Yasmin Weber21.11.2017

Momente der Machtlosigkeit

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Yasmin Weber ist Allgemeinmedizinerin in Ausbildung zur Kinderärztin. Die Wienerin war für Ärzte ohne Grenzen bereits in Guinea-Bissau und Angola auf Einsatz. In unserer aktuellen Diagnose erläutert sie, dass Kinderkrankheiten gerade bei mangelernährten Kindern schneller tödlich enden.

Wie unterscheiden sich die gesundheitlichen Bedürfnisse von Kindern und Erwachsenen?

Der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen ist, dass Kinder vulnerabler sind. Das heißt, ihr Organismus kippt schneller, wenn sie nicht behandelt werden. Gerade wenn sie unterernährt sind fehlen ihnen Ressourcen. Bei gesund ernährten Kindern ist das anders.

Unterernährung ist also überhaupt das Grundproblem für viele Kinderkrankheiten. Eine der häufigsten Todesursachen in unseren Einsatzländern ist zum Beispiel Durchfall bzw. Austrocknung durch Durchfall. Ich habe viele Kinder daran sterben sehen, die eventuell noch zu retten gewesen wären, wenn sie drei Tage früher gekommen wären. Viele Eltern bringen die Kinder erst sehr spät zu uns, wenn sie schon schwerkrank sind.

Warum werden Kinder oft so spät ins Spital gebracht?

Das kann finanzielle Gründe haben oder auch daran liegen, dass es einfach keinen Transport gibt. Wenn die Kinder bereits mangelernährt sind kann sich der Krankheitsverlauf auch sehr schnell verschlechtern. Ich habe in Angola so schwere Stadien von Durchfallerkrankungen gesehen, wie noch nie zuvor in Österreich.

Welche Kinderkrankheiten spielen in den Projekten von Ärzte ohne Grenzen eine Rolle?

Die typischen Krankheiten bei Kindern, die wir in den Projekten sehen, sind Durchfall, Malaria und Lungenentzündung sowie andere respiratorische Infekte, Masern aber auch HIV/Aids und Tuberkulose. Kinder sind davon anders betroffen als Erwachsene.

Eine Herausforderung ist außerdem, dass es in den Einsatzländern kaum spezialisierte Kinderärzte und Kinderärztinnen gibt. In Guinea Bissau haben wir ein Krankenhaus unterstützt, in dem das pädiatrische Team von Ärzte ohne Grenzen auch fünf einheimische junge Ärzte geschult hat.

Was ist die größte Herausforderung?

Eine große Herausforderung ist sicherlich, dass so viele Kinder mindestens moderat unterernährt sind und daher ein noch größeres Risiko haben, dass eine Krankheit schwer verläuft. Und gerade wenn die Gesundheitssituation in einem Land bereits prekär ist, reichen im Notfall auch ein paar wenige Fälle an Masern, Cholera oder Gelbfieber aus, um eine Epidemie auszulösen. In diesen Situationen haben Kinder dann einfach immer weniger Ressourcen und weniger Immunität. Sie benötigen daher schnellere und intensivere Behandlung.

Gibt es ein Erlebnis, das Dich besonders berührt hat?

Es gibt sehr viele Momente, die mich geprägt haben. Oft bleiben aber gerade jene hängen, in denen man sich machtlos gefühlt hat. Wie die Geschichte einer Zweijährigen, die völlig vernachlässigt von ihrer Großmutter zu uns gebracht wurde. Das Mädchen wurde wegen Durchfall aufgenommen, war aber auch mangelernährt und auch psychisch nicht altersgerecht entwickelt. Wir konnten sie zwar medizinisch versorgen, aber sie nach der Genesung gehen zu lassen war schwierig, weil wir wussten, dass sie noch viel mehr Hilfe auf anderen Ebenen auch gebraucht hätte.

In unserer aktuellen Diagnose erfahren Sie mehr über unsere Hilfe für kranke Kinder.

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