Liberia

Der Junge, der Ebola ein Schnippchen schlug

In Foya im Norden von Liberia betreibt Ärzte ohne Grenzen ein Ebola-Behandlungszentrum mit 100 Betten. Seit dem Beginn der Aktivitäten in Foya wurde 559 PatientInnen aufgenommen, 317 davon waren mit Ebola infiziert. 46 PatientInnen haben sich von der Virus-Erkrankung erholt (Stand 11.9.2014) – einer davon ist der junge Mamadee.

Die PatientInnen im Ebola-Behandlungszentrum von Ärzte ohne Grenzen im liberianischen Foya sitzen auf Holzbänken und Plastiksesseln – rund zwei Drittel der bestätigten Ebola-Fälle hier sterben am Virus. Aus einem Transistor-Radio hört man laut „Azonto“, ein Musikstil, der ursprünglich aus Ghana stammt. Die Menschen sind schwach und liegen in ihren Betten, während das Immunsystem ihres Körpers versucht, das tödliche Virus zu bekämpfen.

Doch es gibt eine Ausnahme: Mamadee. Der elfjährige Junge tanzt zu Azonto, die Menschen schauen ihm zu. Er springt und duckt sich, macht einen Schritt nach links, dann rechts, wieder links, springt, dreht sich um die eigene Achse, schwingt die Hüften und schüttelt seine Arme. Er hört nicht auf, er wird nicht müde.

Er ist kaum zu glauben, doch Mamadee ist ein Patient. Er ist einer der bestätigten Ebola-Fälle.

All seine Kleidung und sämtliche Dinge, die mit den aufgenommenen PatientInnen in das Behandlungszentrum gelangen, müssen verbrannt werden. Mamadee hat ein neues T-Shirt bekommen – es ist so groß, dass er zwei Mal hineinpassen würde. Dazu trägt er graue Pyjama-Hosen und blaue Sandalen, die ihm ebenfalls mindestens drei Nummern zu groß sind.

Doch weder seine Kleidung noch Ebola können diesen jungen Tänzer aufhalten. Manche PatientInnen beneiden ihn, während ihn die medizinischen MitarbeiterInnen lieben. Mamadee ist der Star im Behandlungszentrum in Foya, und seine Geschichte ist mehr als außergewöhnlich.

Als Mamadee am 15. August erstmals im Zentrum aufgenommen wurde, waren die Ergebnisse des Ebola-Tests negativ – er wurde entlassen. Doch als er daraufhin in einem Gästehaus übernachtete, weil sein Dorf Sarkonedu zu weit entfernt liegt, zeigte er erste Symptome. Er wurde tags darauf neu aufgenommen. Er litt unter Übelkeit, Fieber, Muskelschmerzen, starker Müdigkeit, Bauchschmerzen und Durchfall.

„Er war eindeutig ein Ebola-Patient“, sagt Dr. Roberta Petrucci. „Nur seine Gelbsucht ließ uns zweifeln.“ Die ÄrztInnen behandelten ihn mit Multivitaminen, Paracetamol, einer oralen Rehydrierungs-Lösungen, Antibiotika und Anti-Malaria-Tabletten - denn Mamadee war positiv auf Malaria getestet worden.

Am 20. August traf der zweite Ebola-Test ein und war – wie bereits erwartet – positiv. Doch der junge Mamadee fühlte sich inzwischen wieder gut und lief bereits herum.

„Wir konnten es kaum glauben“, so Dr. Petrucci. „Wir dachten, dass es sich um einen Fehler handeln müsse.“ Als das medizinische Team wenige Tage später einen weiteren Test durchführte, war klar, dass es kein Fehler sein konnte: Das Testergebnis von Mamadee war weiterhin positiv.

„Das Labor macht normalerweise keine Fehler. Vor allem nicht zweimal hintereinander beim selben Patienten“, erklärt. Dr. Petrucci. Doch obwohl Mamadee keine Symptome mehr zeigte, bestand die Gefahr, dass er andere theoretisch anstecken könnte. „Wir hatten keine andere Wahl, wir mussten ihn wegen des positiven Testergebnisses im Behandlungszentrum behalten.“

Umgeben von kranken PatientInnen war Mamadee das Unterhaltungsprogramm. Er verbrachte seine Tage damit zu schlafen, zu essen und sich mit anderen PatientInnen zu unterhalten – und zu tanzen. Er konnte jedes Ding in ein Spielzeug verwandeln – ein Stück Papier, eine Getränkedose oder ein Wasserbeutel. Doch ein Behandlungszentrum ist natürlich nicht der Ort, wo ein Kind gerne sein möchte, bald kommt die Langeweile. „Ich möchte gehen“, sagt Mamadee. „Zwei Wochen sind genug. Ich vermisse mein Zuhause, ich vermisse meine Freunde, ich vermisse es sogar, zur Schule zu gehen.”

Mamadee hat sich nie beschwert, er hat nicht nach seinen Laborergebnissen verlangt wie andere PatientInnen. „Die Menschen in den gelben Regenmänteln haben sich gut um mich gekümmert und vielen anderen kranken Patienten geholfen.“

Leider konnte sein Wunsch, nach Hause zu gehen, nicht erfüllt werden – sein dritter Test am 30. August war wieder positiv. „Seine Krankengeschichte ist auffallend, aber nicht außergewönlich. Doch seine Einstellung ist definitiv mehr als außergewöhnlich. Der Junge verbreitet tagtäglich gute Stimmung unter den PatientInnen und MitarbeiterInnen. Er ist immer fröhlich und lächelt. Alle mögen ihn und wir werden alle sehr traurig sein und ihn vermissen, wenn er uns verlässt – obwohl wir ihm alle wünschen, dass er so bald wie möglich von hier entlassen werden kann.“

Das Behandlungszentrum ist kein Spielplatz. Mamadee hat im Bereich der bestätigten Ebola-PatientInnen schreckliche Dinge erlebt. „Dieser Ort ist voll toter Menschen. Ebola ist eine Krankheit, bei der dich zuerst übergeben musst, dann beginnt deine Nase zu bluten und dann stirbst du“, erklärt Mamadee. „Das werde ich meinen Freunden erzählen, sobald ich wieder zu Hause bin.“

Eine Woche später wurde Mayan, die Schwester von Mamadee, im Behandlungszentrum aufgenommen. Das 14-jährige Mädchen starb innerhalb weniger Tage, nur ein Zelt von ihrem Bruder entfernt. Als ihm seine Mutter unter Tränen vom Tod seiner Schwester Mayan erzählt, bleibt er stark und sagt nur: „Weine nicht, Mama.“

Am 4. September trifft Mamadees vierter Test aus dem Labor im benachbarten Gueckedou ein. Er ist negativ, endlich. Mamadee läuft aus dem Behandlungszentrum: „Ich bin heute sehr glücklich“, sagt der junge Überlebende – ohne wirklich zu verstehen, welch tödliches Spiel er gerade gewonnen hat.

Mamadee hat das Virus besiegt, doch Ebola bezwingt viel zu viele andere.

Derzeit arbeiten 41 internationale und 444 nationale MitarbeiterInnen von Ärzte ohne Grenzen in Foya im Norden Liberias. Im Behandlungszentrum mit 100 Betten werden derzeit rund 60 PatientInnen versorgt. Ärzte ohne Grenzen führt auch mehrere Aktivitäten im Umkreis durch, wie Maßnahmen zur Gesundheitsaufklärung der Bevölkerung oder die Verteilung von Informationen über sichere Bestattungen. Auch ein Wagen für Krankentransporte steht zur Verfügung. Im nahegelegenen Voinjama bildet Ärzte ohne Grenzen derzeit MitarbeiterInnen des Gesundheitsministeriums im Krankenhaus aus, um PatientInnen den richtigen Behandlungsbereichen zuordnen zu können.

Fragen & Antworten zum Ebola-Ausbruch in Westafrika & Bericht unseres Mitarbeiters Pierre Trbovic aus Liberia:  „Wenn man Kranke wegschicken muss“

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