Ursula Wagner20.04.2015

„Ordnet der Chirurg die Knochen, bevor er den Gips anlegt?“

1 Kommentar

Nachdem ich die ersten Monate meines Auslandseinsatzes im Tschad meinem ersten Projekt in Am Timan gewidmet habe, ist es Zeit für meinen zweiten Stützpunkt und damit einen kompletten Themenwechsel:

Abéché liegt etwa 300 Kilometer nördlich von Am Timan im Osten des Tschad. Auch dieses Gebiet ist multiethnisch und hauptsächlich arabisch-muslimisch dominiert. Neues Projekt, neuer Wind. Ja, der weht hier viel. Wüstenwind. Und die partielle Sonnenfinsternis, die Europa vor einigen Wochen in ihren Bann gezogen hat, erlebe ich hier jeden zweiten Tag. Die Luft ist so voller Staub, dass die Sonne oft nur zu erahnen ist. Aufgrund der eingeschränkten Sicht ist im März und April manchmal tagelang kein Flugverkehr möglich. Abéché ist mit seiner unrühmlichen Vergangenheit als Zentrum des Sklavenhandels nun Verkehrsknotenpunkt, die viertgrößte Stadt des Tschad und Zentrum der Region Ouaddai – samt Universität, asphaltierten Straßen, Tuk-Tuks und sogar öffentlichen Bussen.

Und es gibt einen Sultan samt Palast!

Dass ich mich das erste Mal im Herrschaftsgebiet eines echten Sultans befinde, stimmt irgendwie ein bisschen erhaben – so sehr ich mich noch an diesen seltsamen Außenposten von Stadt in der dürren Sahelzone mit täglichen Temperaturrekorden (gestern 44 Grad!) gewöhnen muss.

Ärzte ohne Grenzen kümmert sich im regionalen Krankenhaus mit 150 Betten um Wasserversorgung und Hygiene, das medizinische Team bringt sich in der chirurgischen Station ein. Offiziell sind 20 der 48 Betten der chirurgischen Station für unsere PatientInnen reserviert, wir platzen jedoch aus allen Nähten. Denn wir betreuen die schweren Fälle, zum Großteil sind es Fälle für die Unfallchirurgie (komplizierte und offene Brüche, Schädel-Hirn-Traumata, Verbrennungen), aber nicht nur Folgen von Verkehrsunfällen, sondern auch vielfach von Gewalt (Stich- und Schusswunden).

Das internationale, medizinische Team besteht aus dem medizinischen Leiter, einem Chirurgen und einem Anästhesisten, eine französischsprachige OP-Schwester wird dringend gesucht. Obwohl ich mit dem Aufbau des Gesundheitsbildungs-Programm hier viel zu tun habe, besteht kein Vergleich zum chirurgischen Team, das in der Nacht oft für einen Notfall raus muss.

Mithilfe von Kaltouma, der tschadischen Mitarbeiterin, die ich rekrutiert habe, besteht meine Aufgabe darin, allen Angehörigen und BesucherInnen der chirurgischen Station die Krankenhausregeln und Basiswissen zu Hygiene zu vermitteln. Eine herausfordernde Situation ist die Tradition, dass gleich mehrere Familienmitglieder den Kranken besuchen, umsorgen und betreuen. Diese Sorge ist einerseits schön, führt aber im Krankenhausalltag durchaus zu Schwierigkeiten.

Die zweite große Aufgabe besteht darin, die Anzahl der PatientInnen, die die Station ohne Behandlung verlassen oder die Behandlung vorzeitig abbrechen, zu verringern. PatientInnen und Angehörige haben oft Mühe damit, die Diagnose und den Behandlungsverlauf zu verstehen. Viele PatientInnen kommen nicht aus Abéché, sondern vom Land. Wie auch die Menschen, mit denen ich in der Salamat-Region in den Dörfern gearbeitet habe, sind viele ungebildet. Sie sprechen lokales Arabisch und andere lokale Sprachen, und es kommt zu Schwierigkeiten in der Kommunikation mit dem Krankenhauspersonal, das aus dem Süden des Tschad kommt und andere Muttersprachen hat. Zudem kommen Chirurgie und die entsprechenden therapeutischen Maßnahmen wie Gips und externe Fixierungen in der traditionellen Knochenheilkunde nicht vor, von dem her ist die Angst davor groß.

„Ordnet der Chirurg die Knochen, bevor er den Gips anlegt?“

... fragt etwa ein Patient. Genau für diese Schwierigkeiten wird Kaltouma gebraucht. Sie nimmt sich Zeit, den Patienten und seine Angehörigen kennen zu lernen, fragt die KrankenpflegerInnen und übersetzt deren Fachsprache in einfache Worte.

Manchmal werfen die PatientInnen und Angehörige auch das Handtuch, weil die Behandlung von komplizierten Brüchen und Verbrennungen dritten Grades Monate dauern kann und die PatientInnen und deren Begleitpersonen die nötige Geduld dafür nicht aufbringen. Auch einige der Kinder in der Station haben schwere Verbrennungen, und da ich den Anblick nicht gewohnt bin, schnürt es mir immer wieder die Kehle zu, wenn ich die einbandagierten Körper sehe. Gleichzeitig kann ich hier viel zum Thema Resilienz lernen – etwa wenn mich die 10-jährige Aisha, die noch viele Wochen hier sein wird, um die transplantierte Haut gut anwachsen zu lassen, mit einem umwerfenden Lächeln anstrahlt.

Der 5-jährige Adoum ist einer der Lieblinge in der Station. Der tapfere Junge hat schon ein halbes Jahr Krankenhausaufenthalt hinter sich, die Hälfte davon auf unserer Station. Der Heilungsprozess geht nur langsam voran, und gemeinsam mit der Mutter und dem Pflegepersonal versucht das Team von Ärzte ohne Grenzen dem Kleinen Hoffnung und – noch wichtiger – Ablenkung zu schenken. So zum Beispiel ganz einfach mit einem Luftballon.

Kommentare

Helga Rei
Hello Ursi, ich weiß nicht, wie lange es dauert, bis das Kommentar gepostet wird, daher schon jetzt: ALLES GUTE ZUM GEBURTSTAG! Ich wünsche dir noch eine spannende Zeit und viel Freude bei deinem Abenteuer! LG aus Wien, Helga

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