Pakistan

„Die Trinkwassersituation ist wirklich sehr schlimm“

"Normalerweise leben in Dera Murad Jamali etwa 50.000 Personen, aber durch die schweren Überflutungen sind Zehntausende Menschen aus den umliegenden Regionen hierher geflohen. Viele sind sogar aus Gebieten die Hunderte Kilometer entfernt liegen in die Stadt geströmt. Offiziellen Schätzungen zufolge sind etwa 60.000 Menschen nach Dera Murad Jamali gekommen, aber wenn man sich so umsieht, kann man sich vorstellen, dass es in Wahrheit noch viele mehr sind.

"Viele der Tiere verendeten, die Menschen konnten sich nur schwer auf den Beinen halten und die Hitze war unerträglich."

Die meisten Städte und Regionen um Dera Murad Jamali stehen komplett unter Wasser und deren Bewohner sind nun hier in der Stadt. An den ersten Tagen der Überflutungen sind die Menschen in Massen unterwegs gewesen, was schrecklich anzusehen war. Auf den Umgebungsstraßen der Stadt strömten die Menschen alle in dieselbe Richtung. Sie saßen auf Traktoren, Ochsenkarren, Eselskarren, Motorrädern, Tuk Tuks oder gingen zu Fuß, immer bemüht etwas zu finden, mit dem sie sich bedecken und vor der sengenden Sonne schützen konnten. Kinder wurden getragen und die Menschen schleppten alles was sie noch besaßen auf dem Kopf. Viele der Tiere verendeten, die Menschen konnten sich nur schwer auf den Beinen halten und die Hitze war unerträglich. Wir verteilten Plastikplanen und Tausende Hygienekits und Kochutensilien.

Wir behandeln sehr viele Menschen, die an Durchfallerkrankungen leiden. Außerdem unterstützen wir die Geburtshilfe des Krankenhauses in Notfällen. Die Zahl der Frauen, die gynäkologische Untersuchungen brauchen, steigt stetig und die Ärzte arbeiten 24 Stunden pro Tag. Die Frauen kommen mit unterschiedlichsten Beschwerden ihre Schwangerschaft betreffend zu uns, von Fehlstellungen der Plazenta (Placenta praevia) über verschiedene Komplikationen bis hin zu Geburts-Notfällen. Unsere Ärzte arbeiten rund um die Uhr, um all diesen Frauen helfen zu können.

Da sich hier in Dera Murad Jamali derzeit so viele Menschen aufhalten, ist eines der größten Probleme noch immer die Trinkwasserversorgung. Wir können mit der steigenden Zahl der Durchfallerkrankungen gut umgehen und die Menschen behandeln. Aber leider passiert es, dass Menschen so krank sind, dass sie auf dem Weg ins Krankenhaus sterben. Arbeiter fanden auf dem Spitalsgelände Menschen, die starben, bevor sie es rechtzeitig zu uns schafften. Es ist furchtbar, dass wir nicht einmal wissen, wer diese Menschen waren.

Die Trinkwassersituation ist wirklich sehr schlimm. Kanäle und kleine Teiche sind voll mit verunreinigtem Flutwasser und die Menschen trinken es aus schierer Verzweiflung. Wir haben große Behälter, so genannte Wasserblasen, und verteilen ständig sauberes Wasser, aber im Moment reicht das bei weitem nicht aus. Unsere Trinkwasseraufbereitungsanlage wird aber in ein paar Tagen arbeiten und das wird die Situation deutlich verbessern.

Überall gibt es Zelte und behelfsmäßige Unterkünfte, vor allem in Sportstadien, auf dem Gelände von Schulen und Hochschulen. Auf dem Gelände einer Hochschule stehen zum Beispiel 200 Zelte aber keine einzige Latrine. In den nächsten Tagen werden wir mithelfen, 250 Latrinen dort und an anderen Orten zu bauen. In solchen Situationen sind Krankheiten, die durch das Wasser übertragen werden, eine ständige Bedrohung und es ist sehr wichtig, solchen Erkrankungen vorzubeugen.

Aufgrund der Überbelegung, der vielen Menschen, die vor den Fluten fliehen mussten und aufgrund des großen Bedarfs an Hilfe, beginnen die Menschen wütend zu werden. Ich habe schon einige Proteste gesehen, vor allem wenn wir Hilfsgüter verteilen ist die Situation sehr angespannt. Die Menschen erzählen mir, dass sie aufgebracht sind, weil sie noch immer keine Lebensmittel bekommen haben und einige von ihnen haben auch noch immer keine Unterkunft. Ich traf einen Mann, der mit seiner Familie einen Weg von 200 Kilometern zurückgelegt hatte. Sie hatten nichts und wünschten sich sehnlichst Essen und einen Platz an dem sie bleiben konnten. Er war sehr, sehr zornig und ich konnte es ihm nicht vorwerfen. Aber wir tun alles, um Menschen wie ihm zu helfen. Das Team, mit dem ich arbeite ist fantastisch, alle Mitarbeiter sind stark, sie sind enorm engagiert und machen viel mehr als von ihnen verlangt wird.

In den nächsten Wochen werden wir vor allem weiterhin Menschen mit Durchfallerkrankungen behandeln und sicherstellen, dass sauberes Wasser verteilt wird. Das ist eine gewaltige Aufgabe, aber wir machen Fortschritte."

Das könnte Sie auch interessieren

Teilen

Vervielfältigen