Südsudan

„Die Menschen hier brauchen Hilfe, mehr denn je.“

Christine Bimansha, eine kongolesische Ärztin, ist eine der erfahrensten Mitarbeiterinnen von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) im Südsudan. Sie arbeitet derzeit in einem Team von Ärzte ohne Grenzen in der Hauptstadt Juba und leistet an zwei UNO-Stützpunkten (UNMISS), wo 35.000 Menschen nach der Welle der Gewalt Zuflucht gesucht haben, medizinische Hilfe.

„Ich arbeite derzeit in einer mobilen Klinik von Ärzte ohne Grenzen in einem Lager der UNO (UNMISS) in Juba. Es handelt sich um das UN-Lager, in das sehr viele Menschen geflüchtet sind – wahrscheinlich 15.000 Menschen. Weitere 20.000 Menschen halten sich in einem anderen Lager der UNO in der Stadt auf, insgesamt sind es also 35.000 Menschen. Die Lager sind sehr überfüllt – unser Projektkoordinator hat ausgerechnet, dass die Bevölkerungsdichte zehn Mal so hoch ist wie in Mumbai!

Die Lage in Juba ist momentan wieder relativ ruhig: Wir können uns bewegen, obwohl es eine Ausgangssperre gibt. Aber die Menschen von hier – vor allem die Volksgruppe der Nuer – haben Angst, hinauszugehen. Sogar im UNO-Lager gehen vor allem die Männer nicht hinaus. Die Frauen schon, aber nur tagsüber.

Ärzte ohne Grenzen hat im Lager eine Klinik mit einem Triage-Bereich errichtet: In einem Behandlungsraum führen vier MitarbeiterInnen Behandlungen durch, in einem weiteren kleinen Raum mit vier Betten kümmert sich eine Krankenschwester um die Nachbetreuung der PatientInnen. Wir haben etwa 210 bis 220 PatientInnen pro Tag – heute waren es 235. Derzeit haben wir viele Menschen mit Durchfällen und Dehydrierung. Heute hatte fast die Hälfte unserer PatientInnen Durchfall, das ist das Hauptproblem in der Klinik und generell im Lager, da die sanitären Bedingungen schlecht sind.

Die Wasserversorgung und sanitäre Anlagen sind das größte Problem für die Vertriebenen: Sie haben kein Trinkwasser und nicht genügend Latrinen. Das bisschen Nahrung, das sie haben, ist das, was sie von zu Hause mitgenommen haben. Ein paar Nahrungsmittelverteilungen haben begonnen, sie sind jedoch für all die Vertriebenen nicht ausreichend. Jene Menschen, die ein bisschen Geld haben, können noch ein paar Nahrungsmittel kaufen, die anderen sind aber hungrig.

Organisationen, die Wasser für die Vertriebenen zur Verfügung stellen sollten, reden seit fast zwei Wochen darüber, haben jedoch erst vor ein paar Tagen mit dem Bau von Latrinen begonnen. Es gibt ein paar Wasserausgabestellen, aber bis vor ein paar Tagen wurde das Wasser nicht aufbereitet, und es steht nicht genügend Wasser für alle Vertriebenen zur Verfügung. Auch die Qualität ist nicht ausreichend. Wenn die Wasserversorgung und die sanitären Bedingungen im UNMISS-Lager nicht verbessert werden, wird sich die Lage der Menschen hier verschlechtern: Wenn die Menschen kein Wasser haben und zum Beispiel die Cholera ausbricht, dann wird es ein großer Ausbruch, und wir haben ein Riesenproblem. Masern stellen auch eine große Bedrohung dar, ein Ausbruch wäre angesichts des überfüllten Lagers nur schwer zu stoppen.

Einige unserer PatientInnen bleiben mir besonders stark in Erinnerung: Ein Patient war ein Erwachsener mit starkem, wässrigem Durchfall. Er war ein groß gewachsener Mann im Alter von etwa 28 Jahren, der unter einer schweren Dehydrierung litt. Sein Durchfall war sehr stark, es floss nur so auf den Boden, er konnte es weder kontrollieren noch aufstehen. Er schämte sich sehr - er weinte beinahe, weil er es einfach nicht halten konnte. Nach der Behandlung erholte er sich rasch und konnte wieder nach Hause - es war wieder gut. Der andere Fall war ein kleines Mädchen, ungefähr 8-9 Monate alt. Sie war vollkommen lethargisch, fast schon komatös und schwer dehydriert. Aber wir konnten keine Vene für eine Infusion finden, daher überzeugten wir die Mutter, dem Baby eine so genannte ORS-Lösung direkt in den Mund zu geben (Salze zur Rehydrierung, die oral eingenommen werden). Nach ungefähr 30 Minuten öffnete das Kind seine Augen. Die Mutter konnte nicht glauben, dass nur ORS das Leben ihres Kindes retten konnte. Sie war vollkommen erstaunt und ging glücklich weg.

Ich war bereits 2011 im Südsudan, in Pibor, als das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen geplündert und geschlossen wurde. Außerdem arbeite ich immer wieder in verschiedenen Nothilfe-Projekten von Ärzte ohne Grenzen , daher bin ich oft an sehr unsicheren Orten auf Einsatz, wo es keinen Frieden gibt. In diesem Land sieht es derzeit nicht gut aus. Abgesehen von der politischen Gewalt bestehen viele Spannungen zwischen den verschiedenen Volksgruppen. Einige Hilfsorganisationen haben bereits ihre MitarbeiterInnen evakuiert und ihre Programme eingestellt. Bei Ärzte ohne Grenzen haben wir die regulären Teams auf das Nötigste reduziert, aber wir mußten auch einige sehr erfahrene MitarbeiterInnen hierher bringen, die dabei helfen, die Nothilfe zu koordinieren. Die Menschen hier brauchen Hilfe, mehr denn je.“

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