Reinhard Lassner28.07.2014

Mittsommer

1 Kommentar

Mittsommer mit den langen Tagen ist hier im Kongo etwas südlich des Äquators nicht zu spüren, die Sonne geht konstant um 6 Uhr auf und um 18 Uhr ebenso rasch unter. Ich schaffe es mittlerweile, 1x pro Woche in der Früh im See zu schwimmen – ein herrliches Gefühl

bei ruhigem Wasser und der glutroten Sonne über dem See im Osten. Wir warten im Moment auf „Saba Saba“, was soviel wie „7 Tage starker Wind“ bedeutet und sich jedes Jahr im Juni/ Juli wiederholt und das Fischen im See unmöglich macht. Danach wird es wieder ruhiger, die Nachte werden dann angeblich kälter. Wobei „kalt“ für mich hier relativ ist.

Der Lac Tanganjika hat eine unglaubliche Ausdehnung von 700km Länge und eine Breite von 80km. Mit einer Tiefe von rund 700m ist er nach dem Baikalsee der tiefste See der Erde und Lebensgrundlage für viele Menschen am Ufer des Sees. Je nach Wetter gibt es mal reichlich oder gar keinen Fisch zu kaufen, die Preise schwanken dementsprechend. Wir haben Fisch am Speiseplan und neben dem Fisch ist auch das gesamte Trinkwasser der Stadt aus dem See. Ich schwimme nicht nur im Wasser sondern trinke es auch. Die Bevölkerung holt sowohl Trink- als auch Nutzwasser direkt vom See, es gibt vereinzelt Chlorstationen, wo dem Wasser Chlor zur Desinfektion zugefügt wird. Körperpflege und Wäsche wird auch im See erledigt, ganze Ansammlungen von Menschen sind jeden Tag am Ufer mit ihren Wasch-Utensilien am See:


© Reinhard Lassner 2014

Trotz der Größe der Stadt mit 250.000 Einwohnern ist das Leben sehr einfach, viele Häuser ohne fließendem Wasser. Warmwasser gibt es hier sowieso nicht, auch wir duschen hier die ganze Zeit nur kalt. Gekocht wird viel mit Holzkohle, die hier ein eigener Geschäftszweig ist, man kann ganze Säcke kaufen oder auch kleine Haufen, die am Straßenrand nach Größe sortiert aufgeschichtet sind. Und der Müll landet immer auf der Straße, teilweise wird er verbrannt. Das Problem ist hier das Plastik, das überall rumfliegt. 

Auf der täglichen Strecke Haus – Büro komme ich bei 2 Familien vorbei und die Kinder winken, schreien und begrüßen mich jedes Mal mit „mzungu“ – ist mittlerweile schon ein Ritual geworden. Ebenso beim Morgenlauf gibt es immer wieder Kommentare, Gelächter oder einfach nur Staunen, wieso hier ein Weißer freiwillig durch die Stadt läuft. Und in einer nahen Schule haben mich die Schüler nach Geld für einen Fußball gefragt, ich fand das eine sinnvolle Investition, und um sicher zu gehen, dass es auch ein Fußball wird, hab ich ihn gleich selber gekauft und vorbei gebracht. Ja, und Fußball ist ein weltweites Phänomen, die Weltmeisterschaft wird hier genauso intensiv verfolgt und diskutiert wie anderswo. Und meine Kollegen von Côte d‘Ivoire beim Match ihrer Mannschaft zu beobachten ist ein Kabarett für sich.

Die Arbeiten an der Wasserleitung gehen jetzt sehr gut voran , die geplanten 72m Meter pro Tag werden geschafft und mittlerweile sind rund 2,8km Strecke verlegt, was rund 40% der gesamten Strecke entspricht. Einzig beim Reservoir gibt es einen Rückstand im Zeitplan. Neben der Wasserleitung beginnen wir auch mit der Errichtung von Sandfiltern zur Wasseraufbereitung sowie der Verteilung von Filtern für die Haushalte, wo kein Trinkwasser verfügbar ist. Auch hier ist Personal für Aufklärung und Schulung der richtigen Verwendung nötig.

Wenn ich mit den Kindern auf der Straße kommuniziere oder beim Laufen am Morgen den Sonnenaufgang erlebe, das sind dann die Momente in denen ich realisiere, wo ich eigentlich arbeite und lebe und das gibt mir das Gefühl, einen spannenden Job zu haben.

Reinhard Lassner
Juni 2014


Der Niederösterreicher Reinhard Lassner hat sowohl eine kaufmännische Ausbildung im Bereich Finanzen und Buchhaltung als auch Erfahrung in der Mitarbeiterführung. Er war im Finanz- und Versicherungssektor tätig und zuletzt Vertriebsleiter einer Bank. Die Suche nach einer sinnstiftenden Arbeit und ein „Blick über die Grenzen“ haben ihn in seiner Entscheidung bestärkt, auf Einsatz zu gehen: Nach seinem ersten Einsatz in Pakistan bloggt er nun mit monatlichen Rückblicken über seine Tätigkeit in der Demokratischen Republik Kongo.

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Kommentare

Dieter
Gut, dass es die Kinder und das Laufen gibt. Erst so kann man solche Leistungen vollbringen. Kraft und gute Gedanken aus Rodaun Dieter

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