Afghanistan

Afghanistan: Neue Entbindungsstation in West-Kabul eröffnet

Viele Frauen mit komplizierten Geburten haben in Afghanistan keinen Zugang zu spezialisierter medizinischer Hilfe – selbst in der Hauptstadt sind entsprechende Einrichtungen rar. Ärzte ohne Grenzen eröffnete daher in einem Bezirkskrankenhaus in West-Kabul eine neue Entbindungsstation mit 42 Betten, die auf solche Fälle spezialisiert ist. Nun wird das neue Team an Hebammen, Pflegefachkräften und GynäkologInnen auf seine neuen Aufgaben vorbereitet.

Es ist vier Uhr morgens.

Das Team von Ärzte ohne Grenzen wird von einem Telefonanruf geweckt und eilt in die Entbindungsstation. Der Bezirk Dasht-e-Barchi in West-Kabul schläft zu dieser Stunde, doch im Bezirkskrankenhaus herrscht Hektik. Eine Mischung aus Dringlichkeit, Anspannung und Aufregung liegt in der Luft, und das aus verständlichen Gründen.

Leerstehendes Gebäude saniert

Als das Team heuer zum ersten Mal das Krankenhaus betrat, befand sich ein leeres Gebäude an dem Ort, wo jetzt eine brandneue Entbindungsstation mit 42 Betten steht. Neun Monate später war der Start des Projekts einer komplizierten Geburt nicht unähnlich. Heute, wenige Tage nach der Eröffnung, platzt eine junge Patientin mit Komplikationen in die Stille der Nacht. Hinter den Türen des Kreissaals hört man Menschen in Bewegung, Wortfetzen in Dari und gedämpfte weibliche Stimmen.

„Mina, 17 Jahre alt, erste Schwangerschaft, Komplikationen bei der Geburt.“ Sie liegt auf dem Bett und hat bereits seit Stunden Wehen. Sie ist still, doch ihr Gesicht vom Schmerz verzerrt. Das Baby ist zu groß, um natürlich entbunden zu werden – ein Notfall-Kaiserschnitt wird nötig sein.

Kaum spezialisierte Einrichtungen

Komplikationen wie diese sind in Afghanistan alltäglich, doch medizinischen Einrichtungen, die mit solchen Problemen umgehen können, sind rar – selbst in der Hauptstadt. Die meisten Frauen und ihre Familien können sich keine private medizinische Betreuung leisten und gebären daher zu Hause. Im Fall einer Komplikation kann die mangelnde Unterstützung von einer ausgebildeten medizinischen Fachkraft fatal enden.

Das Team in der neuen Entbindungsstation von Ärzte ohne Grenzen wird sich daher auf solche komplizierten Geburten spezialisieren. So werden die Leben von Müttern und Kindern gerettet, die sonst keinen Zugang zu spezialisierter Hilfe haben.

Neues Team wird geschult

Mina wird bald operiert werden müssen. Daniela, eine Hebamme von Ärzte ohne Grenzen , übergibt sie an das Team aus dem Kreissaal: Krankenschwester Renate und Gynäkologin Diana. Gemeinsam können sie auf insgesamt 115 Jahre medizinische Erfahrung zurückblicken, feingeschliffen durch jahrelange Tätigkeiten in Projekten von Ärzte ohne Grenzen rund um den Globus. So ein altgedientes Team ist auch notwendig, um 23 Hebammen, 21 Krankenpflegefachkräfte und vier GynäkologInnen zu trainieren. Sie alle wurden kürzlich rekrutiert, um in der neuen Station zu arbeiten.

Das Dasht-e-Barchi Krankenhaus auf einem belebten Marktplatz und seine drei kleinen Gesundheitszentren sind die einzigen Möglichkeiten im Bezirk, die öffentliche Gesundheitsversorgung in Anspruch zu nehmen. Es wird geschätzt, dass sich die Bevölkerung dieses Stadtteils von Kabul in der vergangenen Dekade verzehnfacht hat – hier leben nun mehr als eine Million EinwohnerInnen.

Monatlich mehr als 130 komplizierte Fälle erwartet

Die öffentliche Entbindungsstation, die Ärzte ohne Grenzen unterstützt, wird nicht alle medizinischen Bedürfnisse in dieser Gegend erfüllen können. Doch das Team erwartet, monatlich mehr als 130 komplizierte Fälle unter geschätzten 600 Geburten aufzunehmen – und auch so viele neue Leben begrüßen zu dürfen.

Die Lichter erhellen den Operationssaal und alles ist brandneu – von der Sonde bis zu den Anästhesie-Geräten. In der Vorwoche wurden während der Probe jedes einzelne Instrument der Ausrüstung getestet. Der Start eines neuen Projekts hängt stark davon ab, was im Hintergrund geschieht. Das Logistik-Team hat Monate gearbeitet, um die Entbindungsstation innerhalb des bestehenden öffentlichen Krankenhauses zu sanieren und den hohen Standards von Ärzte ohne Grenzen gerecht zu werden, für die Einrichtungen der Organisation in ganz Afghanistan bekannt sind.

Es ist fünf Uhr morgens.

Ein Baby schreit, und es ist ein Junge. Er wiegt 3,3 Kilogramm. Mina ist wohlauf und holt tief Luft. Sie hat noch keinen Namen für das Kind, doch jetzt ist genügend Zeit, sich für einen zu entscheiden.

Ärzte ohne Grenzen ist seit 1981 in Afghanistan tätig. Das Team in Dasht-e-Barchi wird eng mit dem Gesundheitsministerium zusammenarbeiten, um die Entbindungsstation im Bezirkskrankenhaus zu unterstützen. Die Organisation unterstützt auch das öffentliche Krankenhaus in Ahmad Shah Baba in Ost-Kabul und das Boost-Krankenhaus in Lashkar Gah in der Provinz Helmand. In Kundus betreibt Ärzte ohne Grenzen ein Unfallkrankenhaus, wo lebensrettende operative Eingriffe für Menschen im Norden Afghanistans durchgeführt werden. In Khost im Osten des Landes betreibt Ärzte ohne Grenzen eine Mutter-Kind-Klinik. In allen Einrichtungen bietet Ärzte ohne Grenzen die lebensrettende medizinische Versorgung kostenlos an. Ärzte ohne Grenzen akzeptiert für die Arbeit in Afghanistan keine staatlichen Gelder. Die Aktivitäten werden ausschließlich aus privaten Spenden finanziert.

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