Brasilien

Brasilien: Der Covid-19-Alptraum

In Brasilien sind mehr als eine Million Menschen mit dem Coronavirus infiziert, mehr als 57.000 starben an Covid-19 (Stand 30.6.2020). Damit ist das Land nach den USA weltweit am zweitschlimmsten von der Pandemie betroffen. Die Situation ist landesweit katastrophal. Doch am meisten bedroht sind die Schwächsten: Bewohnerinnen und Bewohner von Favelas, indigene Gemeinschaften oder obdachlose Menschen. Besonders trifft es zudem vernachlässigte Regionen wie den Bundesstaat Amazonas - dort liegt die Sterblichkeitsrate am höchsten. Auch die Personalkapazitäten in den medizinischen Einrichtungen werden immer geringer – Brasilien hält einen traurigen Rekord: Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger sterben dort schneller an Covid-19 als in jedem anderen Land der Welt.

In Manaus, der Hauptstadt des Bundesstaats Amazonas, fehlen Intensivpflege-Betten für die große Zahl an Covid-19-Betroffenen. Unser Notfallkoordinator Bart Janssen erzählt, dass die Situation an weiter entfernten Orten aber noch schlimmer ist. Aus Tefe, einer eigentlich blühenden Hafenstadt, die man nach eineinhalbtägiger Bootsfahrt den Amazonas flussaufwärts erreicht, berichtet er:

"Als ich zu Besuch war, um die Situation zu beurteilen, teilte mir die Krankenhausleitung mit, dass fast 100 Prozent ihrer Covid-19-Patientinnen und Patienten, die eine Intensivpflege benötigten, gestorben waren.“ Bart Janssen, Notfallkoordinator

Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger sterben schneller an Covid-19 als in jedem anderen Land der Welt

Die Kapazitäten zur Behandlung erkrankter Menschen werden immer geringer: Monat für Monat sterben fast 100 Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger an Covid-19. Die Einführung von Tests verläuft äußerst langsam, und ihre Anzahl ist mit 7.500 pro eine Million Menschen z.B. im Vergleich zu den USA zehn Mal geringer. Die Geschäftsführerin unseres brasilianischen Büros, Ana de Lemos, berichtet davon, dass es in den Bundestaaten und den Regionen durchaus große Anstrengungen gab. Allerdings sieht sie eine enorme Diskrepanz zwischen dem Ansatz und entsprechenden Richtlinien der Zentralregierung und dem der Regionen. Die daraus resultierende Verwirrung schwäche die landesweite Reaktion. Gleiches gelte für Statements der Regierung, in denen über die Opfer der Coronavirus-Pandemie wie über Todesfälle durch andere Krankheiten gesprochen wird oder diese absolut missachtet werden.

In Brasilien begann die Coronavirus-Pandemie mit ersten Infizierten in wohlhabenderen Vierteln von Großstädten wie Rio de Janeiro und São Paulo, die zuvor vermutlich aus dem Ausland zurückgekommen waren. Erst nach mehreren Wochen der Ausbreitung dort, sprang sie auf ärmere Viertel über. Unser Arzt Raquel Simakawa erzählt von einem obdachlosen älteren schwarzen Mann, den er medizinisch versorgt hat:

„‘Es tut mir leid, dass ich Ihnen so viel Umstände bereite‘. Ich lehne mich hinüber zu ihm, um sicher zu gehen, dass ich richtig gehört habe, was die zitternde Stimme hinter der Maske sagte. Ich atme tief ein während ich den Mann anschaue, der um die 60 Jahre alt ist und so keucht, wie es für jemand mit einer Sauerstoffsättigung von unter 90 Prozent typisch ist. Seit drei Tagen kam und ging er im Notfallraum. Immer wieder war er ohne Würde behandelt worden: Ein Mensch, der eindeutig stationärer Behandlung bedurfte – auf jeden Fall Sauerstoffversorgung -, war aus dem Krankenhaus entlassen worden. … Es ist nicht nur das Virus, das an der Front bekämpft werden muss, wenn man diese fragwürdige Analogie zu Krieg und Superhelden bemüht. … Es gibt hier andere Schurken: unter ihnen soziale und ökonomische Ungleichheit. … Ich atme aus und versuche dem Mann deutlich zu machen, dass es sein Recht ist, diese Hilfe zu erhalten.“ - Raquel Simakawa, Arzt

Unsere Ärztin Ana Leticia Nery, die Projektkoordinatorin in São Paulo ist, ergänzt:

„Die Pandemie hat mehr Menschen in extreme Armut gestürzt, sie obdachlos und oft hoffnungslos auf den Straßen zurückgelassen. Drogenabhängigkeit und damit zusammenhängende medizinische Probleme wie Tuberkulose, Herzkrankheiten und HIV erhöhen die Anfälligkeit dafür. Menschen zu sehen, die leiden und Schwierigkeiten haben, Zugang zum normalen Gesundheitssystem zu erhalten, ist herzzerreißend. Wir können aber etwas tun, um diese Menschen mit der gleichen Behandlung zu versorgen, wie sie jeder andere Bürger auch bekommen würde.“ - Ana Leticia Nery, Ärztin und Projektkoordinatorin in São Paulo

Unsere Hilfe in Brasilien angesichts der Coroanvirus-Pandemie

Wir haben angesichts der verheerenden Situation sechs Notfallinterventionen eingeleitet: Wir leisten Hilfe in den Bundesstaaten Amazonas und Roraima des Großraums Amazonien, in Rio de Janeiro und in São Paulo. Über unsere Hilfe im weitläufigen und von indigenen Gemeinschaften dünn besiedelten Amazonasgebiet, das unter Bergbau, Abholzung und landwirtschaftlichen Interessen leidet und seit Jahrzehnten verzweifelt auf eine bessere Gesundheitsversorgung wartet, berichtet unser Covid-19-Einsatzkoordinator:

"Covid-19 breitet sich rasch und manchmal unvorhersehbar aus. Wir haben unsere Aufmerksamkeit von den Küstenstädten auf die große Stadt Manaus verlagert, als Berichte über hohe Infektionszahlen und Massengräber aufkamen. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Situation bereits auf Katastrophenniveau, und mit einem kleinen Team mussten wir rasch klären, wo wir am besten helfen konnten.“  - Brice de le Vingne., Covid-19-Einsatzkoordinator

Unsere Hilfe in Manaus

In Manaus half unser Team u.a. im Krankenhaus 28 de Agosto, die dortigen Behandlungskapazitäten auszuweiten und das nach erschöpfte Personal zu entlasten. Durch die Einführung neuer Behandlungsprotokolle konnte zudem die klinische Versorgung verbessert werden.

Manaus ist eine belebte Großstadt, auf deren Märkten es viele angereiste Händlerinnen und Händler gibt. Das macht sie zu einem potenziellen Hotspot für die Übertragung des Coronavirus, und physische Distanzierung gibt es kaum. 30.000 Angehörige indigener Gemeinschaften leben dort, rund 20 Sprachen werden gesprochen. Diese Menschen wurden bei den meisten Covid-19-Hilfsmaßnahmen nicht berücksichtigt. In Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen und Gemeindevorsteherinnen und Gemeindevorsteher berät ein Gesundheitserziehungsteam von uns u.a. zu Covid-19 und macht Screenings, um Infizierte zu finden.

Obwohl die Situation in Manaus nach wie vor sehr ernst ist, gibt es Anzeichen dafür, dass der Höhepunkt der Pandemie bereits überschritten sein könnte. Die Pandemiewelle ist weiter in das ländliche Amazonien vorgedrungen, wo die Zahl der Infektionen zunimmt. Da die indigenen Gemeinschaften oft nur minimalen Zugang zu Präventionsmaßnahmen und medizinischer Versorgung haben, befinden sie sich in einer potenziell verheerenden Situation.

Unsere Hilfe in Amazonien

In Tefe, der Hafenstadt am Ufer des Amazonas, bat uns das dortige Krankenhaus um Unterstützung auf der Intensivstation und in sechs Gesundheitszentren der Peripherie. Dies dürfte eine lebensrettende Option für indigene Gemeinschaften darstellen, deren Angehörigen dann die längere Reise nach Manaus zur Behandlung erspart bliebe.

In São Gabriel da Cachoeira, am Rio Negro, einem Nebenfluss des Amazonas, eröffnen wir ein Behandlungszentrum, das die Covid-19-Kapazität des bestehenden Krankenhauses ergänzen wird. Wir arbeiten mit einer lokalen Organisation zusammen, um in diesem abgelegenen Gebiet Gesundheitsaufklärung zu leisten. Der im Norden an Venezuela angrenzende Bundesstaat Roraima befindet sich zurzeit in einer kritischen Phase der Pandemie. Die Hauptstadt Boa Vista hat derzeit die höchste Neuinfektionsrate des Landes, und mehr als ein Viertel der Einwohner*innen haben sich bereits mit dem Coronavirus angesteckt.

Unser bereits bestehendes Projekt in Roraima für Geflüchtete und Migrantinnen und Migranten aus Venezuela wurde u.a. um eine Covid-19-Komponente ergänzt. Im völlig überfüllten öffentlichen Krankenhaus werden Patientinnen und Patienten auf den Korridoren behandelt oder sogar ohne Behandlung weggeschickt. Wir helfen in einem neuen provisorischen 700-Betten-Krankenhaus.

Unsere Hilfe São Paulo und Rio de Janeiro

Die ohnehin schon angespannten Gesundheitskapazitäten in den Favelas sind deutlich an ihrer Grenze gestoßen, und mehrere Gesundheitszentren mussten schließen. Die Lebensbedingungen machen das Abstandhalten fast unmöglich, so dass das Risiko einer Verbreitung des Virus hoch ist.

Wir unterstützen in São Paulo Obdachlose auf der Straße und in zwei Covid-19-Isolationseinrichtungen sowie Menschen in den Slums am Stadtrand, wo die Diskrepanz zwischen Reichtum und absoluter Armut besonders stark ist. Wir arbeiten mit lokalen Organisationen und der Stadtverwaltung zusammen. Zudem helfen wir Menschen, die alkoholabhängig sind oder Crack konsumieren.

In Rio de Janeiro haben unsere Teams Gesundheitszentren und Krankenhäuser in der Prävention und Eindämmung von Infektionen geschult. Sie leisten Gesundheitserziehung für gefährdete Menschen und überwachen Personen medizinisch, die Covid-19-Symptome aufweisen.

Auch unsere Kapazitäten kommen an Grenzen

An den meisten Projektstandorten bieten wir eine Reihe von umfassenden Gesundheitsförderungs- und –vorsorgemaßnahmen sowie Diagnosen an. Medizinischen Einrichtungen und Pflegeheimen offerieren wir technische Beratung zur Infektionsprävention und –kontrolle an. Gleichzeitig bauen wir die psychosoziale Unterstützung für medizinisches Personal aus, das angesichts der fehlenden Kapazitäten schreckliche Situationen mit vielen Todesopfern erleben musste.

In Brasilien bräuchte es eine gezieltere Reaktion auf Covid-19 durch die Regierung. Gemeindevertreterinnen und Gemeindevertreter, lokale Organisationen und Mitarbeitende an vorderster Front der Pandemie müssen mit direkter Hilfe und wichtigen Instrumenten unterstützt werden. Wir suchen nach Möglichkeiten, die Aktivitäten mit den lokalen Gesundheitsbehörden auszuweiten, aber wir stoßen an unsere Kapazitätsgrenze.

Teilen

Vervielfältigen