Coronavirus: häufig gestellte Fragen

Welche Auswirkungen hat COVID-19 auf die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen?

Wir sind äußerst besorgt um das Wohl unserer Patientinnen und Patienten. Die Auswirkungen der Pandemie in Ländern mit schwachem Gesundheitssystem – also in Ländern, in denen wir viele Projekte unterhalten – sind gravierend. Wer sieht, welche schwerwiegenden Folgen COVID-19 auf die fortschrittlichsten Gesundheitssysteme der Welt hat – etwa in Europa – kann sich vorstellen, wie stark die Auswirkungen in schwächeren Ländern sein werden. Aus früheren Epidemien wissen wir, dass dadurch auch die ohnehin unzureichende Behandlung anderer Krankheiten stark beeinträchtigt wird.

Auch unsere internationalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind von den Reisebeschränkungen betroffen. Wir befürchten auch, dass es zu Versorgungsengpässen bei bestimmten Gütern kommt, die wir in unseren Hilfsprogrammen dringend benötigen, etwa bei Medikamenten. Die Preise für Schutzausrüstung sind um das fünf bis Zehnfache gestiegen. Es muss sichergestellt werden, dass medizinische Produkte nicht in die Hände der Meistbietenden gehen, sondern sich die globale Verteilung nach dem Bedarf richtet. Wir setzen uns dafür ein, dass sie für alle Menschen zugänglich, bezahlbar und verfügbar sind. 

Wie hilft Ärzte ohne Grenzen?

Ärzte ohne Grenzen hat bereits in rund 70 Ländern Hilfsaktivitäten zur Eindämmung des Coronavirus, zur Behandlung von COVID-19 oder zur Beratung lokaler Gesundheitsbehörden gestartet. Unsere Teams sind auf allen Kontinenten im Einsatz – und zwar in Dutzenden von Ländern. Eine Auswahl unserer Aktivitäten:

  • In Italien unterstützten wir drei Krankenhäuser in der Lombardei bei der Eindämmung der Epidemie. In der Region Marken arbeiten wir in 30 Seniorenheimen, um eine Ausbreitung des Corona-Virus zu verhindern. In Rom leisten wir in einem Gebäude mit mehr als 500 afrikanischen Flüchtlingen medizinische Nothilfe. Aktuell sind 50 Mitarbeitende im COVID-19-Einsatz.
  • In Frankreich betreuen wir mobile Kliniken und unterstützen Coronavirus-Tests für Obdachlose, unbegleitete Minderjährige sowie Migrantinnen und Migranten in Paris und der Ile de France. Zudem leisten wir medizinische Hilfe in zwei COVID-19-Zentren für Obdachlose und Migrantinnen sowie Migranten südlich und nördlich von Paris (Châtenay-Malabry, Aulnay-sous-Bois) sowie im Krankenhaus Mondor in Crétail. In Marseille unterstützen wir eine Klinik.
  • In Belgien unterstützten unsere mobilen Teams bislang 95 Alten- und Pflegeheime bei der Identifizierung und Isolation von Erkrankten und mit psychologischer Hilfe. Darüber hinaus helfen wir bei der Versorgung gefährdeter Gruppen wie Obdachlose sowie Migrantinnen und Migranten ohne Papiere. Für schutzbedürftige Gruppen betreuen wir zudem ein medizinisches Isolierzentrum mit bis zu 150 Betten in Brüssel. Mehr als 100 Mitarbeitende sind im Einsatz. 
  • In Spanien haben wir rund 200 Pflegeheime für ältere Menschen umfassend beraten und bei der Infektionsprävention aktiv geholfen. Unsere Aktivitäten konzentrierten sich  auf Madrid und Katalonien, aber wir unterstützten auch Kliniken im Norden und Süden des Landes. Der Fokus hat sich dabei in Richtungländliche Gebiete verändert. Ende Mai 2020 haben unsere Teamsdie Aktivitäten an die spanischen Behörden übergeben.
  • In Südafrika sind wir in den Provinzen Gauteng, KwaZulu-Natal und Western Cape tätig und unterstützen die Behörden dabei, Kontakte nachzuverfolgen. Zudem erstellen wir in Kliniken Pläne für Triage, Isolation und Behandlungsmaßnahmen. In der Stadt Tshwane betreuen wir Obdachlose und Asylsuchende, in Johannesburg ist ein mobiles Team in drei Obdachlosenzentren aktiv.
  •  In Syrien unterstützen wir das Krankenhaus in Idlib mit einer Isolierstation, schulen das Personal und liefern medizinisches und logistisches Material. In Azaz haben wir ein Triage-Zelt errichtet. In Atmeh bereiten wir eine Isolierstation vor und schulen das Personal. In den Vertriebenencamps im Gebiet Deir Hassan arbeiten zwei mobile Teams. Zudem haben wir Tausende Hygienekits an die Menschen verteilt.
  • In Griechenland unterstützten wir in den Flüchtlingslagern auf Lesbos und Samos die Gesundheitsaufklärung. In Lesbos haben wir einen Notfallplan für das Lager Moria entwickelt, dessen Evakuierung wir seit Monaten fordern. Neben dem Schutz unseres medizinischen Personals haben wir auch die Versorgung mit sauberem Wasser und sanitären Anlagen ausgebaut.
  • In Hong Kong unterstützt Ärzte ohne Grenzen durch Aufklärungsarbeit und psychologische Hilfe, speziell für besonders gefährdete Personen. In China haben wir am Anfang der Pandemie spezielle medizinische Schutzausrüstung in das Jinyintan-Krankenhaus nach Wuhan in der Provinz Hubei geschickt (dem Epizentrum des aktuellen Ausbruchs).  

Darüber hinaus sind wir u.a. in folgenden Ländern aktiv: Ukraine, Irak, Libanon, Iran, Jemen, Jordanien, Gaza, Burkina Faso, Elfenbeinküste, Mali, Kamerun, Demokratische Republik Kongo, Kenia, Nigeria, Liberia, Sudan, Senegal, Niger, Tansania, Simbabwe, Mosambik, Eswatini, Guinea, Sierra Leone, Südsudan, Afghanistan, Pakistan, Bangladesch, Usbekistan, Kirgistan, Malaysia, Indonesien, Kambodscha, Philippinen, Brasilien, El Salvador, Haiti, Mexiko.

In unseren bestehenden Hilfsprogrammen treffen wir Vorkehrungen zur Versorgung von Erkrankten, vor allem in Regionen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit einer Ausbreitung der Krankheit. Wir treffen Maßnahmen zur Infektionskontrolle, bereiten Screenings bei der Patientenaufnahme vor, richten Isolationsbereiche ein und klären über die Krankheit auf. Wir setzen alles daran, dass die Einrichtungen, die wir unterstützen, weiterhin funktionstüchtig bleiben.

Gelten jetzt besondere Schutzmaßnahmen in den Einsatzgebieten für die Teams?

Als medizinische Hilfsorganisation sind Maßnahmen zur Vermeidung von Infektionen Standard, diese wurden nun zusätzlich verschärft. Wir treffen in unseren Hilfsprogrammen besondere Vorsichtsmaßnahmen, um unsere Patientinnen und Kollegen vor einer Ansteckung zu schützen. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter folgen den üblichen Maßnahmen wie Händewaschen, Mindestabstand und Atemwegshygiene. Medizinisches Personal, das stärker ausgesetzt ist, wenden Schutzvorkehrungen für Situationen mit erhöhter Gefahr von Atemwegsinfektionen an.

Wie verhindert Ärzte ohne Grenzen, dass internationale Einsatzmitarbeiterinnen oder –mitarbeiter zur Verbreitung des Virus beitragen?

Als medizinisch-humanitäre Organisation ist es unsere oberste Priorität, die Sicherheit und den Schutz unserer Einsatzteams, Patientinnen und Patientinnen und Menschen, die wir unterstützen, zu gewährleisten. Wir haben unsere Bewegungen in den Projekten so weit wie möglich reduziert. Zugleich ist es wichtig, dass unser medizinisches und logistisches Personal sowie unsere Hilfsgüter dorthin gelangt, wo sie dringend im Einsatz gegen COVID-19 gebraucht werden.

Bevor wir Personal in andere Länder schicken, werden sie gesundheitlich untersucht und wir checken, ob sie in Risikogebieten waren. Zusätzlich begeben sich alle Mitarbeitenden nach der Ankunft in zweiwöchige Quarantäne in der jeweiligen Hauptstadt.

Warum schickt Ärzte ohne Grenzen medizinisches Personal ins Ausland, obwohl in Österreich erhöhter Bedarf an medizinischem Fachpersonal besteht?

Österreich hat eines der stabilsten Gesundheitssysteme der Welt, mit ausreichenden Kapazitäten, um mit dem Ausbruch umzugehen. Hinzu kommt, dass die Zahl der Infektionen hierzulande inzwischen stark zurückgegangen ist. Das Gesundheitswesen in den meisten unserer Einsatzländer ist hingegen schwach bis kaum existent. Wenn wir unsere Hilfe dort einstellen, sind davon viele Menschenleben direkt betroffen, daher tun wir unser Bestes, trotz der derzeitigen Einschränkungen rasch und effektiv Hilfe zu leisten und Leben zu retten.

Was passiert, wenn sich Einsatzkräfte im Ausland mit dem Coronavirus anstecken?

Dafür gibt es genaue Protokolle und Abläufe, auch die österreichischen Gesundheitsbehörden haben dafür genaue Abläufe vorgesehen, an die wir uns halten. Als vorbeugende Maßnahme begeben sich derzeit alle unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach einem Auslandsaufenthalt in 14-tägige Heimisolation.

Wann wird die Epidemie in Österreich / bzw. die weltweite Pandemie vorbei sein?

Das können auch unsere Expertinnen und Experten nicht vorhersehen. Üblicherweise wird eine Epidemie dann für beendet erklärt, wenn während der Dauer der Inkubationszeit (= Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit) keine neuen Fälle dokumentiert werden. Allerdings ist die genaue Inkubationszeit des Coronavirus noch nicht restlos geklärt, derzeit wird von einer Dauer von rund zwei Wochen ausgegangen.

Stellt Ärzte ohne Grenzen Atemschutzmasken o.ä. medizinische Schutzmittel zur Verfügung, wenn sie knapp werden?

Wie viele medizinische Einrichtungen und Organisationen haben auch wir mit Lieferengpässen zu kämpfen, versuchen aber bestmöglich in unseren Einsatzgebieten zu helfen – manchmal auch durch Schutzausrüstung. Wir weisen aber darauf hin, dass auch wir und unsere Patientinnen und Patienten davon betroffen sind, wenn der Nachschub medizinischen Materials wie Schutzmasken, aber auch bestimmter Medikamente ins Stocken kommt. Wir fordern in diesem Zusammenhang Solidarität auf Staatenebene, damit Schutzausrüstungen und anderes medizinisches Material dort zur Verfügung steht, wo es am dringendsten benötigt wird.

Was halten Sie von einer Corona-App, wie sie vom Roten Kreuz propagiert wird?

Einige relevante Fragen rund um die App sind noch ungeklärt, speziell wenn es um die Verhinderung einer potenziellen Verknüpfung von Gesundheitsdaten und Telefonnummern geht. Gesundheitsdaten sind besonders sensibel, daher muss deren Schutz zu hundert Prozent sichergestellt sein.

Ganz entscheidend für die erfolgreiche Bekämpfung von Epidemien ist auch das Vertrauen der betroffenen Menschen / Bevölkerung. Unsere Erfahrungen beim Kampf gegen andere Epidemien haben gezeigt: Zwangsmaßnahmen beim Contact Tracing sind kontraproduktiv. Für den Einsatz technischer Hilfsmittel gelten daher die Prinzipien der Freiwilligkeit, absoluter Transparenz und Ausschluss jeder Art von Diskriminierung.

Wie steht Ärzte ohne Grenzen zur Debatte um Covid-19-Impfstoffe?

Wer die Entwicklungen der vergangenen Wochen verfolgt hat, ahnt, dass ein brutaler Kampf um Impfstoffe und Medikamente gegen das Coronavirus und COVID-19 bevorsteht. Wir fürchten, dass das vor allem eine Frage des Budgets sein wird und einige wohlhabende Nationen große Teile der Impfstoffvorräte für sich selbst nutzen werden. Darunter leiden unsere Patientinnen und Patienten und alle Menschen in ärmeren Ländern.  

Die großen Profiteure werden aber Pharmafirmen sein, die Marktmechanismen und Patente ausnützen, um die Preise in die Höhe zu treiben. Wir fordern von der österreichischen Bundesregierung, Verantwortung zu übernehmen: Sie muss dafür sorgen, dass Patentmonopole nicht zu überhöhten Preisen, einem eingeschränkten Zugang und letztlich zum Verlust von Menschenleben führen. Zudem fordern wir Transparenz in der Vergabe von Zuschüssen für die Erforschung und Entwicklung von COVID-19-Medikamenten und Impfstoffen gegen das Coronavirus. Weiter Infos finden Sie hier

Teilen

Vervielfältigen