Ursula Wagner20.07.2015

Schritt für Schritt

3 Kommentare

Eines Abends haben wir im Team in Abéché sinniert, wie schlimm es ist, dass ein einfacher Knochenbruch hier bedeuten kann, zeitlebens beeinträchtigt zu bleiben. Ich dachte dabei an schief zusammengewachsene Knochen, bis ich Risala kennen lernte.

Risala ist hübsches Nomaden-Mädchen von gut zehn Jahren, die geflochtenen Haare am Hinterkopf vom vielen Liegen aufgestellt. Sie isst nicht, sie reagiert kaum. Kein Wunder bei der Leidensgeschichte, die sie erlebte, bis sie hierher kam, um in der chirurgischen Station von Ärzte ohne Grenzen betreut zu werden:

Vor rund drei Monaten spielte Risala mit anderen Kindern. Kletterte auf einen Baum. Fiel herunter. Schienbein gebrochen, aber keine Wunde, kein Blut. Nichts Dramatisches, würde man sagen. Da der Vater zu einer längeren Reise aufgebrochen war, übernahm der Onkel des Mädchens die Entscheidungen. Ein traditioneller Heiler wurde zu Rate gezogen, der legte einen Verband an mit Holzstäben und Bandagen an. Innerhalb weniger Tage jedoch entstand eine Wunde, die sich entzündete. Der Onkel suchte wiederholt bei den fahrenden Händlern, so genannten "Dr. Shoukous", am Wochenmarkt Medikamente, um diese zu zerstoßen und auf die Wunde zu geben. Dr. Shoukous sind oft günstiger als die staatlichen Gesundheitszentren und leichter erreichbar, da sie auf Motorrädern auf die Märkte kommen. Zudem werden NomadInnen in Gesundheitszentren oft nicht sehr freundlich empfangen, weil es viele Vorbehalte gegen das fahrende Volk gibt. Gleichzeitig sind diese oft auch reserviert den Gesundheitszentren gegenüber, einfach auch weil sie zu wenig damit vertraut sind, wie ich im Blogbeitrag „Die Angst vorm weißen Haus“ kurz beschrieben habe. So wurde die Eigenbehandlung fortgesetzt, obwohl sich der Zustand von Risalas Bein verschlechterte. In der Zwischenzeit war der Vater heimgekehrt und fand mit Entsetzen seine abgemagerte Tochter vor. Ihr war vom Geruch des Wundbrands übel und sie konnte nichts essen. Schließlich beschloss ihr Vater, sie ins Krankenhaus nach Abéché bringen, bereits ahnend, dass das Bein nicht mehr zu retten ist. Als unser Chirurg die um das Bein drapierten Stoffe öffnete, konnte er nichts mehr tun: Der Unterschenkel war abgestorben und fiel einfach ab.

Ich lerne Risala zwei Wochen nach diesem Ereignis kennen. Wie vieles hier, kann ich mir nicht vorstellen, was sie durchgemacht hat. Nun muss sie sich an den Beinstumpf gewöhnen, an den drückenden Verband, wahrscheinlich hat sie Schmerzen. Ob sie nachdenkt, was es heißt, fortan mit nur einem Bein zu leben? Ich wische die Gedanken weg, das Wichtigste ist, sie zum Essen zu bringen und ihr Mut zu machen, mit Krücken wieder laufen zu lernen. Die Großmutter, die als Begleitperson neben ihrem Krankenbett harrt, hat nicht die Kraft, Risala aus dem Bett zu heben. So packe ich gemeinsam mit Kaltouma, meiner Mitarbeiterin, die Krücken, und wir heben das zitternde Mädchen aus dem Bett und stellen sie auf ihr verbleibendes Bein, wobei sie vor Schwäche fast zusammensinkt. Sie hat Angst, kein Wunder, sie beginnt zu schwitzen, ich spüre ihren stark pochenden Herzschlag, wie ich ihren schmalen Brustkorb umfasse und sie halte. Damit sie weiß, dass sie nicht umfallen kann. Aber sie hat kein Vertrauen, sie hat Angst, sie zittert, heult auf. Vorsichtig zeigen wir ihr ihre ersten Schritte seit Monaten, mit viel Zureden, rechts ein Schritt, Krücke links vor, Krücke rechts vor, wieder ein Schritt. Sie sinkt wieder halb in sich zusammen, so geht es nervenaufreibend weiter, Schritt, Krücke, Krücke, Pause, Zittern, Schritt, bis wir das Ende des Zimmers erreicht haben, wo eine Tür in den Hof hinausführt. Kaltouma holt einen Stuhl und wir setzen die Kleine drauf, damit sie zumindest einmal an der frischen Luft sein kann. Sie sitzt zwar verkrampft im Sessel, hat Angst zu fallen, aber sie wirkt innerlich gelöster. Risalas Großmutter steht im Türrahmen und schaut lächelnd auf ihre Enkeltochter hinunter.

Ich bin bezaubert von ihrem gütigen Gesicht und würde gern wissen, was in ihr vorgeht, nachdem sie die ersten Schritte miterlebt hat.

Dann fasse ich in meine Tasche, hole einen Luftballon hervor, blase ihn auf und reiche ihn Risala. Die hält ihn anfangs ein bisschen verdattert in den Händen, sie weiß nicht recht, was damit anfangen. Ich fordere sie auf, ihn mir zu geben und zaghaft beginnen wir den Luftballon hin- und her zu spielen, dann weiter und höher, und sie fasst Mut, ihn mir richtig zuzuwerfen, und das erste Mal sehe ich, wie ein leichtes Lächeln über ihr Gesicht huscht. Ich kann es kaum fassen. Es klingt dramatisch, aber es ist unbeschreiblich, wie es sich anfühlt, ein klein bisschen Hoffnung in jemandes Leben zu bringen. Auch wenn sie es schwer haben wird im Leben, ich mache mir keine Illusionen. Nach einer Verschnaufpause im Hof stellen wir Risala wieder auf die Krücken und es geht mit viel Zureden, Halten, Zögern, Pausen und Zittern zurück zu ihrem Bett.

Am nächsten Tag steht ein rosa Kinderstuhl und darauf ein einzelner goldener Flipflop neben ihrem Bett, ein Geschenk ihres Vaters.

Risala lächelt uns an, in ihrer Hand eine fast fertig gegessene Packung "Plumpy Nut", therapeutische Fertignahrung zum Aufpäppeln. Wir zeigen dem Vater, wie er ihr das Gehen mit den Krücken beibringen kann. Wieder einen Tag später, als ich ins Spital komme, ist der Vater mit Risala beim Üben, sie ist schon selbstbewusster als am ersten Tag.

So geht es nun Schritt für Schritt einem neuen Leben entgegen.

Kommentare

gerhard
...da kommen Emotionen hoch...schön, wenn man so helfen kann...
Dagmar Wurzbacher
Berührend.... danke fürs Aufschreiben und Weitergeben.
Heike Engel
Mutige und tapfere Risala - möge ihr Lebensmut dank Eurer Hilfe stetig weiterwachsen!

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