Vera Schmitz31.12.2014

Eine Handvoll Leben

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Erinnert Ihr euch noch das frühgeborene Kind, von dem ich im letzten Blog berichtet habe? Die kleine Lady ist inzwischen gesund nach Hause gegangen, mit ein bisschen mehr Gewicht als bei der Geburt -  so wie es sein soll!

In der Zwischenzeit haben wir noch eine weitere junge Dame aufgenommen, noch etwas früher geboren als die Lady - aber ebenfalls auf einem guten Weg! Im Moment kämpfen wir noch etwas damit, ihren Blutzucker zu stabilisieren -  nichts Unübliches in Bezug auf Frühgeborene. Alle 2 Stunden bekommt sie Muttermilch zum Essen - derzeit füttern wir sie noch überwiegend mit der Spritze. Von der Brust zu trinken ist eben doch sehr anstrengend und es ist ja überhaupt viel schöner, einfach den ganzen Tag zu schlafen. Atmen und essen erfordert eben viel Energie, wenn man noch so klein ist, dass man eigentlich noch gar nicht auf der Welt sein sollte.

Viel Energie erfordert es auch, die Temperatur zu halten - dabei sollte man meinen, dass das nicht so schwer ist, weil es zumindest tagsüber doch sehr heiß wird. Das bezieht sich zum einen auf das Kind selbst und zum anderen auch auf mich: Es ist doch eine Herausforderung, Müttern aus einem anderen Kulturkreis hier ungebräuchliche Methoden wie das „Kangarooing“ nahezubringen. Es ist eine einfache und ursprüngliche Methode, ein Kind warm zu halten: Man lege das nackte Kind auf Mamas nackte Haut (Brust), decke es zu mit einer Decke et voilà - Kind ist warm, kuschelt mit Mama. Doch andere Länder, andere Sitten – auch im Umgang mit Kleinkindern. Dementsprechend sind die Mamas hier nicht sehr überzeugt von dem, was diese „Kawaia“-Frau da tut (als Kawaia werden hier alle Weißen bezeichnet). Da steht dann schon Mal das (gefühlte) halbe Spital neben mir und lacht lauthals über meine Versuche, das Kind warm zu halten :-) Und liegt das Kind dann schließlich auf der Mama, dauert es bestimmt weniger als eine Stunde, bis das Kind wieder woanders liegt. Irgendwo im Bett. Zugedeckt mit allen Decken und Tüchern die man finden konnte. Da dauert es dann schon Mal eine Weile, bis man das Kind gefunden hat. Überhaupt sollte man auch immer aufpassen, wo man sich auf einem Bett hinsetzt... Möglicherweise liegt ein Kind unter der Decke!

Vor zwei Wochen habe ich meinen freien Tag dazu genutzt, unsere mobile Klinik in Wau Shilluk zu besuchen. Dort leben – ähnlich wie in Malakal – viele Menschen, die wegen der eskalierenden Gewalt innerhalb des eigenen Landes vertrieben wurden (sie werden auch als „Binnenvertriebene“ bezeichnet, in Englisch „Internally Displaced People“). Dort betreibt Ärzte ohne Grenzen ein Ernährungsprogramm und behandelt ambulante Tuberkulose- und Kala Azar-Patienten, worüber auch schon Sonja in ihrem Einsatzblog berichtet hat.

Wau Shilluk liegt ca. 15 - 20 min. Bootsfahrt entfernt - der Weg dorthin führt uns über den weißen Nil und dessen wirklich wunderschöne Landschaft!


Auf dem Weg nach Wau Shilluk (c) Vera Schmitz/MSF


Bootsfahrt über den Weißen Nil © Vera Schmitz/MSF

Vor Ort gibt es zwar noch weitere Gesundheitszentren anderer Organisationen, jedoch ohne die Möglichkeit einer Tuberkulose- oder Kala Azar-Behandlung. Für diesen Bereich ist Ärzte ohne Grenzen in dieser Gegend derzeit die einzige Organisation. Hinzu kommt, dass Kala Azar in Wau Shilluk endemisch ist  - das heißt, die Krankheit tritt hier andauernd häufig auf. Kala Azar oder auch Viszerale Leishmaniose ist eine von der Sandfliege übertragene parasitäre Krankheit und im Südsudan sehr verbreitet. Da die Sandfliege aber zu den schlechten Fliegern unter den Moskitos gehört und sich auf Hüpfen und Springen spezialisiert hat, sind die Gegenden, in denen Kala Azar vorkommt, lokal begrenzt. Für das Projekt hier bedeutet das konkret, dass Kala Azar in Malakal und im Lager quasi nicht vorkommt, es jedoch viele Fälle in Wau Shilluk gibt. Daher besteht hier auch für uns die Notwendigkeit einer mobilen Klinik. Betreut wird diese von Aulio und Joyce, unserem internationalen "Outreach-Team" bestehend aus Arzt und Krankenschwester. "Outreach" bezeichnet im Allgemeinen alle Aktivitäten außerhalb des Basisprojekts.

Die Behandlung gegen Tuberkulose dauert mehrere Monate und 1-2x/Monat kommen die Patienten zur Kontrolle und um ihre Medikamente abzuholen. Kala Azar kann in den meisten Fällen ebenfalls ambulant behandelt werden - mit täglichen schmerzhaften Injektionen in das Muskelgewebe, und das über mindestens 17 Tage lang! Deshalb zählt Kala Azar auch zu den vernachlässigten Krankheiten - es wird zu wenig an modernen und wirksamen Diagnose- und Therapiemöglichkeiten geforscht, weil aufgrund der Armut der Betroffenen kein Gewinn durch die Herstellung und den Verkauf von Medikamenten zu erwarten ist. Mit der Medikamentenkampagne setzt sich Ärzte ohne Grenzen für die Forschung über vernachlässigte Krankheiten und für erschwingliche Medikamente in ärmeren Ländern ein.


Die mobile Klinik © Vera Schmitz/MSF


Einblick in das Lager © Vera Schmitz/MSF


Einblick in das Lager © Vera Schmitz/MSF

So schön und bestätigend für unsere Arbeit hier es aber auch ist, unsere Patienten gesund nach Hause schicken zu können - so hart ist es auf der anderen Seite auch, die Grenzen unserer Möglichkeiten hier zu erfahren. Abgesehen von den zwei zu früh geborenen Kindern, die hoffentlich auch die nächsten Wochen gut überstehen werden, hatten wir auch drei weitere Kinder, die leider viel zu klein waren, um hier zu überleben. Meine Erfahrung als Intensivkrankenschwester auf einer Neugeborenenstation verdeutlicht mir das persönlich natürlich nochmal wesentlich stärker. Die Zwillinge, die in meinen Armen gestorben sind, werde ich wohl nie vergessen. Aber auf der anderen Seite gibt es viele, die wir mit relativ einfachen Mitteln retten können – und das zu wissen und zu tun, hilft sehr!

Eine gutes Neues Jahr wünscht euch,
Vera


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