Raimund Alber11.12.2017

Willkommen in Bangladesch!

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Raimund Alber aus Tirol ist klinischer Psychologe. Gerade ist er auf seinem zweiten Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen in Bangladesch. Mehr als 620.000 Rohingya sind vor der Gewalt in Myanmar geflohen und benötigend dringend Hilfe. Im Blog berichtet er von der dramatischen Situation vor Ort.

Zwei große dunkle Augen lugen durch den Eingang einer Flüchtlingsunterkunft und beäugen mich von oben bis unten. Ich grinse. Zurückhaltend aber neugierig grinst der Junge zurück. Wie ist er nur hier gelandet? Wie bin ich nur hier gelandet? Zwei Welten. Zwei Geschichten. Wie sie unterschiedlicher nicht sein können.

 „Hat es dich verändert?” haben mich alle nach meiner Rückkehr aus meinem letzten Einsatz gefragt. Neuneinhalb Monate an der syrisch-jordanischen Grenze. Müsste einen das verändern? Die wunderschönen Sonnenuntergänge im Westen während im Osten die Rauchwolken hinter den Hügeln aufstiegen. Das Lied „Despacito“ aus den Boxen und dazu die Bombenanschläge, so laut, dass noch mehrerer Kilometer davon entfernt unsere Fensterscheiben klirrten. Die fröhlichen und ausgelassenen Dobka-Tänze und dann wieder Geschichten, so grausam und traurig, dass sie einem durch Mark und Bein gingen. Sagt ihrs mir! Habe ich mich verändert?

Auf jeden Fall habe ich gelernt. Über die Welt, über Freundschaften und über mich. Ein bisschen wenigstens. Über die Welt, dass sie gut und böse ist. Und dazwischen ist auch noch ganz viel. Über Freundschaften, dass sie über Religionen, Sprachen, Nationalitäten und kulinarisches Verständnis hinaus dicker als Blut sind. Hart erarbeitet durch gemeinsame Erlebnisse. Über mich, wo meine Grenzen sind. Und dass ich sie erweitern möchte. Erfahrungen sammeln, bis ich eines Tages davon platze. Mehr! Ich will mehr davon!

Jetzt arbeite ich schon seit zwei Wochen mit einem knapp 20-köpfigen, internationalen Team im Flüchtlingslager in Jamtoli in der Nähe von Cox’s Bazaar im Süden Bangladeschs. Mein zweites Projekt. Kriseneinsatz. Seit Ende August sind mehr als 600.000 Rohingya in dieser Gegend angekommen. Und man erwartet noch mehr. Die Gründe, dass so viele Menschen ein Land verlassen und in ein anderes flüchten müssen, sind vielfältig. Das zu erklären, überlasse ich lieber den Analysten der Weltpresse. Der Grund, warum ich hier bin: Meine Arbeit in einem Projekt von Ärzte ohne Grenzen, das Rohingyas psychologische Unterstützung bietet.

Die Flüchtlingsunterkunft, in der ich gerade bin, ist circa 5x3 Meter groß. Eine blau-orange Plastikfolie ist Grundmaterial für fast alles: Boden, Wände und Dach. Gestützt durch eine beeindruckende Bambuskonstruktion. Leicht und stabil zugleich. Nur der Wind…hoffen wir, dass kein Sturm kommt. Ich mache gerade Mittagspause und versuche in einem schattigen Eck etwas Ruhe zu finden. Wir sind noch in der Aufbauphase des Projekts und bilden sogenannte „Community Mental Health Educators” aus, die uns helfen werden, potentielle Patienten und Patientinnen zu identifizieren und in unseren Kliniken zu überweisen. Sie werden den Menschen auch erklären, was psychische Gesundheit bedeutet und was man machen kann, um schwierige Lebensumstände besser bewältigen zu können. 

Schwierige Lebensumstände … Flucht, körperliche und sexuelle Gewalt, Zeugen von grausamen Morden, Verlust von Familie, Haus, Hof, Arbeit, Heimat und Identität. Und nun? Aufgefangen in einem Nationalpark, der keiner mehr ist. Orange-blaue Hütten überwältigen die hügelige Landschaft. Über 30.000 Menschen eng auf eng. Und das nur in Jamtoli. Von den anderen Mega-Camps und „Siedlungen“ ganz zu schweigen. 

Die Ausdämpfungen der unzähligen Latrinen und Rinnsale der Wasserstellen und die von der prallen Sonne aufgeheizte Luft mischen sich zu einem unverkennbaren Geruch zusammen. Eine gelegentliche kühle Brise lässt uns aufatmen. Wenigstens ist es nun trocken. Die Regenzeit habe ich knapp verpasst

In einer Woche wollen wir bereit sein. Das psychologische Team besteht aus 56 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen,  42 „Community Mental Health Educators”, zehn psychosozialen Berater und Beraterinnen, zwei Psychologen als Teamleiter und mir. Mein bisher größtes Team. Wir werden in den drei Camps  Jamtoli, Hakimpara und Moynarghona arbeiten. Über 110.000 Menschen. Meine bisher größte Herausforderung. Und zu Hause habe ich mir mir noch Sorgen gemacht, ob ich denn auch genug Haarwachs eingepackt habe. Willkommen in der Realität! Willkommen in Bangladesch!

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