Ursula Wagner26.03.2015

Zur Frau werden im Tschad – meine Begegnungen mit dem Thema Beschneidung

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Die Begegnung mit der ersten Beschneiderin meines Lebens werde ich mir wohl ewig merken. Sie ist Beschneiderin und Hebamme zugleich, das Beschneiden hat sie von ihrer Mutter und Großmutter gelernt. Die Technik praktiziert sie schon lange, das mit den Geburten kam erst später dazu.

Ich betrachte ihr gutmütiges Gesicht und ihre abgearbeiteten Hände. Ruhig und stolz erzählt sie, dass sie alle Mädchen im Dorf beschneidet und dass wirklich alle Mädchen im Dorf beschnitten sind. Unbeschnitten würde ein Mädchen von allen geächtet werden, das ganze Dorf verspotte sie, und einen Mann zum Heiraten finde sie auch keinen. Schließlich sehe der Koran Beschneidung vor. Das stimmt zwar nicht, aber ich widerspreche nicht – ich habe den Koran selbst nicht gelesen und bleibe lieber bei medizinischen Diskussionen. Ich frage, ob es vorkomme, dass ein Mädchen nach der Beschneidung extreme Blutungen hat. „Ja, manchmal.“ „Was ist die Ursache?“ „Das ist der Teufel, der vom Mädchen Besitz ergriffen hat.“ „Was macht man dann?“ „Man holt den Marabout.“ „Und wenn das nichts hilft?“ „Dann kann man nichts machen.“

Mit Männern über Frauenthemen sprechen

Mit diesem kurzen Gespräch bin ich innerlich vorbereitet auf jene Arbeitssituation, die ich mir seit August, seit ich mich für den Einsatz hier im Tschad entschieden habe, mit Spannung und ängstlichem Gefühl ausgemalt habe. Jene Situation, die mich am meisten hat zweifeln lassen, ob ich die richtige bin für diesen Job: Mit muslimischen Männern über Frauenbeschneidung zu sprechen. Wie öfter im Leben ist man aber nachher weiser als zuvor, und es stellten sich andere Arbeitssituationen als herausfordernder heraus.

Im Schatten eines Baumes sitze ich im Halbkreis mit gut 20 Männern in einem Dorf in der Nähe von Am Timan. Wir trinken grünen Tee mit Gewürzen und viel Zucker. Eine leichte Brise verweht die Hitze der gut 35 Grad, welch ein Traumwetter für einen Arbeitstag im Dezember. Die Geräuschkulisse besteht wie so oft aus Eselsgeschrei, Ziegengemecker und ab und zu dem Kichern von Kindern, die sich heranwagen und mich schüchtern anstarren. Alle wichtigen Leute sind da, der wohlwollende Dorfvorsteher, der würdevolle Marabout. Ich blicke in ernste und lustige, in energiegeladene und verlebte hagere Gesichter. Ganz hinten ist eine Mauer, über die scheu ein halbwüchsiges Mädchen ihre interessierten Blicke wirft.

Neugierige Kinder (c) Ursula Wagner/MSF

Wir sind da, um über medizinisch betreute Geburt und danach über Frauenbeschneidung zu reden. Ich habe mich bei unseren Hebammen im Spital über die Folgen der in der Region üblichen Form der Beschneidung erkundigt. Praktiziert wird der so genannte Typ 2, es werden ein Teil der bzw. die Klitoris sowie meist auch die inneren Schamlippen weggeschnitten. Abgesehen von den immensen Schmerzen können die unmittelbaren Komplikationen starke Blutungen und Entzündungen sein, manchmal treten wiederholte Entzündungen auf. Falls das Gewebe stark vernarbt, kann dies bei der Geburt zu Komplikationen führen. Im extremsten Fall entstehen durch den verlängerten Geburtsprozess und das belastete Gewebe Genitalfisteln, wie auch im letzten Blogpost "Junge Bräute" im Hinblick auf Teenagerschwangerschaften beschrieben.

Jetzt, inmitten der Männerrunde, bin ich plötzlich nervös, ob wir die Überleitung von Geburt zu den Komplikationen durch die Beschneidung gut schaffen. Wie werden die Männer reagieren, wenn wir an der so tief verwurzelten Tradition rütteln? Und, wieder einmal: Steht mir das denn eigentlich zu? Meine Spannung löst sich, als meine Kollegin Zamzam die erste Zeichnung herzeigt, die Situation eines Beschneidungsfestes. Die Männer beginnen zu lachen und fragen, was denn das mit ihnen zu tun hätte, das sei ja Frauensache. Ich wende ein, dass ich davon ausgehe, dass sie als Männer hier das Sagen haben und wir darum auch mit ihnen über das Thema reden möchten. So erläutert Zamzam, wie Beschneidungen oft mit unhygienischen Rasiermessern durchgeführt werden, erzählt von Bakterien und führt die möglichen medizinischen Komplikationen auf. Die Männer hören ihr interessiert zu.

Traditionen lassen sich nicht von heute auf morgen verändern

Dann wird es plötzlich ernst und still in der Runde, und ich befürchte, dass die Stimmung kippen könnte. Das Thema ist jedoch weit nicht so emotionsgeladen, wie es offensichtlich für mich ist. Für die Menschen hier ist Frauen- wie Männerbeschneidung ja etwas Alltägliches und es ist im Gegenzug unvorstellbar, nicht beschnitten zu sein. Ein Teilnehmer bedankt sich für die Informationen, meint dann aber, die Beschneidung sei schon lange Tradition, das werde sich nicht so schnell ändern. Ein anderer ergänzt aber, dass sich durchaus schon etwas geändert habe. Denn während früher eine ganze Runde von Frauen um das zu beschneidende Mädchen herumsaß und mitkommentierte, dass noch mehr weggeschnitten gehört, geschieht das Ritual nun oft nur in kleiner Runde – Mutter, Tante, Beschneiderin. Einige meinen zu wissen, dass Beschneidung in N‘Djamena verboten ist, aber das ist ja weit weg. Noch sei an ein Aufhören nicht zu denken, ein unbeschnittenes Mädchen finde keinen Mann, alle im Dorf werden beschnitten.

Danach driftet die Diskussion in allgemeine medizinische Themen ab und die Männer merken an, dass sie jetzt bald genug haben von den Frauenthemen und warum es nur gratis Gesundheitsversorgung für Kinder unter fünf Jahren und für schwangere Frauen gibt. Jetzt sind die Kinder bald gesünder als sie selbst, Ärzte ohne Grenzen solle auch was für die Männer machen! Ich erkläre, dass ich ihr Anliegen verstehe, aber dass wir uns als medizinische Notfallorganisation nur um die am meisten Betroffenen kümmern können, und das sind im Tschad mit der hohen (Klein)kinder- und Müttersterblichkeit diese beiden Gruppen.

Mädchen in Am Timan © Ursula Wagner/MSF

Vorerst bleibe ich somit den Frauenthemen treu und treffe mich kurz darauf mit traditionellen Hebammen in Am Timan. In einem kleinen Hinterhof werde ich auf eine Matte eingeladen, der obligatorische Tee wird serviert und ich werde wieder einmal von neugierigen Kinderaugen taxiert. Eine Frau, das „Sprachrohr“ der  kleinen Runde – aufgrund der Erntetätigkeiten sind die anderen Hebammen am Feld – hat sich einiges von der Sensibilisierung durch meinen Vorgänger vor einem Jahr gemerkt. Ich bin direkt beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit und welchem Selbstbewusstsein sie mir antwortet. Einleitend plaudern wir über das für mich einfachere Thema Schwangerenvorsorge und Geburtshilfe. Interessanterweise hat sich die Geburtsposition geändert. Eine Hebamme zeigt mir, wie sie ihre Klientinnen am Rücken liegen gebären lässt, die Beine herangezogen und aufgestellt. Als ich mich in die Hocke begebe und die Geburtsposition zeige, die mir in den Dörfern gezeigt haben, beginnen sie schallend zu lachen und meinen, das sei aus der Mode, das mache man in der Stadt nicht mehr.

Bildungsarbeit und Radioprogramme klären auf

Nachdem ich so die Runde aufgelockert habe, leite ich zur Frauenbeschneidung über, denn drei der sechs Hebammen sind Beschneiderinnen. Während sich die jüngste von allen der Stimme enthält  – über sie erfahre ich später, dass sie sich schlussendlich gegen die Beschneidung ihrer eigenen Töchter zur Wehr gesetzt hat –, sind die zwei älteren Frauen richtig in Fahrt. Sie deuten herum, wie sie nur mehr ganz wenig von der Klitoris wegschneiden. Das habe sich in den letzten Jahren aufgrund der Bildung durch Ärzte ohne Grenzen und andere NGOs sowie durch Programme im Radio ergeben, weil sie nun über die Folgen von Frauenbeschneidung Bescheid wissen. Damit gäbe es weniger Schmerzen, weniger Probleme nach der Beschneidung und vor allem nicht das Problem der Vernarbungen. Auch, dass Frauenbeschneidung nicht im Koran vorgeschrieben ist und dass sie im Tschad verboten ist, sei mittlerweile vielen bekannt. Zwar müssten die Leute in Am Timan keine strafrechtliche Verfolgung fürchten, aber  das große Fest mit Trommeln und Gesang, das es früher gab, wurde durch ein kleines Fest ersetzt. Geschenke für das eben beschnittene Mädchen – übrigens unter der Voraussetzung, dass sie nicht weint – gibt es jedoch nach wie vor. Derzeit wird sie je nach den ökonomischen Verhältnissen mit einem Stück Gold, Geld, einer Kuh oder einer Ziege belohnt.

Mittlerweile habe ich verstanden, wie zentral es in dieser Gesellschaft ist, ein verheiratbares Mädchen zu sein, und das heißt bisher: beschnitten zu sein. Oft genug habe ich nun gehört, was passiert, wenn eine Frau nicht beschnitten ist: Sie bekommt keinen Ehemann, sie wird von allen verspottet und verachtet. Sie sei nicht „ruhig“, wenn der Ehemann – zum Beispiel für die Arbeit – länger weg sei, und dann suche sie sich einen anderen. So lange der Glaube verankert ist, dass die Beschneidung die Frau treuer macht, ist in diesem sozialen Gefüge schwer an dieser Praxis zu rütteln. Und ich habe auch verstanden, dass die Praktik vielfach überhaupt im Geheimen weitergeht. Manchmal führt selbst Personal aus den Gesundheitszentren Beschneidungen mit Narkose zu Hause durch. Die Mädchen erholen sich nach nur zwei Tagen, im Gegensatz zu früher nach einigen Wochen.

Ein kleiner Anstoß der Veränderung

Was heißt das nun für meine Arbeit als Anthropologin? Ärzte ohne Grenzen ist klar gegen Frauenbeschneidung und gegen deren Medikalisierung, auch wenn mit einer leichteren Form von Beschneidung viele medizinische Risiken vermindert werden könnten, insbesondere wenn sie von geschultem Personal durchgeführt wird. Es ist daher kein einfaches Thema, aber jede Art von Information ist wichtig. Dementsprechend können sich die Menschen ihr eigenes Bild formen und ihre eigenen Entscheidungen treffen. So wie im Falle der Hebamme/Beschneiderin, die ihre eigenen Töchter nicht beschnitten hat. Aus meiner Sicht wäre es schön, wenn für dieses Ritual der Frauenbeschneidung, das in dieser Gesellschaft zentral ist am Weg zur Frauwerdung, im Laufe der Zeit ein harmloses Ersatzritual gefunden wird, wie es in anderen Ländern gelungen ist. Dies bedarf einer breit angelegten Involvierung der Gemeinschaft.

Ärzte ohne Grenzen als Organisation mit einem Fokus auf medizinische Notfallhilfe kann dazu nur einen kleinen Anstoß liefern.

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