Regina Giera23.02.2017

Wenn Kinder wieder lachen…

3 Kommentare

Ärztin Regina Giera aus Linz war bereits während ihres Medizinstudiums in Innsbruck klar, dass sie in einer humanitären Hilfsorganisation mitarbeiten möchte. Nach dem Kongo und dem Südsudan verbringt sie ihren dritten Einsatz nun in Sierra Leone – einem Land, das nach der Ebola-Epidemie weiterhin unter dem massiven Mangel an professioneller medizinischer Versorgung leidet.

Ich bin nun seit Jänner 2017 in Kabala in Sierra Leone und finde endlich Zeit für einen Bericht von meinem Einsatz. Ärzte ohne Grenzen unterstützt hier ein großes Krankenhaus im Norden des Landes. Wir arbeiten in Kooperation mit dem Gesundheitsministerium und versorgen die Notaufnahme, Pädiatrie und Geburtshilfe sowie das Labor und die Apotheke. Wir sind hier ein großes Team an internationalen Einsatzkräften: Alleine das medizinische Team umfasst aktuell neun Personen, darunter zwei Gynäkologen, eine Hebamme, ein OP-Pfleger, drei Pflegefachkräfte für Notfälle, Infektionskontrolle und Pädiatrie sowie ein Labortechniker. Ich bin für die Notaufnahme und die Pädiatrie zuständig.

Ein normaler Arbeitsalltag beginnt um 7:30 Uhr, wenn wir gemeinsam zum Krankenhaus aufbrechen, das ca. 5-10 min Autofahrt von unserem Wohnhaus entfernt ist. Dann beginnt die Morgenvisite zuerst in der Notaufnahme und dann in der Pädiatrie. Ich habe sieben einheimische „Community Health Officers“, die ärztliche Tätigkeiten verrichten. Eine große Herausforderung für das Gesundheitssystem in Sierra Leone ist nämlich der Mangel an qualifiziertem Personal - es gibt im gesamten Krankenhaus einen einzigen Arzt des Gesundheitsministeriums, der gleichzeitig der ärztliche Direktor ist. Denn während der Ebola-Epidemie sind viele Mitarbeiter des Gesundheitswesens verstorben oder des Landes geflohen, sodass sich die Personalsituation noch verschlimmert hat.

Die „Community Health Workers“ (kurz: CHOs) arbeiten deshalb hier wie Ärzte. Sie machen eine zweijährige Ausbildung in „Community Health and Clinical Studies“, hier an einer Universität in Freetown. Sie verrichten danach ärztliche Tätigkeiten: stationäre Aufnahme und Entlassung von Patienten, Anamneseerhebung, klinische Untersuchung, Anforderung von Laboruntersuchungen, Diagnosestellung und Verschreibung von Medikamenten. Das macht meine Arbeit nochmal herausfordernder, weil sie viel, viel Unterstützung und Training brauchen. Nationale Ärzte sind leider extreme Mangelware.

Sierra Leone hat eine der höchsten Mutter-Kind-Sterblichkeitsraten der Welt, um 50% höher als in den westafrikanischen Nachbarländern Guinea oder Liberia. Das war auch einer der Gründe für Ärzte ohne Grenzen, nach Ende der Ebola-Epidemie im Land zu bleiben und vor allem Geburtshilfe und Pädiatrie zu unterstützen.

Mich hält vor allem die Arbeit in der Pädiatrie auf Trab - jeden Tag haben wir viele Aufnahmen, vor allem wegen schwerer Malaria, Durchfallerkrankungen mit Dehydrierung, Atemwegsinfektionen und Mangelernährung. Während der Visiten unterstütze ich unsere CHOs und mache viel praktisches Training am Patientenbett. Einer der Schwerpunkte unseres Einsatzes ist der Aufbau von Know-How und medizinischer Betreuungskapazität, also Training und Ausbildung von nationalen Mitarbeitern.

Um 13 Uhr bricht das internationale Team gemeinsam zur Mittagspause auf und um 14 Uhr geht’s zurück ins Krankenhaus - meist noch mehr Aufnahmen, Durchschau von Laborbefunden, Fortbildungen und Besprechung und Übergabe von kritischen Patienten. Meist arbeiten wir bis 18-19 Uhr, oft auch länger. Wir haben ein eigenes Rettungsauto von Ärzte ohne Grenzen, ausgestattet mit Blaulicht, mit dem wir zum Krankenhaus fahren können – speziell, wenn es in der Nacht Notfälle gibt.

Die Arbeit ist meist niemals endend und anstrengend. Belohnt wird man aber durch das Lachen von Kindern, die halb tot geglaubt im Krankenhaus ankommen und nach stationärer Behandlung wieder gesund nach Hause können, sowie die Dankbarkeit von Müttern und Vätern.

Hier eine kurze Geschichte eines "meiner" Kinder:

Vorletzte Woche wurde ich in die Notaufnahme gerufen wegen eines 5-jährigen Jungen mit akuter Atemnot und Ödemen, das sind Wassereinlagerungen im Körper. Ein Ultraschall zeigte viel freie Flüssigkeit im Bauch. Zur Entlastung und für die Diagnostik machten wir eine Punktion. Die klinische Verdachtsdiagnose war Tuberkulose sowie Mangelernährung. Der Junge lebte alleine mit seiner kranken Großmutter in einer abgelegenen Region nördlich von Kabala. Die Mutter war für drei Monate abwesend, um Geld zu verdienen. Bei ihrer Rückkehr fand sie ihren Jungen in diesem kritischen Gesundheitszustand und brachte ihn zu uns ins Krankenhaus. Nach der Stabilisierung in der Notaufnahme betreuten wir den Jungen stationär in der Pädiatrie. Zur Therapie der Mangelernährung verwenden wir spezielle Milch, die wir zuerst per Nasensonde verabreichen mussten, da der Patient zu schwach zur oralen Aufnahme war. Unter dieser Therapie und den entsprechenden Antibiotika besserte sich der Zustand unseres kleinen Patienten von Tag zu Tag. Ich war auch über Telemedizin mit Spezialisten in Europa in Verbindung, die diagnostische und therapeutische Ratschläge gaben – möglich durch eine Internetplattform von Ärzte ohne Grenzen zur Konsultation mit Fachärzten.

Nach zwei Tagen konnten wir die Magensonde entfernen und den Jungen mit Becher und Löffel füttern. Die therapeutische Milch wird dabei zunächst 8-mal täglich alle drei Stunden verabreicht (Stabilisierungsphase). Nach ein paar Tagen wird eine andere Milch, die mehr Kalorien, mehr Proteine und auch Laktose enthält gegeben (Transitionsphase). Der Gesundheitszustand unseres Patienten verbesserte sich zusehends - die Ödeme wurden weniger und schließlich kehrte auch der Appetit zurück. Vor der Entlassung aus der stationären Pflege müssen unterernährte Kinder einen Appetittest bestehen. Dafür müssen sie eine Ration an therapeutischer Nahrung (Erdnusspaste oder spezielle Kekse) essen. Unser Junge hat die erforderliche Menge an Erdnusspaste in Rekordzeit verputzt und dann mit großen Augen nach mehr gefragt.

Wir konnten ihn schließlich unter entsprechender Therapie und Weiterbetreuung im ambulanten Ernährungsprogramm (hier von UNICEF unterstützt) nach Hause entlassen. Gemeinsam mit unserem Team für Gesundheitsaufklärung konnten wir auch die Großmutter zur Diagnostik und Therapie zum Krankenhaus bringen. Sie wird nun ebenfalls im nationalen Tuberkulose-Programm behandelt.

Hier ein weiteres Foto vom Entlassungstag:

Die Fotos wurden mit Einverständnis der Mutter gemacht, eine unserer Krankenschwester half mit der Übersetzung die Landessprache Krio. Ich bin auch schon fleißig dabei, Krio zu lernen – eine Mischung aus Englisch und Portugiesisch. Vor allem mein Krankenhausvokabular (Durchfall, Erbrechen, Bauchweh, Fieber, ...) ist schon beachtlich ;-)

Ich werde hoffentlich bald wieder Zeit für einen weiteren Bericht finden, aber in der Zwischenzeit warten noch viele kleine Patienten mit großen Herausforderungen auf mich.

Liebe Grüße aus Sierra Leone,
Regina

PS: Wir suchen dringend mehr engagierte ÄrztInnen wie Regina für unsere Hilfsprojekte. Jetzt informieren auf unseren Websites für InteressentInnen in Österreich, Deutschland oder der Schweiz!

Kommentare

Christian
Danke für diesen Bericht. Ich musste lächeln, als ich las, wie der Kleine nach noch mehr Keksen verlangte. Deine Arbeit gibt mir Mut und Zuversicht, dass meine Spenden gut angelegt sind.
hanna.spegel
Vielen Dank für Ihre Unterstützung, Christian! :-) Ich werde Ihr Kommentar an Regina weiterleiten, sie freut sich bestimmt über das Feedback. Herzliche Grüße, Hanna Spegel / Web Team
Hitt.pfaeffli
Ich besuche ihre Seite öfter, Pressenachrichten sind seriös. Sie ist vertrauenswürdig. Ihre Nachrichten sind interessant, und gut gestaltet. Für mich wären ihre kurze Pressenachrichten im Facebook recht. Die Bilder und Geschichten sind gut und ich lese immer mal wieder. Ich bin dankbar,dass sich so viele Menschen aktiv einsetzen für ihre Ziele. Da ich im Internet kein Zahlungen mache, überweise ich lieber meine kl. Unterstützung. Sie schicken mir immer wieder einzahlungsscheine. Liebe Grüsse und Danke an ihre Mitarbeiter, denen ich viel Kraft und Freude sowie Erfolg wünsche. Sie geben Hoffnung!

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