Sudan

Darfur: „Auch nach zehn Jahren Konflikt ist der Bedarf an medizinischer Hilfe groß“

Der Konflikt in der Region Darfur begann vor einem Jahrzehnt - in der medizinischen Versorgung gibt es immer noch erschreckende Lücken. In diesem Jahr mussten nun schon 100.000 Menschen ihre Heimat in der Region Jebel Amir im Norden Darfurs verlassen, weil dort ethnische Gruppen erbittert um die Kontrolle über eine Goldmine kämpfen. In den Bemühungen um die medizinische humanitäre Hilfe für die Bevölkerung in Darfur gibt es immer noch viel zu tun, sagt Fernando Medina, der für Ärzte ohne Grenzen als Koordinator im Sudan arbeitet.

Wie ist die Lage in Jebel Amir?

Der Konflikt ist aufs Neue ausgebrochen, als zwischen zwei ethnischen Gruppen Streit über die Kontrolle einer Goldmine aufkam. Die Mine ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Region und der Streit wurde schnell gewalttätig. Man kann noch nicht wirklich abschätzen, wie viele Menschen getötet oder verwundet wurden, aber es gibt Berichte über 100.000 Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten und jetzt an verschiedenen Orten zerstreut leben. Die größte Gruppe, rund 65.000 Menschen, fand in El Seraif Zuflucht. Ärzte ohne Grenzen unterstützt die Menschen dort mit medizinischer und humanitärer Hilfe - insgesamt treffen diese Vertriebenen auf rund 50.000 Einwohnerinnen und Einwohner.

Gibt es andere Hilfsorganisationen, die in der Gegend arbeiten?

Momentan sind wir die einzige internationale medizinische Hilfsorganisation, die dort arbeitet. Zwei nationale Organisationen, die zwischenzeitlich dort arbeiteten, mussten aufgrund der eskalierenden Gewalt vorübergehend aufhören.

Wie hat Ärzte ohne Grenzen auf den Gewaltausbruch reagiert?

Zuerst haben wir ein Team entsandt, das in den Sammelgebieten der Vertriebenen den Hilfsbedarf ermittelt hat. In El Seraif war die Situation besonders akut: Das dortige Krankenhaus war von der sehr hohen Anzahl eintreffender Vertriebenen völlig überfordert. Also wollten wir dort erst einmal eine medizinische Grundversorgung herstellen und auch mobile Kliniken durchführen.

Ist die Bevölkerung in diesen Gebieten denn sicher?

Die jüngsten Auseinandersetzungen zwischen den zwei ethnischen Gruppen liegen vier Wochen zurück, Ärzte ohne Grenzen begann direkt mit der Vorbereitung des Notfalleinsatzes. Die Angriffe fanden in den Randgebieten von El Seraif statt, und viele Verwundete wurden in das Krankenhaus eingeliefert. Unser Team hat mit den lokalen Mitarbeitern zusammen gearbeitet, um diese Fälle direkt versorgen zu können und einen Transport für Schwerverletzte nach El Fasher, der Hauptstadt Nord-Darfurs, einzurichten. Das alles fand binnen achtundvierzig Stunden statt, wir haben in der Zeit rund 120 Patienten betreut. Jetzt hat sich die Lage etwas entspannt, wir haben ein zusätzliches Ernährungsprogramm gestartet und 9.600 Kinder unter fünf Jahren mit therapeutischer Fertignahrung versorgt.

Trotz all der Schwierigkeiten arbeitet Ärzte ohne Grenzen immer noch in Darfur. Wie sieht die Arbeit in dieser Region aus?

Wir arbeiten eng mit den lokalen Gesundheitsbehörden zusammen, um schnell auf Notfälle wie jüngst in Jebel Amir reagieren zu können. Darüber hinaus betreuen wir aber auch laufende Projekte in der Region, etwa zur Basisgesundheitsversorgung, zur Mutter- und Kindgesundheit oder Impfkampagnen. Wir haben ein Projekt in Dar Zaghawa, ganz im Norden von Norddarfur, ein weiteres in Tawila, westlich der Hauptstadt El Fasher, und ein drittes Projekt in Kagura, einem von Rebellen kontrollierten Gebiet. Im Februar 2013 haben wir eine Impfkampagne mit betreut, bei der 100.000 Menschen gegen Gelbfieber geimpft wurden. Das kommt zur laufenden Gelbfieberimpfkampagne hinzu, in deren Rahmen wir bereits seit Ende des vergangen Jahres 750.000 Menschen geimpft haben.

Letztes Jahr musste Ärzte ohne Grenzen die Aktivitäten in Kaguro einstellen, weil es nicht möglich war, die Versorgung mit Medikamenten und Hilfsgütern zu gewährleisten. Jetzt konnten die Teams die Impfkampagne in der Region durchführen. Heißt das, das Projekt kann fortgeführt werden?

Es ist sehr schwierig, überhaupt Zugang zu diesem Gebiet zu bekommen - nicht nur weil es logistisch schwierig ist, sondern auch, weil wir keine Genehmigung erhalten haben, Mitarbeiter oder Hilfsgüter zu entsenden. Wir hoffen natürlich, unsere Aktivitäten dort fortsetzen zu können, aber es bleibt schwierig, Medikamente oder Mitarbeiter in das Projekt zu bringen. Aber ich glaube, wir sind in den Gesprächen mit den lokalen Autoritäten auf einem guten Weg. Sie scheinen grundsätzlich nicht abgeneigt, es dauert aber ein bisschen. Die jüngste Impfkampagne war dafür natürlich ein wichtiger Schritt nach vorn.

Nach einem Jahrzehnt anhaltender Kämpfe: Welchen humanitären und medizinischen Herausforderungen steht die Bevölkerung in Darfur gegenüber?

Die Menschen brauchen grundsätzlich besseren Zugang zu einer Gesundheitsversorgung - die Entfernung spielt dabei schon eine wichtige Rolle. Außerdem beeinflusst natürlich die schwierige Versorgungslage mit Medikamenten und anderen medizinischen Hilfsgütern unsere Hilfsleistungen ebenso unmittelbar wie die Verzögerungen bei der Ausstellung der Arbeitsgenehmigungen.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1979 im Sudan und hat momentan Projekte in Al-Gedaref, Sennar und den Bundesstaaten Nord-, Süd- und Ostdarfur. In Darfur hat die Organisation zum ersten Mal 1985 gearbeitet, seit 2004 arbeitet Ärzte ohne Grenzen ununterbrochen in der Region.

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