Die Hebammen von Mossul

IRAK
23.09.2019
Iraq: maternal health activities in Mosul - June 2019
MSF/Maya Abu Ata
other Testimony: Zeina* “We come from a village called Ein Naser, close to Hammam al-Alil. Our relatives came to this hospital and they told us about the quality of services in this hospital, so we chose to come here. My sister in law delivered in this hospital and she was the one who informed me about it. There were closer hospitals around in Hammam al-Alil, but we chose to come here. We chose to go the distance to get good quality than to go to the closer hospital. This is my first delivery in this hospital. I have four children, three sons and a daughter. It was on 13 May, I remember this date very well. I was having excruciating pains, and arrived in the hospital at 04:00pm. I had a normal delivery that took less than an hour, but my baby was pre-maturely born. He was only 6.5 months, and weighed 800gms. I was very afraid for his health. They told me I should remain in the hospital for a month or two until he is healthy enough for us to be discharged. Yesterday, thank God, they stopped the oxygen intake, they saw a big improvement in his health. I am not in a rush to leave, I just want him to be healthy and safe. My baby stayed an entire month without a name, until the family agreed to one! The doctor and nurses used to come to me and inquire about his name, and I respond ‘I haven’t named him yet’. Finally, three days ago, his uncle picked his name, and his father and I are happy with it. We now have a new member in the family, my family cannot wait to welcome ‘Murtada’ home.” *Name has been changed

Mossul/Wien, am 21.9.2019. Der Kampf um Mossul ist offiziell seit zwei Jahren beendet, der Wiederaufbau des Gesundheitswesens kommt jedoch nur langsam voran. Selbst der Bedarf an medizinischer Grundversorgung kann manchmal nicht gedeckt werden. Besonders problematisch ist diese Situation für Schwangere. Viele sind gezwungen, zuhause zu gebären ohne fachliche Unterstützung. In zwei Einrichtungen in West-Mossul helfen die überwiegend weiblichen Fachkräfte von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) den werdenden Müttern, ihre Babys zur Welt zu bringen – in diesem Jahr sind es bereits über 5.000.

„Hebamme zu sein ist etwas Schönes, denn wir begleiten Frauen durch ihr Leben. Sie erzählen uns ihre Geschichten und teilen ihre traurigen und glücklichen Momente mit uns“, erzählt Intissar. Sie ist Hebamme und arbeitet in Al Rafadain in der kleineren von zwei Geburtskliniken im Westen Mossuls, die von Ärzte ohne Grenzen geleitet werden. Sie gehört zu einem Team, bestehend aus Hebammen und Gynäkologinnen, die Frauen bei regulären vaginalen Entbindungen begleiten. Fälle mit Komplikationen oder Kaiserschnitte werden an die nur zehn Minuten entfernt liegende Nablus-Geburtsklinik überwiesen.

„Auch während des letzten Konflikts habe ich Frauen dabei geholfen, zuhause zu gebären. Manchmal haben mich Verwandte von Frauen aufgesucht und mich gebeten, mich um ihre Ehefrauen, Schwestern und Töchter zu kümmern“, erinnert sich Intissar an die Zeit, bevor es die beiden Kliniken gab. „Obwohl ich selber schwanger war, habe ich damals lange Strecken zu Fuß zurückgelegt, weil ich wusste, dass ich die einzige Hebamme in der Umgebung bin. Die Menschen erfuhren durch Mundpropaganda von mir. Sie ist eine gute Hebamme, die dir helfen kann, haben sie gesagt.“

Babys warten nicht auf das Gesundheitswesen

Mehr als zwei Jahre, nachdem das Ende der Schlacht um Mossul verkündet wurde, ist in den Straßen der Stadt wieder Alltag eingekehrt. Das Gesundheitssystem aber erholt sich nur langsam. Viele hochangesehene Ärztinnen und Ärzte sowie medizinische Fachkräfte sind während der Kämpfe geflohen. Für Mütter und ihre Babys ist es deshalb bis heute schwierig, Zugang zu einer angemessenen Gesundheitsversorgung zu erhalten.

Immer noch sind viele gezwungen, zuhause zu gebären und dabei Hilfe von traditionellen Hebammen in Anspruch zu nehmen, die keine fachliche Qualifikation haben. Sogar Frauen, die bei früheren Geburten Kaiserschnitte hatten und somit einem größeren Risiko für Komplikationen ausgesetzt sind, gebären zuhause. Eine Entbindung begleitet von Fachpersonal kommt für viele nicht infrage. Entweder sind die Kosten zu hoch, der Andrang zu groß oder es gibt keine entsprechende Einrichtung in der Nähe. Aber Babys warten nicht, bis das Gesundheitswesen bereit ist.

5.176 Geburten in acht Monaten

Um die Schwierigkeiten bei der Versorgung Schwangerer und ihrer Babys zu verbessern, hat Ärzte ohne Grenzen im Juli dieses Jahres die Einrichtung in Al Rafadain, in der Intissar arbeitet, eröffnet. Bereits seit 2017 betreibt Ärzte ohne Grenzen darüber hinaus eine Geburtsstation in der Nablus-Klinik, ebenfalls im Westen von Mossul. In beiden Einrichtungen wird eine sichere, qualitativ hochwertige und kostenlose Geburtshilfe sowie Nachsorge angeboten.

Dieses Angebot wird von der örtlichen Bevölkerung gut angenommen. Die Teams aus überwiegend weiblichen Fachkräften helfen pro Woche rund 170 Babys auf die Welt. Zudem versorgen sie erkrankte Neugeborene und frühgeborene Kinder, unterbreiten Angebote zur Familienplanung und führen gynäkologische Routineuntersuchungen durch.

Schwangerschaftsverlauf unbekannt

Dennoch bleibt der Bedarf an einer umfassenden medizinischen Versorgung hoch. „Fast keine Frau, die zu uns kommt, hat während der Schwangerschaft eine angemessene Betreuung erhalten. Somit haben wir keine Ahnung vom Verlauf ihrer Schwangerschaften, wenn sie bei uns erscheinen“, erzählt Emily Wambugu. Auch sie ist Hebamme mit über zwanzig Jahren Berufserfahrung aus Einsätzen auf der ganzen Welt.


Die Frauen nehmen, wenn sie es sich leisten können, oft teure Ultraschalluntersuchungen in Privatkliniken in Anspruch. „Trotzdem bekommen sie keine ordentliche Schwangerschaftsversorgung, nicht einmal notwendige Impfungen oder Vitamine“, erklärt Emily Wambugu. „Die Leistung, die sie in Anspruch nehmen, geht meist nicht über die Bestimmung des Geschlechts des Babys hinaus.“

Unsere Arbeit mit einer Spende unterstützen