Afghanistan

“Auf dem ganzen Weg dachte ich, ich muss sterben - nicht an meiner Krankheit, sondern wegen der Schüsse und der Minen“

Seit 2009 unterstützt Ärzte ohne Grenzen das Boost-Krankenhaus in Lashkar Gah, der Provinzhauptstadt von Helmand. Ziel ist es, kostenfreie medizinische Behandlung in allen Bereichen anzubieten. Die jüngsten Offensiven der Koalition und der Regierung in den Städten Marjah und Nad Ali haben viel Aufmerksamkeit erhalten, doch auch der Rest von Helmand war von dem andauernden Konflikt stark betroffen. Eine der alarmierendsten Folgen besteht darin, dass die Bevölkerung dadurch am Zugang zu dringend benötigter medizinischer Versorgung gehindert wird.

"Ich bin heute morgen mit meinem kranken Kind im Boost-Krankenhaus angekommen." Fatima* sitzt mit einem Baby im Arm auf der Kinderstation des Lashkar Gah-Krankenhauses. Sie kommt aus dem Distrikt Nawa-I-Barakzayi an der Grenze zu Lashkar Gah. "Ich habe drei Kinder, und dieses hier ist krank. Sie ist fünf Monate alt. Ich kann nicht mehr stillen. Sie hat Hunger, und ich habe einfach nichts, was ich ihr geben könnte."

Die rund eine Million Einwohner von Lashkar Gah waren von dem Konflikt zwischen den Truppen der Alliierten und der Regierung auf der einen und den verschiedenen Oppositionsgruppen auf der anderen Seite besonders betroffen. Über Jahre hinweg lebten sie in Armut und hatten keinen Zugang zu medizinischer Behandlung, insbesondere in Krankenhäusern. Staatliche Krankenhäuser funktionieren nicht und private Kliniken sind unerschwinglich.

Kostenfreie Medikamente für Geburtshilfe, Kinderheilkunde, Chirurgie und Nofallmedizin

Das Boost-Krankenhaus ist eines von zwei verbleibenden staatlichen Referenzkrankenhäusern im Süden Afghanistans. Auf den ersten Blick ist das Krankenhaus in einem guten Zustand, und das medizinische Personal geht seiner Arbeit nach. "Aber wenn man genau hinschaut, sieht man, dass das Krankenhaus weder funktionsfähig noch für Patienten zugänglich war", erklärt Volker Lankow, der Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen. Es gab keine kostenfreien Medikamente und die hohen Arzneimittelpreise hielten die Menschen davon ab, ins Krankenhaus zu gehen, um dort die nötige Versorgung zu bekommen.

Ärzte ohne Grenzen stellt dem Boost-Krankenhaus in den Bereichen Geburtshilfe, Kinderheilkunde, Chirurgie und Notfallmedizin nun kostenfreie Medikamente zur Verfügung. "Für die Menschen hier macht das einen großen Unterschied", erklärt Volker Lankow. Fatima ist dafür ein typisches Beispiel. "Ich war vorher in einer Klinik in der Stadt, wo ich aber für die Medikamente bezahlen musste. Ich habe kein Geld. Dann hat mir eine Frau gesagt, dass ich hier eine Behandlung umsonst bekommen würde. Darum bin ich hergekommen", sagt sie.

Nachdem kostenfreie und qualitativ hochwertige Medikamente nun vorhanden sind, müssen effektive Systeme für deren Verschreibung erarbeitet werden. Eine der Hauptaufgaben von Ärzte ohne Grenzen besteht darin, gemeinsam mit dem Personal des Krankenhauses verbesserte Behandlungsprotokolle einzuführen.

"Wir haben die Abfallbeseitigung neu organisiert und das Sterilisationssystem in den OPs verbessert. Außerdem haben wir einen neuen Raum eingerichtet, in dem die vor- und nachgeburtliche Versorgung von Frauen und Familienplanung stattfinden kann. Aber es gibt noch immer eine Menge zu tun", sagt Volker Lankow. Das Ziel ist es, zu erreichen, dass Krankenhauspersonal und kostenlose, qualitativ hochwertige medizinische Versorgung rund um die Uhr zur Verfügung stehen.

Keine Waffen: Die Sicherheit im Krankenhaus ist wichtig

"Jeden Tag erzählen mir Menschen, dass sie Angst hatten, ins Krankenhaus zu gehen, wo jede Menge Leute mit Gewehren rumliefen", sagt Volker Lankow. "Jeder Patient hat das Recht, in einer sicheren Umgebung behandelt zu werden, und wir arbeiten hart daran sicherzustellen, dass die ‚Keine Waffen-Regel' respektiert wird." Auf einem Schild am Eingang des Krankenhauses steht "Keine Waffen erlaubt". Ein Wachmann sorgt dafür, dass alle Patienten und Besucher ihre Waffen abgeben.

Inzwischen kommt niemand mehr mit einer Waffe rein und Belästigungen werden in keiner Form toleriert. Auf der Männerstation liegt der 45-jährige Nadeem*. Er hat es geschafft, Marjah während der bewaffneten Offensive in einem Taxi des Roten Halbmonds zu verlassen, das Verwundete transportierte. Er selbst wurde zwar nicht verwundet, hat aber ein schweres Magenleiden. "Den ganzen Weg über dachte ich, ich sterbe - nicht an meiner Krankheit, aber wegen der Schüsse und der Minen. Meine Frau und meine Kinder sind in Marjah. Sobald es mir besser geht, muss ich zu ihnen zurück. Aber es wird nicht leicht, dorthin zurückzukehren, weil es so gefährlich ist, sich von dort aus wieder zur Behandlung zu begeben. Ich bin sehr besorgt."

"Die anhaltenden Angriffe in Marjah und Nad Ali erschweren den Zugang zu medizinischer Versorgung nur noch mehr", sagt Volker Lankow. "Wir fürchten, dass viele Patienten - Kriegsverletzte genauso wie andere Patienten, die dringend medizinische Behandlung brauchen - Gesundheitseinrichtungen wie das Boost-Krankenhaus nicht erreichen. Weniger als 50 Prozent der Betten im Krankenhaus von Lashkar Gah sind derzeit belegt, obwohl die Distrikt-Krankenhäuser in Helmand kaum funktionsfähig sind."

Ärzte ohne Grenzen fordert alle an dem Konflikt beteiligten Parteien auf, den Menschen, die medizinische Versorgung brauchen, den Zugang zu funktionsfähigen Gesundheitseinrichtungen nicht zu verwehren.

Ärzte ohne Grenzen akzeptiert für die Arbeit in Afghanistan keine institutionellen Gelder. Die Projekte werden ausschließlich mit privaten Spenden finanziert. Neben dem Boost-Krankenhaus in Lashkar Gah unterstützt Ärzte ohne Grenzen derzeit das Ahmed Shah Baba-Krankenhaus im Osten Kabuls. Die Organisation plant, die Unterstützung von Krankenhäusern und ländlichen Gesundheitszentren im Laufe des Jahres 2010 auf andere afghanische Provinzen auszuweiten.

* Die Namen wurden geändert, um die Anonymität der Patienten zu wahren.

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