Tanja Rau20.01.2014

Intervention im Flüchtlingslager

6 Kommentare

Bestimmt habt ihr schon von dem Desaster im Südsudan gehört. Leider ist es traurige Wirklichkeit, auch wenn es so weit weg von Euch ist. Ich möchte Euch berichten wie es hier so zugeht.

Heute ist Dienstag, der 7. Jänner 2014, es ist 23:12 Uhr. Ich berichte Euch von meinen letzten Tagen.

Freitag, 3. Jänner 2014, 21 Uhr:

Unser Team ist gerade heimgekommen von einer üblich anstrengenden Woche. Wir sitzen auf unserer Terrasse (alle 8 internationalen Mitarbeiter wohnen nun in einem Haus) und gönnen uns ein kühles Getränk zur Einstimmung auf das Wochenende. Unser Einsatzkoordinator, Larry, bekommt einen Anruf: Es ist der Einsatzleiter, unser oberster Vorgesetzter hier in Uganda. Nach dem Anruf berichtet Larry, dass eine Notfallsituation in den Flüchtlingslagern eingetroffen ist. Ärzte ohne Grenzen muss in den nächsten Tagen die Lage der neu eintreffenden Flüchtlinge aus Südsudan in 3 verschiedenen Lagern in Uganda evaluieren... das heißt, kein freies Wochenende, sondern fertig machen für die Abreise.

Samstag, 4. Jänner 2014, 21:15 Uhr:

Soeben heimgekommen von unserem ersten Assessment-Tag: Insgesamt 3 Lager wurden in der West Nile Region im Nordosten von Uganda errichtet: 1 Übergangslager für die Registrierung und Durchschleusung und 2 permanente Einrichtungen. Die Wasser-Situation ist verheerend. In der jetzigen Trockenzeit ist Wasser sehr knapp, nicht sauber und mit Bakterien kontaminiert. Wir erwarten bald einige kranke Menschen deswegen.


Die Lebensbedingungen in den Lagern sind verheerend - es gibt kaum Wasser um sich zu waschen oder zu trinken. (c) Tanja Rau / MSF

Sonntag, 5. Jänner 2014, 22 Uhr:

Gestern waren wir unterwegs um 2 Flüchtlingslager und 2 Gesundheitseinrichtungen zu evaluieren (Fahrtzeit insgesamt 9 Stunden). Heute bin ich in Adjumani unterwegs (einer 6 Stunden Fahrtzeit entfernten Region) gemeinsam mit zwei anderen.

Morgen geht es dann in das nächste Lager und andere Gesundheitseinrichtungen. Derzeit ist ein Todesfall, aber kein Krankheits-Ausbruch (Cholera, Masern...) festgestellt worden, aber ohne Hilfe wird sich die Lage verschlechtern. Seit heute früh haben wir grünes Licht um zu intervenieren. Ich bereite mich vor adäquate Gesundheitseinrichtungen aufzubauen. Bevor wir jedoch starten können müssen wir natürlich noch auf die Erlaubnis des Bezirkes warten.

Unsere medizinische Teamleiterin ist derzeit auf ihrem wohl verdienten Urlaub und ich habe ihre Arbeit übernommen. Das heißt, ich bin nicht nur Tuberkulose- und HIV-Doktor und medizinischer Teamleiter, sondern nun auch mobiler Notfallsarzt in den Flüchtlingslagern. Ohne die exzellente Zusammenarbeit des gesamten Teams wäre das alles nicht möglich. Ein herzliches Dankeschön für all die Unterstützung auf allen Seiten!

Um Euch einen kleinen Eindruck zu geben wie Flüchtlinge so wohnen hab ich Euch ein paar Fotos geschickt. Kaum Wasser um sich zu waschen oder zu trinken, Kochmöglichkeiten sind rar, geschlafen wird in einem großen Zelt zusammen mit ungefähr 90 anderen Menschen pro Zelt oder unter freiem Himmel, Latrinen sind zu wenige vorhanden und nur schwer zu reinigen bzw. gehen über. Es gibt niemanden, der für die Gesundheit sorgen kann.


Flüchtlinge aus dem Südsudan suchen Zuflucht in Uganda - die Lager sind überfüllt, geschlafen wird unter freiem Himmel (c) Tanja Rau / MSF

Überlegt euch eine Minute lang, wie ihr euch fühlen würdet wenn ihr fluchtartig euer Land verlassen müsstet, was/wen nehmt ihr mit? Mhm... schwierig, oder?

Montag, 6. Jänner 2014 00:30 Uhr:

Gemeinsam mit anderen NGOs (Nichtregierungsorganisationen) besuchten wir nun nahezu alle Plätze, an denen sich Flüchtlinge aufhalten. Wir haben viele Mängel entdeckt, die Lage ist verheerend. Mein MUAC -Screening (MUAC steht für „middle upper arm circumference“, dem Umfang des mittleren Oberarms: eine Messmethode, um Unterernährung an Kindern und somit Unterversorgung im Lager festzustellen) hat jedenfalls ergeben, dass die Situation derzeit unter Kontrolle ist.


Wir führen mit dem so genannten MUAC-Band ein Screening bei Kindern durch (c) Tanja Rau / MSF


Die Abkürzung MUAC steht für „middle upper arm circumference“, den Umfang des mittleren Oberarms (c) Tanja Rau / MSF


Mit dieser Messmethode kann festgestellt werden, ob Unterernährung an Kindern und somit Unterversorgung im Lager besteht (c) Tanja Rau / MSF

In den nahe gelegenen Gesundheitseinrichtungen gibt es nicht genügend Personal, zu wenig Medikamente und Laborausrüstung. Heute haben wir einen Plan entworfen, wie und mit welchen Mitteln wir helfen werden. Natürlich brauchen wir dazu auch die Erlaubnis des Bezirkes, dafür sind wir zum Bezirksamtsarzt und dem Teamleiter des Flüchtlingskomitees gegangen.

Gestern haben wir bereits einen riesigen Wassertank bestellt, der heute aus Kampala eingetroffen ist. Das ist gut, die ersten Schritte sind getan. In den nächsten Tagen werden weitere folgen, aber morgen muss ich mich erst einmal wieder um Arua und die Kliniken dort kümmern.

Ich wünsche Euch allen ein glückliches Neues Jahr!

Bleibt gesund und passt auf Euch auf!

Alles Liebe,
Tanja

Kommentare

Dössegger
Liebe Tanja Herzlichen Dank für diesen interessanten Bericht und die guten Wünsche. Gerne gebe ich zurück, was jede/r ja immer gut gebrauchen kann; eine robuste Gesundheit und Freude an der Arbeit. Gruss,Diane
Tanja Rau
Liebe Diane, Vielen lieben Dank fuer deine Nachricht! Ich halte mich an das Motto: “Es sind nicht die Jahre im Leben, die zaehlen, es ist das Leben in den Jahren!” Moege jeder finden wonach er sucht. Moege jeder zufrieden sein koennen mit dem was er tut. Alles liebe tanja
Theresa riedels...
Alle die so sind wie du,die bewundere ich sehr! Ihr seid ein vorbild für unsere heutige gesellschaft!! Für mich ist es seit jahren eine option im auslandzu helfen,leider sind die anforderungen bezügluch der ausbildung sehr hoch. Alles gute und ich bewundere dich tanja sehr!!
Tanja Rau
Liebe Teresa, vielen lieben Dank fuer deine lieben Worte! Bewundern kann man vieles. Ich bewundere zum Beispiel Menschen, die in einer schwierigen Lebenssituation trotzdem ihr Laecheln nicht verloren haben, die Mut und Kraft fuer positives Denken haben. Ich denke es ist ganz wichtig Lebensbegleiter zu haben. Menschen, mit denen man Sorgen und Freude teilen kann. Ich teile nun meinen Nachmittag mit euch, ihr lieben LESER/INNEN und moechte mich ganz herzlich fuer Euer Interesse bedanken! Alles Liebe, tanja
Tanja Rau
hallo beatrix, oh vielen lieben dank! ja, ich freu mich auch Euch alle wieder zu sehen! dir auch alles Liebe, tanja
Beatrix Mayer-R...
Liebe Tanja, finde ganz großartig was Du machst! Pass auf Dich auf!!!! Freue mich Dich gesund und munter wieder zu sehen! Feste Umarmung und alles Liebe Ati und Hans

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