Ebola: Impfstoffe und Arzneimittel könnten bei Eindämmung des Ausbruchs helfen

Dr. Bertrand Draguez ist medizinischer Leiter der belgischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen und momentan im Rahmen der Eindämmung der Ebola-Epidemie in Westafrika tätig. Im folgenden Interview erklärt er die Wichtigkeit der Entwicklung von Arzneimitteln und Impfstoffen gegen Ebola, in welcher Form die Wirkstoffe bei der Eindämmung der Epidemie helfen könnten und warum Ärzte ohne Grenzen außergewöhnliche Maßnahmen ergreift, um klinische Tests potentieller Behandlungsmethoden zu ermöglichen.

Was unternimmt Ärzte ohne Grenzen derzeit im Bereich experimenteller Arzneimittel und Impfstoffe?

Wir sind derzeit einer der Hauptanbieter von Ebola-Behandlungsmöglichkeiten in Westafrika. Ärzte ohne Grenzen hat sich daher dazu entschlossen, eine aktive Rolle bei der Durchführung klinischer Tests für experimentelle Arzneimittel einzunehmen. Wir können zum Prozess einiges beitragen, da wir Zugang zu einer großen Anzahl von PatientInnen haben, die experimentelle Arzneimittel in Anspruch nehmen könnten. Ärzte ohne Grenzen wird eng mit anderen Organisationen, Forschungsteams, Unternehmen, den Gesundheitsministerien der betroffenen Länder und der WHO zusammenarbeiten, um beschleunigte klinische Tests für ein paar der neuen Ebola-Arzneimittel in bestehenden Behandlungszentren zu ermöglichen.

Derzeit werden experimentelle Wirkstoffe ausgewählt und Verfahren für klinische Tests entwickelt, um Störungen in der regulären Betreuung der PatientInnen so gering wie möglich zu halten. Auch muss sichergestellt werden, dass medizinische und wissenschaftliche ethische Grundsätze eingehalten und einwandfreie wissenschaftliche Daten generiert werden. Im Normallfall beteiligt sich Ärzte ohne Grenzen nicht an der Erforschung und klinischen Tests neuer Medikamente, aber angesichts dieses massiven Ausbruchs greifen wir zu neuen Maßnahmen.

In Bezug auf potentielle Impfstoffe ist Ärzte ohne Grenzen derzeit nicht in klinische Tests involviert, da solche Erprobungen an der gesunden Bevölkerung außerhalb der Behandlungseinrichtungen durchgeführt werden würden.

Ärzte ohne Grenzen unterstützt jegliche Anstrengungen, sowohl die Entwicklung von Impfstoffen als auch von Arzneimitteln gegen Ebola zu beschleunigen, solange sie aus humanitären Gründen stattfinden. Wir setzen uns auch dafür ein, dass Unternehmen die Produktion dieser Mittel so rasch wie möglich aufstocken.

Welche Impfstoffe und Arzneimittel stehen derzeit im Fokus?

Es gibt derzeit zwei vielversprechende Kandidaten unter den Impfstoffen: Einer wurde von GlaxoSmithKline (GSK) entwickelt sowie ein zweiter durch die „Public Health Agency of Canada in Winnipeg“. Es befinden sich jedoch auch noch weitere Impfstoffe in Entwicklung, und auch diese sollten so rasch wie möglich durch den Prozess geschleust werden.

Es gibt auch eine Handvoll experimenteller Arzneimittel, die erfolgversprechend sein könnten, allerdings noch nicht in punkto Sicherheit und Wirksamkeit an Menschen getestet wurden. Die WHO hat einige dieser Arzneimittel ausgewählt und auf eine Vorauswahl-Liste gesetzt. Wie bereits erwähnt wird eine gewisse Anzahl dieser Stoffe ausgewählt und in klinischen Tests untersucht werden. Es handelt sich um verschiedene Typen – monoklonale Antikörper, wachstumshemmende RNA und antivirale Wirkstoffe.

Was halten Sie von der Verwendung von Blut bzw. Plasma genesener PatientInnen für die Entwicklung eines potentiellen Wirkstoffes gegen Ebola?

Das Blut oder Plasma von genesenen Ebola-Überlebenden beinhaltet neutralisierende Antikörper, die bei der Bekämpfung des Virus wirksam sein könnten, wenn man sie Ebola-PatientInnen mittels Infusion verabreicht. Diese Methode finden manche aus mehreren Gründen als besonders verlockend: Einerseits könnte sie potentiell recht rasch evaluiert und eingesetzt werden. Andererseits können Transfusionen  in großem Maßstab eingesetzt werden, so die entsprechenden Ressourcen wie Personal, Einrichtungen und Material verfügbar sind – wobei das in Gebieten wie Westafrika eine Herausforderung darstellen kann. Aber momentan ist noch nicht klar, wie wirksam diese Methode ist. Eine mögliche Therapie mit Plasma von genesenen PatientInnen muss jedoch auf jeden Fall untersucht werden, auch wenn sie den dringenden Bedarf anderer geeigneter und wirksamer Arzneimittel und Impfstoffe gegen Ebola nicht ersetzt.

Wie würde der klinische Test eines experimentellen Arzneimittels funktionieren? Wie wäre der Prozess gestaltet?

Für die Durchführung klinischer Wirksamkeitsstudien experimenteller Arzneimittel in den betroffenen Ländern könnten verschiedene Prozesse angewendet werden. Der Schlüssel liegt darin, dass sie schnell zuverlässige Daten über die Wirksamkeit liefern und gleichzeitig die Sicherheit der PatientInnen gewährleisten – und dass diejenigen mit dem größten Bedarf Zugang zum Produkt haben und es unter Beobachtung verwenden können. Bei den Tests dürfen keine Placebos eingesetzt werden: Exponierte und gefährdete Menschen in Regionen, die von Ebola betroffen sind und nur wenige Ressourcen haben, sollten nicht dazu gebracht werden zu glauben, dass sie behandelt oder geschützt werden, wenn das nicht den Tatsachen entspricht.

In welchem Status befinden sich derzeit die klinischen Tests experimenteller Wirkstoffe? Wann wird einer davon für die Behandlung von Menschen zur Verfügung stehen?

Ein paar experimentelle Arzneimittel sind nun für den klinischen Test am Menschen bereit, doch es müssen noch einige Hürden bewältigt werden, bevor sie in großem Maßstab eingesetzt werden können.

Erstens müssen sich diese Arzneimittel im klinischen Test am Menschen als wirksam und sicher erweisen. Untersuchungen der Wirksamkeit sollten innerhalb der betroffenen Länder in bestehenden Ebola-Behandlungszentren durchgeführt werden. Das könnte allerdings eine Herausforderung darstellen, da gleichzeitig gewährleistet sein muss, dass die reguläre Behandlung von PatientInnen nicht gefährdet wird und der Einsatz und die Untersuchung der experimentellen Wirkstoffe den PatientInnen keinen Schaden zufügen.

Zweitens müssen diese Arzneimittel in ausreichender Menge verfügbar sein, damit sie allen PatientInnen, die Bedarf daran haben, verabreicht werden können. Wenn das nicht möglich ist, werden die zuständigen Gesundheitsministerien äußerst schwierige Entscheidungen zur Rationierung der Stoffe treffen müssen.

Es bleibt also noch immer ein gutes Stück des Weges zu gehen – doch es gibt einige Mittel, mit denen diese Prozesse beschleunigt werden können. Die klinischen Tests sollten so rasch wie möglich durchgeführt werden; durch die Überlappung verschiedener Testphasen und die Sicherstellung eines nahtlosen Überganges zwischen den Phasen und der Aufstockung der Produktion, nachdem Sicherheit und Wirksamkeit bewiesen wurden.

Wann wird man frühestens mit einem Impfstoff rechnen können? Wir rasch könnte ein solcher Impfstoff in großem Umfang in den betroffenen Gebieten eingesetzt werden?

Zwei Impfstoffe sind nun bereit für klinische Studien am Menschen und könnten theoretisch für Menschen in den betroffenen Ländern eingesetzt werden, sobald Sicherheit und Wirksamkeit erwiesen sind. Doch in der Praxis hängt dieser Zeitpunkt davon ab, welche Maßnahmen jetzt getroffen werden.  Wenn die Massenproduktion eines Impfstoffes erst beginnt, nachdem die Ergebnisse der Wirksamkeitsstudie vorliegen, können Monate vergehen, bevor dieses Produkt in ausreichend großen Mengen verfügbar ist. Aus der Sicht von Ärzte ohne Grenzen sollte die Produktion daher schon vor dem Endergebnis der Wirksamkeitsuntersuchung gestartet werden, damit die Menschen, die dem Risiko einer Ansteckung ausgesetzt sind, den Impfstoff erhalten und davon profitieren können, sobald Wirksamkeit und Sicherheit erwiesen wurde.

Natürlich stellt ein solcher Schritt ein potentielles Risiko für die Entwickler dar, denn sie müssen unter Umständen das Produkt am Ende verwerfen. Aber sie müssen das Risiko eingehen, große Mengen herzustellen, bevor die Wirksamkeit bestätigt ist. Akteure wie einzelne Staaten und die WHO müssen eine Lösung dafür finden, das Risiko abzudecken, falls sich das Produkt in den klinischen Studien nicht als sicher und wirksam erweist.

Wie wichtig sind Impfstoffe und Arzneimittel bei der Eindämmung dieser Epidemie?

Was bei dieser Epidemie derzeit am dringendsten benötigt wird, sind mehr Betten für kranke Menschen, mehr Personal zur Behandlung dieser Menschen, größere Anstrengungen zur Nachverfolgung der Kontakte von PatientInnen und mehr Aufklärungsarbeit zu Verringerung der Verbreitung dieser Krankheit in den betroffenen Ländern. In Kombination mit diesen Maßnahmen könnte die Impfung von Gesundheitspersonal an vorderster Front – die zu den gefährdetsten Personen zählen – und Massenimpfaktionen für große Mengen an Menschen in betroffenen und gefährdeten Ländern einen riesigen Unterschied bei der Eindämmung dieses Ausbruchs machen.

Was wir in Westafrika erleben ist ein Katastrophenszenario, und alle Beteiligten – Pharmakonzerne genauso wie Staaten – sollten alles in ihrer Macht stehende unternehmen, um die Reaktion darauf zu beschleunigen.

Mehr erfahren:  Fragen und Antworten zum Ebola-Ausbruch in Westafrika 2014

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