Vera Schmitz21.04.2016

Wüstenleben

1 Kommentar

Neuer Einsatz, neues Land, neuer Blog – viele Grüße aus Äthiopien!

Seit bereits über zwei Monaten bin ich hier mitten in der Wüste, in der somalisch geprägten Region Äthiopiens, nicht weit von Djibouti und umgeben von Hitze, Sand und Staub. 

Wie bereits von meiner Kollegin Antonia in ihrem Einsatzblog von hier berichtet, ist unsere Arbeit auf die Behandlung von Mangelernährung und Masern fokussiert. Seitdem sind nun schon wieder einige Wochen vergangen, die Situation hat sich vor allem in der näheren Umgebung inzwischen glücklicherweise etwas beruhigt: Die meisten Kinder und schwangeren bzw. stillenden Frauen sind “nur” moderat und weniger oft schwer mangelernährt. Auf unserer Station ist es daher momentan eher ruhig; dabei war sie noch bis vor kurzem bis auf das letzte Bett ausgelastet.

Auch die Zahl der Masernfälle geht endlich allmählich zurück. Dies ist vor allem der andauernden Masernimpfkampagne zu verdanken, bei der wir Kinder im Alter von bis 15 Jahren gegen die hochansteckende Viruserkrankung geimpft haben – seit Jänner sind dies bereits mehr als 6.000!

In Bezug auf die Mangelernährung haben wir unsere Aktivitäten in den letzten Wochen verstärkt, so sind wir regelmäßig im „Outreach“ – also mit mobilen Teams außerhalb unserer Basis-Station – unterwegs und führen inzwischen an 15 Orten ein ambulantes Ernährungsprogramm durch, in denen wir insgesamt über 700 Patienten behandeln. Mehrmals pro Woche sind wir mobil unterwegs, um entlegene und teils nur schwer erreichbare Orte zu besuchen, da dauert der einfache Weg auch schon Mal bis zu 3 Stunden. Immer wieder machen wir uns auch auf die Suche nach neuen Orten und bisher nicht erreichter Bevölkerung. Dies gestaltet sich nicht selten als eine eigene Herausforderung für sich. Oft sind die Orte für unser Auto unerreichbar – „dank“ ausgetrockneter Flussbetten mit steilen, mehreren Metern tiefen Ufern, Steinen und Felsbrocken, die kein Weiterkommen möglich machen oder auch einfach “nur” ein Berg und mindestens drei Stunden Fußmarsch. Und wie oft wir schon im Sand festgesteckt sind und das Auto im wahrsten Sinne des Wortes „ausgraben“ mussten… habe ich aufgehört zu zählen!

Die Regenzeit wird hier bereits seit Anfang März erwartet, aufgrund des Wetterphänomens „El Nino“ dauert die jahrelange Dürre jedoch weiter an. Vorletzte Nacht hat es dann nach einem vorhergehenden Sandsturm doch endlich geregnet. Unglaublich, wie schnell sich die Wüstenlandschaft dann verändert und ein bisschen Grün zwischen all dem Sand hervorsprießt! Und auch wenn dies bei weitem nicht genug Regen für die Bevölkerung ist (eigentlich sollte es kontinuierlich regnen), stellt uns bereits dieser Regen vor neue Probleme: So ist plötzlich ein ganzes Gebiet mit mehreren Orten für unser Ernährungsprogramm, zumindest für einige Tage, nicht mehr mit dem Auto erreichbar. Das Foto entstand übrigens bei dem Versuch, das inzwischen wassergefüllte Flussbett zu überqueren:

Zusätzlich dazu haben wir im März eine weitere Impfkampagne gestartet – dieses Mal mit der Zielgruppe aller Kinder im Alter von unter fünf Jahren. Doch im Gegensatz zur Masernimpfung ist diese Kampagne nicht die Maßnahme gegen einen bereits bestehenden Ausbruch, sondern dient vorbeugend zum Schutz von zum Beispiel Pneumokokken, die Lungenentzündung hervorrufen, oder Hepatitis B. Vor allem Lungenentzündungen zählen zu den häufigsten Komplikationen bei Kleinkindern und verlaufen ohne medizinische Behandlung nicht selten auch tödlich. Die Pneumokokken-Impfung ist somit eine sehr simple Maßnahme um Leben zu retten, doch ist der Impfstoff so teuer, dass er für eine Vielzahl der weltweiten Bevölkerung unerschwinglich ist; vor allem in Ländern mit niedrigem Grundeinkommen. Ärzte ohne Grenzen fordert aus diesem Grund mit einer Kampagne bezahlbaren Impfstoff für Kinder in ärmeren Ländern, die Petition dazu haben bis Ende April fast 400.000 Menschen unterzeichnet!

Acht Wochen nach der ersten Impfrunde läuft im Mai dann die zweite Runde an, da der Schutz mit nur einer Impfung nicht ausreichend ist.

Die Tage sind also weiterhin gut ausgefüllt, mein Tag beginnt in der Regel gegen 6:30 Uhr und endet spät am Abend. Tagsüber bin ich zumeist unterwegs, entweder im Outreach bzw. in einem der Ernährungsprogramme oder auf der Suche nach neuen Orten für Aktivitäten. Eine große Hilfe ist bei dieser Suche nach möglichen Patienten auch die lokale Bevölkerung, da wird das GPS dann überflüssig. Auf der anderen Seite ist es oft unmöglich, Entfernungen oder die Erreichbarkeit mit dem Auto im Vorhinein zu wissen, da die meisten der Einheimischen hier Nomaden sind und lange Strecken zu Fuß zu laufen.

Ende April ist meine Zeit hier dann auch vorüber. Schon jetzt steht fest, dass es ein Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge wird. Da sind all die Kinder – wie Nimco, die den Kampf um ihr junges Leben fast verloren hätte. Oder Halimo, die einst stationär aufgenommen wurde, die ich nur mit Schwerstarbeit zum Lächeln bringen konnte, und die heute mit mir um die Wette lacht!

All die Fahrten mit dem mobilen „Outreach“, mitten in die Wüste und ins Unbekannte, geprägt von Hitze, Staub, somalischer Musik und jeder Menge einzigartiger Momente mit meinem großartigen Team. Wir leben hier alle zusammen mit den einheimischen Mitarbeitern in unserer Basis und auch dieses Mal gelten mein größter Dank und die schönsten Erinnerungen an die gemeinsame Zeit inmitten meiner neuen äthiopischen Familie dem einheimischen Team!

Großartige Menschen, die großartige Arbeit leisten.

Mahatsantahay!
( = Danke in Somali)

Kommentare

Dagmar Wehleit
Danke für Ihren Einsatz. Sie und Ärzte ohne Grenzen haben meine vollste Hochachtung! Immer wieder aufs Neue! Ich möchte reicher sein oder auch medizinische Kenntnisse besitzen, was auch immer, um mehr spenden oder mittun zu können. So bleibt es momentan leider bei meiner tief empfundenen Solidarität.

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