeinsam zum Ausgang des Krankenhauses gehen, bekomme ich Zweifel. Haben wir unser Bestes getan? Ist sie jetzt in Sicherheit? Können und sollten wir die Polizei einschalten, hier wo die Gerechtigkeit einen Preis hat und die Opfer durch Stigmatisierung noch mehr leiden könnten? Haben wir wirklich im besten Interesse unserer Patientin gehandelt?

Ich hatte keine Ahnung, dass einige Tage später der Dorfrat zusammentreten und über das Urteil und die Strafe entscheiden würde. Der Mann mit dem Pullover wird zehn Kisten Bier bezahlen, eine übliche Strafe für Verbrechen, die ohne Beteiligung der Polizei „aufgearbeitet“ werden. Wer bekommt das Bier? Der Dorfrat. Alles Männer.

Eine neue Familie

Violet und ihre Mutter sind nach einer Woche zurück. Die Mutter erklärt uns, dass Violet nach diesem Tag im Krankenhaus allmählich wieder so wurde, wie sie vorher war. Sie lässt sie aber nicht allein und die beiden stehen sich sehr nahe. Sie spielt mit den Nachbarskindern und ist in dieser sehr anormalen Situation ein normales Kind.

Sie leben jetzt bei ihrer Großmutter – sind eine neue Familie. Wir werden sie bitten, uns in den kommenden Wochen wieder zu besuchen.

Sexualisierte Gewalt betrifft Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Sie kann das Leben von Frauen, Männern und Kindern brutal erschüttern und gilt als medizinischer Notfall. Die psychosozialen Folgen können einen Menschen jahrelang quälen, zu schweren psychischen Problemen und in einigen Fällen sogar zu Selbstmord führen.

Aber so muss es nicht sein.

Einfache Interventionen

Frühzeitige, selbst einfache Interventionen wie die Beratung der Familien, wie ein sicheres und fürsorgliches Umfeld geschaffen werden kann, können den Heilungsprozess in Gang bringen und schließlich die Entwicklung in eine verheerende Richtung verhindern.

Die Zeit wird zeigen wie Violet mit ihrem Trauma umgeht. Sie wird erwachsen werden, ein Teenager, eine Frau. Vielleicht wird sie eine gesunde und liebevolle Beziehung zu einem Partner haben, eine Familie gründen und ein „normales“ Leben führen. All das liegt nicht in unserer Hand. Aber ich will daran glauben, dass wir dazu beitragen können, ihr und ihrer Familie eine Chance auf Heilung zu geben.

*Namen und Angaben, die zur Identifizierung der Personen dienen können, wurden geändert oder weggelassen. Das Foto oben zeigt eine psychosoziale Unterstützungsmaßnahme für Kinder durch unser Team im Allgemeinen Krankenhaus Maroua in Kamerun - es zeigt nicht das in diesem Beitrag beschriebene Kind.

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