Vera Schmitz25.01.2019

Wenn Menschen fliehen, um Schutz zu suchen

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Unsere Krankenschwester Vera Schmitz berichtet regelmäßig von ihren Einsätzen für Ärzte ohne Grenzen. Dieses Mal blickt sie zurück auf ihre Erfahrungen in den letzten vier Jahren. In zahlreichen Projekten hat sie Geschichten von Patienten und Patientinnen gehört, die gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen. Die Gründe sind dabei so vielfältig, wie die Menschen selbst. Den Umgang mit Geflüchteten in Österreich betrachtet sie mit großer Sorge und appelliert an mehr Menschlichkeit.

Südsudan. Guinea. Jemen. Jemen. Äthiopien. Jemen. Nigeria. Zentralafrikanische Republik. Demokratische Republik Kongo. Irak.

Das ist vermutlich eine der kürzesten Zusammenfassungen, die ich über meine letzten vier Jahre im Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen geben kann. Dazwischen immer wieder Wien – Freunde, Freundinnen und meine Familie sehen, schlafen, essen, ein Glas Wein genießen. Batterien auftanken für das nächste Projekt.

Ich möchte nicht einen meiner Einsätze missen

Man könnte glauben, allein die Auflistung dieser Länder sagt alles aus. Konflikte, Armut, Krankheit, Bürgerkrieg, Hungersnot. Wirklich? Denn wenn ich diese Namen betrachte, liegt so viel mehr dahinter. Ich erinnere mich an Gesichter, Geschichten, Namen von Kollegen und Kolleginnen sowie  Patienten und Patientinnen. Oft denke ich an die Natur, an das landestypische Essen, die Musik, aber auch an tragische Momente – wenn wir einen Patienten oder eine Patientin verloren haben, wenn man das persönliche Schicksal der Kollegin hört, manchmal auch die Momente, wo mir selbst alles zu viel wird. Doch nicht einen Einsatz davon möchte ich missen.

Die Freude der Patienten und Patientinnen in Guinea, wenn sie es geschafft hatten, das Ebola-Behandlungszentrum geheilt zu verlassen. Das (unglaublich leckere) Fastenbrechen im Ramadan im Jemen gemeinsam mit den lokalen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen und unserem kleinen Held, wie wir ihn liebevoll nannten – ein Neugeborenes, das wir beinahe aufgegeben hatten, dass sich jedoch zurück ins Leben kämpfte. Die Touren auf dem Motorrad durch den zentralafrikanischen Dschungel, um auch im letzten Dorf noch die Kinder zu impfen und am Abend die gemeinsamen Stunden am Lagerfeuer. Der zähe Wille der irakischen Mütter, die sich oft alleinstehend durch das schwere Leben im Flüchtlingscamp kämpfen und meine Kollegen und Kolleginnen, die harte Kriegsjahre hinter sich haben und doch ihr Lächeln nicht verlieren.

Die Gründe für eine Flucht sind so zahlreich wie es Flüchtende gibt

Aus der Ferne klingen diese Länder fremd und weit, nichts was uns hier angeht. Teils viele Flugstunden entfernt, von einigen hat man vielleicht mal in der Zeitung gelesen oder im Radio gehört. Andere klingen möglicherweise völlig unbekannt. Wenn man nochmal darüber nachdenkt, fällt einem vielleicht ein, dass viele der Menschen, die versuchen über das Mittelmeer zu fliehen, aus einigen dieser Länder stammen. Ich selbst habe zwar nie auf dem Rettungsschiff von Ärzte ohne Grenzen gearbeitet – aber in einigen der Ländern, aus denen diese Menschen fliehen.

Die Gründe für eine Flucht, sind so zahlreich wie es Flüchtende gibt. Denn das hinter jedem einzelnen eine Geschichte steht, dass wird bei den genannten Flüchtlingszahlen oft vergessen. Jeder davon hat vielleicht Schwestern oder Brüder, Kinder oder Eltern, aber ganz sicher eine/n beste/n Freund/in zurückgelassen. Bei einem der letzten Bootsunglücke auf dem Mittelmeer in letzter Zeit sind allein 117 Menschen umgekommen. Diese Fluchtroute ist so gefährlich, dass die Entscheidung sie zu wagen, fast immer der letzte Ausweg ist.

Dass weniger Menschen versuchen zu fliehen, nur weil es keine Rettungsschiffe mehr gibt, ist ein Trugschluss. Denn die Gründe für eine Flucht bleiben ja bestehen. Dass Libyen kein sicherer Herkunftsort ist, ist weit bekannt. Internierungslager, in denen Folter und Vergewaltigungen an der Tagesordnung stehen, sind mehr als weit verbreitet. Zugang zu medizinischer Hilfe ist so gut wie nicht vorhanden.

Im Laufe meiner Jahre bei Ärzte ohne Grenzen, habe ich viele Geschichten gehört. Einige davon sind kaum zu ertragen. Die Stärke der Menschen vor Ort, weiterzumachen, die Hoffnung nicht aufzugeben, gehört zu den eindrucksvollsten Erinnerungen, die ich immer wieder mit heimnehme.

Es sterben nicht weniger Menschen, wir sehen sie bloß nicht mehr alle

Etwas anderes ist die enorme Wertschätzung meiner eigenen Privilegien, in denen ich aufgewachsen bin - der sichere Hafen, in den ich nach jedem neuen Einsatz wieder zurückkehren darf. Und um wieviel reicher mein Leben, durch diese Erfahrungen und neugewonnene Freundschaften bereits geworden ist.

Mit Sorge jedoch betrachte ich auch bei jeder Rückkehr, wie hoch die Mauern in der Zwischenzeit gewachsen sind in Europa, in Österreich. Mauern, die uns den Blick versperren auf Menschen in Not, Mauern die es verbieten, Menschenleben zu retten. Ein Beispiel nur ist der erzwungene Stopp des Rettungsschiffes von Ärzte ohne Grenzen auf dem Mittelmeer.  Es sterben nicht weniger Menschen, wir sehen sie bloß nicht mehr alle.

Wir können es nur gemeinsam schaffen

Auch wenn ich mich als Krankenschwester im humanitären Einsatz besonders betroffen fühle, so weiß ich doch, dass ich nicht die einzige bin, die sich sorgt, wenn öffentlich Menschenrechte angezweifelt werden.

Ich werde auch weiterhin für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz sein. Aus meinen Blogs werde ich euch auch weiterhin berichten, von der Hilfe vor Ort mit denen wir Menschenleben retten. Ob dies nun große oder kleine Menschen, verwundete Soldaten oder Schwangere, diese in Afrika oder im Nahen Osten leben, ist dabei nicht von Bedeutung.

Und ihr? Verschließt eure Augen nicht, lasst euch nicht täuschen von Mauern, auch wenn es welche aus Worten sind und lasst die Menschlichkeit nicht aus euren Herzen verschwinden.

Wir können es nur gemeinsam schaffen.

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