Vera Schmitz05.07.2017

Ein Wettlauf gegen Masern – und gegen die Zeit

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40.000 Kinder impfen! Das war das erklärte Ziel einer präventiven Impfkampagne für Kinder unter fünf Jahren, die Ärzte ohne Grenzen derzeit in der Zentralafrikanischen Republik durchführt. Stattdessen wurden es dann 64.000. Wie es dazu kam, berichtet die Krankenschwester Vera Schmitz, die bereits zum achten Mal für uns im Einsatz ist.

Der ursprüngliche Plan war es, alle Kinder der Region im Süden des Landes unter fünf Jahren gegen sieben verschiedene Krankheiten zu impfen - von den detailreich geplanten Vorbereitungen habe ich euch schon in meinem letzten Blog berichtet. Zur Erinnerung: Es handelte sich um Impfungen gegen Masern, Tetanus, Hepatitis B, Keuchhusten, Diphterie, Haemophilus Influenza B und Pneumokokken – die letzten beiden können u.a. Lungenentzündungen hervorrufen.

Aber, wie war das noch? Erstens kommt es anders…und zweitens als man denkt! Vor allem wenn es sich um einen Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen handelt! In den Krisenregionen, in denen wir tätig sind, kommt es eben oftmals zu unerwarteten Ereignissen, die schnelles Umdenken und Handeln erfordern.

So wie auch hier. Die Vorbereitungen waren beinahe abgeschlossen, die Impfkampagne stand kurz bevor – als wir die Information erhielten, dass mehrere Kinder an Masern erkrankt seien.

Masern zählen zu den sogenannten „Main Killers”, den (global) häufigsten Todesursachen im Kindesalter. Komplikationen können schwerwiegend sein und tödlich verlaufen – vor allem (aber nicht nur) wenn es sich um Risikopatienten wie kleine Kinder oder Patienten und Patientinnen mit einer Immunschwäche handelt. Treffen kann es jeden, der nicht geimpft ist. Hinzu kommt die hohe Ansteckungsgefahr – so können wenige erste Fälle rasch zu einer Epidemie ungeahnten Ausmaßes führen.

Was nun?

Schnell stand fest, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Die Gefahr einer sich ausbreitenden Epidemie und deren Folgen für die Bevölkerung waren zu groß. Schließlich ist die Impfrate in der Region gering, vor allem innerhalb der anfälligsten Bevölkerungsgruppe – Kindern unter  fünf Jahren. Nach einer Evaluation unserer Kapazitäten und Möglichkeiten folgten Gespräche mit den lokalen Gesundheitsbehörden und schließlich gab es grünes Licht!

Der neue Plan? 

Statt 40.000 Kinder unter fünf Jahren zu impfen, hieß die neue Aufgabe: Alle Kinder unter 15 Jahren zu impfen – und das in vier statt in sechs Wochen. Das heißt nicht nur mehr Impfungen – sondern auch mehr Personal, Autos, Motorräder, Spritzen, Kühlbehälter und sonstiges Material – und das so schnell wie möglich!

Impfen allein ist jedoch nur ein Standbein, wenn es sich um einen Masernausbruch handelt. Mindestens genauso wichtig ist es, dass diejenigen die bereits erkrankt sind, zügig medizinische Behandlung erhalten. Zwar sind  in der gesamten Region kleine Gesundheitsposten verteilt, jedoch gibt es viele Dörfer und Siedlungen, die teils mehrere Stunden Fußmarsch entfernt sind. Medikamente sind außerdem Mangelware – und müssen normalerweise vom Patienten und Patientinnen selbst bezahlt werden. Gesundheit ist hier Luxus.

Anfang April ging es dann endlich los. Fünf Teams waren täglich unterwegs, um auch die Kinder in den entlegenen Dörfern zu impfen. Ein weiteres Team war damit beschäftigt, die diversen Gesundheitsposten und betroffenen Dörfer zu besuchen, um dort an Masern erkrankte Patienten und Patientinnen zu behandeln und Medikamente zu verteilen. So konnte der Zugang zu medizinischer Behandlung deutlich verbessert und die Zahl der Komplikationen reduziert werden.

Das Ziel? Ankommen!

Man könnte beinahe sagen - der Weg war das Ziel – so schwierig wie sich die Anfahrt teils gestaltet hat. Abgesehen davon, dass einige Orte von vorneherein nur per Motorrad, Pirogge oder zu Fuß erreichbar sind – so sind wir im Laufe der Kampagne auf diverse weitere Hindernisse gestoßen. Unzählige Brücken in prekärem Zustand, die die Anfahrt erschweren, viele gefallene Bäume, die den Weg versperren, die Regensaison, die dazu führt, dass das Auto manchmal im Schlamm steckenbleibt… ganz zu schweigen von platten Reifen!

Einmal vor  Ort, geht es jedoch Schlag auf Schlag. Der „Weg” dem die Kinder und Mütter folgen müssen, ist vorgefertigt. Der Impfstandort ist rundherum abgesperrt, und nur eine schmale Spur lässt Platz zum Eintritt. So kann die Menschenmenge besser kontrolliert werden, um einen nach dem anderen den Rundgang passieren zu lassen. Am Anfang bekommt jedes Kind eine Impfkarte, mit den individuell benötigten Impfungen – welche je nach Alter und bereits vorhandenen Impfdosen variieren. Darauf folgt die Gabe von Vitamin A – dessen prophylaktische Gabe vor allem im Zusammenhang mit den Masern eine wichtige Rolle spielt. Als nächstes dann die Impfung selbst - für alle Kinder unter fünf je nach Vorschreibung das Komplettpaket von sieben verschiedenen Antigenen. Alle Kinder zwischen fünf und 15 Jahren erhielten die Masernimpfung. Letzte Station ist die Strichliste – jedes Kind und jede Impfung – je nach Art und Dosis – wird gezählt und abgehakt.

Auf diese Art und Weise haben wir an einigen Tagen mehr als 1000 Kinder impfen können! Eine großartige Leistung des Teams – aber nur möglich in enger Zusammenarbeit - und einem Wecker, der spätestens um 4.30 Uhr klingelt. Die Tage sind lang, denn nach der Rückkehr in die Basis gegen 17.00 Uhr, gilt es, die Daten zu sammeln, einzutragen und die letzten Vorbereitungen für den nächsten Tag zu treffen.

Nach einem Monat aber war es geschafft – und 64.000 Kinder im Alter von sechs Wochen bis unter 15 Jahren wurden geimpft. Im Namen meines Teams kann ich sagen, ein stolzes Ergebnis!  Bald folgt die zweite Runde, wenn auch nur mehr für die Kinder unter fünf Jahren.

Wir sind bereit!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Mein zweiter Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen hat mich nach dem Südsudan dieses Mal nach Westafrika geführt – genauer gesagt nach Conakry, der Hauptstadt Guineas. Seit Anfang April 2015 bin ich hier nun bereits als Krankenschwester im Einsatz gegen Ebola.

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