Vera Schmitz18.08.2015

Alltag im Ausnahmezustand: Ein Tag in Sa'ada

1 Kommentar

Sa'ada, Jemen. Es ist 07:21 Uhr, mein Wecker klingelt und ein neuer Tag beginnt.

Ein Tag, so normal und verrückt wie jeder andere in den drei Wochen, die ich mittlerweile hier bin. Heute möchte ich euch an meinem Alltag als Krankenschwester in einem Spital im kriegsversehrten Jemen teilhaben lassen.

Der Tag beginnt damit, dass es kein fließendes Wasser auf unserer Etage gibt, die ich mir mit den zwei anderen weiblichen Mitarbeiterinnen von Ärzte ohne Grenzen in unserem Haus teile. Nicht so schlimm – geduscht wird abends und zum Zähneputzen reicht das Wasser im Kübel von gestern noch. Bevor es dann an die Arbeit geht, frühstücken wir mit dem Team noch gemeinsam. Flugzeuge überqueren die Stadt und wir hören die Bodenabwehr, aber ansonsten bleibt momentan alles ruhig. Nichts Besonderes in Sa'ada. Vor ein paar Tagen ist unser MTL abgereist – der medizinische Teamleiter und zugleich zuständiger Arzt im Spital. Ich mache mich also zunächst auf den Weg ins Büro, um Emails zu checken und eine Apothekenlieferung aus der Hauptstadt Sana'a anzufordern. Danach geht’s weiter ins Spital, mittlerweile ist es kurz vor 9:00 Uhr. Morgens habe ich mir angewöhnt, eine schnelle kurze Runde durch alle Abteilungen zu machen. Irgendwelche akuten Fälle oder Probleme? Neuaufnahmen über Nacht? Patientenstand? Anwesenheit des Personals?

Die erste Überraschung

Die erste (freudige) Überraschung erwartet mich in Station 3: Diese Station wurde ursprünglich nur provisorisch und vorübergehend errichtet, denn im Gebäude befindet sich eigentlich die Sprechstundenambulanz. Vormittags ist die Station völlig überfüllt von ambulanten Patienten, die den Durchgang nutzen oder warten. Dementsprechend chaotisch geht es dort derzeit zu, doch ist es im Moment ohnehin eines unserer Hauptanliegen, die Station auszubauen und auszustatten. Der Durchgang ist heute nun endlich geschlossen, der Ambulanzeingang befindet sich auf der anderen Seite und – Inshallah – die Station bleibt reserviert für Patienten, Personal und Angehörige.

Weiter geht’s in die Notaufnahme und Station 1-2 (übrigens alles Männerstationen, die Frauenstation wird von unserer Hebamme mitbetreut). Keine akuten Fälle, jedoch Tag der Apothekenbestellung. Da unser Platz für die Lagerung sehr begrenzt ist, findet diese alle 2-3 Tage statt und wird mit meiner Unterstützung von den jemenitischen Krankenschwestern durchgeführt. Für die Lieferung selbst ist dann unser einheimischer Apotheker zuständig.

Kriegsopfer in der Chirurgie

Nun kann ich endlich Carlos, den Chirurgen von Ärzte ohne Grenzen, der uns für einige Tage unterstützt, bei der Visite begleiten. Die meisten Patienten sind chirurgische Fälle und Kriegsopfer, einige brauchen Verbandswechsel – diese werden entweder von den Krankenschwestern, teils mit meiner Hilfe, oder von Carlos selbst durchgeführt. Mehrere Patienten wurden auch aufgrund einer nicht-chirurgischen Indikation im Spital aufgenommen und werden im Laufe des Tages von den einheimischen Internisten visitiert.

Wir brauchen mehr Betten!

Viel Zeit für die Visite bleibt mir heute jedoch nicht. Wir haben 45 Patienten und unsere Bettenkapazität ist überlastet, zwei Patienten liegen auf Tragen im Flur, weil in der Nacht keine Betten mehr frei waren. Zusammen mit der Logistik und der Krankenhausdirektion ist die Behebung des Bettenproblems jetzt Priorität Nr. 1. Noch dazu warten in der Notaufnahme bereits drei neue Patienten. Einer davon hat nach einem Luftangriff eine so schwere Fußverletzung davongetragen, dass der betroffene Fuß amputiert werden muss. Glücklicherweise haben wir einen orthopädischen Chirurgen, der sich dieser Fälle annimmt. 

Ein neues Bett wird in Station 3 gebracht, einzelne Patienten werden entlassen, die Situation entspannt sich etwas.

Vorübergehend.

Ein Telefonanruf aus einem Gesundheitsposten von Ärzte ohne Grenzen in Haidan kündigt vier weitere Patienten an. Ein anderer Patient wird von der Intensivstation auf Normalstation verlegt und wartet im Gang auf ein freies Bett. Wir brauchen Betten! Zusammen mit dem jemenitischen ärztlichen Direktor visitieren wir die medizinischen Patienten in Station 3 und können glücklicherweise weitere Patienten entlassen. Drei weitere Betten werden aufgebaut, damit sind unsere Platzressourcen nun aber auch beinahe aufgebraucht. Mittlerweile sind auch die Patienten in der Notaufnahme eingetroffen und erweisen sich zum Glück alle als stabil.

Inzwischen ist es beinahe 15:00 Uhr, Zeit für eine kleine Atempause und Mittagessen. Seit einigen Tagen haben wir auch einen neuen Koch, der uns hervorragend versorgt. Reis, Fladenbrot und Hähnchen sind wesentliche Bestandteile davon, aber auf verschiedene Art und Weise zubereitet, dazu oft Gerichte mit Linsen, Bohnen, Thunfisch und Gemüse. Als Nachtisch frische Trauben und Bananen, bevor es zurück an die Arbeit geht. Wenn irgendwie möglich versuchen wir hier stets gemeinsam zu essen, dabei ist die Arbeit natürlich oft das Hauptthema. So wird auch heute die Gelegenheit des Beisammenseins dazu genutzt, um die aktuellen administrativen Probleme des Personals zu besprechen.

Kampf mit den Katzen

Nach einem kurzen Zwischenstopp im Büro geht’s zurück ins Spital. Die Patienten sind inzwischen alle versorgt – zehn Aufnahmen hatten wir heute, das ist mehr als üblich. Meist haben wir ca. 35-40 stationäre Aufnahmen pro Woche und 180-200 Konsultationen in der Notaufnahme. Weiter geht’s also mit der Visite, die noch nicht komplett ist. Es steht ein weiterer Verbandswechsel an, ein Patient mit einer schweren Schulterverletzung nach einem Luftangriff.

Während der Visite nutze ich so oft wie möglich auch immer die Gelegenheit des sogenannten „Bedside-Trainings“ für die nationalen Krankenschwestern, also die Einschulung in gewisse Themenbereiche direkt am Krankenbett. Ein besonderer Schwerpunkt ist im Moment besonders die Verbesserung der hygienischen Verhältnisse. Das beginnt mit dem bewussten Hände waschen und desinfizieren, beinhaltet aber auch meinen täglichen Kampf mit den Katzen! Katzen, die auf der Suche nach Futter überall herumstreunen und kaum zu vertreiben sind, sind leider ein ganz normaler Anblick.

18 Uhr: Schichtwechsel

Um 18:00 Uhr ist dann Schichtwechsel auf den Stationen und in der Notaufnahme, dazu gehören auch eine erneute Anwesenheitskontrolle und ein kurzer Check, ob auch genügend Medikamente und Materialien für die Nacht vorhanden sind. Dann treffe ich mich mit meiner spanischen Kollegin Maitane, die zuständig ist für die gesamte Administration und jegliche Personal- und Finanzangelegenheiten. Wir gehen einkaufen – Kekse, Milch und Joghurt im Spitalskiosk, der sich auch auf dem Krankenhausgelände befindet.

Danach geht’s zurück ins Büro an den Computer. Der Dienstplan des Pflegepersonals in der Notaufnahme muss überarbeitet werden, da es einen Personalwechsel gab.

Dann ein kurzer Check meiner Emails – es ist immer ein Glückstreffer, ob das Internet funktioniert, und auch dann braucht man viel Geduld. Ein paar Grüße aus der Heimat und endlich habe ich auch mal wieder Zeit, um diese zu beantworten.

Gegen 21:30 Uhr kommt das Team dann wieder zum gemeinsamen Abendessen zusammen – mit einem Gast aus der Hauptstadt, dem Einsatzleiter. Er ist zuständig für alle Projekte der spanischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen im Jemen und zu Besuch bei uns, um sich einen besseren Überblick über das Projekt zu verschaffen.

Zum Ausklang des Tages schauen wir noch einen Film, die heutige Auswahl fällt auf einen uralten Streifen in Schwarzweiß – „Anatomy of a Murder“, nicht so ganz mein Fall. Ich verziehe mich daher vor dem Ende, noch eine schnelle Kübeldusche (das Wasser ist eiskalt… oder fühlt sich zumindest so an!) und ein paar Seiten meiner aktuellen Bettlektüre. Mittlerweile ist es halb eins, Zeit zum Schlafen, in der Ferne höre ich Flugzeuge fliegen, aber hier bleibt es heute ruhig – morgen wartet ein neuer Tag mit neuen Überraschungen auf mich.

Kommentare

Leonie Puettmann
Hallo Vera, ein spannender Eintrag und sehr interessant zu lesen. Ich finde Deinen Einsatz toll. Pass auf Dich auf und bis bald.Gruss Leonie

Kommentar verfassen

* Diese Angabe wird benötigt.

Teilen

Vervielfältigen

Mehr von Vera Schmitz

Mein zweiter Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen hat mich nach dem Südsudan dieses Mal nach Westafrika geführt – genauer gesagt nach Conakry, der Hauptstadt Guineas. Seit Anfang April 2015 bin ich hier nun bereits als Krankenschwester im Einsatz ...

weiterlesen

Nun bin ich schon einen Monat in Malakal, im „Paradise“, wie wir internationalen Mitarbeiter unser vorübergehendes Heim auch schon Mal scherzhaft nennen. Inzwischen habe ich mich schon recht gut an die Arbeit und den Alltag hier gewöhnt.

...

weiterlesen

Seiten