Guinea

Ebola: “Wir müssen diese Aufgabe zu Ende bringen.”

Vor mehr als 16 Monaten, im März 2014, begann der Hilfseinsatz von Ärzte ohne Grenzen im Kampf gegen die größte bisher bekannte Ebola-Epidemie. Auch wenn im Rahmen der Aktivitäten zur Eindämmung das Virus Erfolge erzielt werden konnten, herrscht Ebola weiterhin hartnäckig in Guinea, Sierra Leone und Liberia. Bisher haben sich 27.678 Menschen infiziert, 11.276 Todesopfer sind zu beklagen. Im Laufe der vergangenen acht Wochen hat sich die Zahl der Fälle in Westafrika auf rund 30 Neuinfektionen pro Woche eingependelt. Doch diese Zahl würde unter normalen Umständen bereits als Katastrophe gelten.

„Es gab so viele Rufe nach Veränderung. Doch jeder ist darauf fokussiert, wie Maßnahmen zur Eindämmung zukünftiger Ausbrüche verbessert werden können. Dabei ist mit wöchentlich neuen Ebola-Fällen in der Region der aktuelle Ausbruch noch immer nicht unter Kontrolle“, so Dr. Joane Liu, internationale Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen. „Angesichts dieser Epidemie hat sich die globale Reaktion mehrmals gewandelt – von anfänglicher Gleichgültigkeit über Angst bis zu Hilfsmaßnahmen und der aktuellen Ermüdung. Doch wir müssen diese Aufgabe zu Ende bringen.“

Guinea: 12 bis 18 neue Fälle pro Woche

In Guinea bestehen weiterhin aktive Übertragungsketten des Virus in Conakry, Boké und Forecariah. „Wir haben hier immer noch wöchentlich rund zwölf bis 18 neue Fälle“, so Anna Halford, Nothilfekoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Guinea. „Ebola-Fälle bleiben weiterhin zu lange unentdeckt: In den vergangenen drei Wochen wurde ein Viertel der positiven Fälle erst nach dem Tod der Betroffenen in den Gemeinden identifiziert.“

In Conakry ist Ärzte ohne Grenzen von seinem früheren Ebola-Behandlungszentrum in Donka in eine neue Einrichtung in Nongo übersiedelt. Die Teams sind weiterhin im Rahmen so genannter „Outreach“-Aktivitäten in der ganzen Stadt unterwegs, um die Bevölkerung aufzuklären und gegen Gerüchte, Angst und Ermüdung angesichts der Epidemie vorzugehen. „Wir sehen, dass mittlerweile alle erschöpft sind. Die Behörden sind erschöpft – sie arbeiten seit dem Ausbruch ohne Unterlass und wollen einfach nur, dass die Epidemie zu Ende geht. Die Bevölkerung von Guinea ist erschöpft nach all der Unsicherheit und Angst“, erklärt Halford. „Nach mehr als einem Jahr unseres Ebola-Einsatzes sind wir ebenfalls erschöpft. Doch der Ausbruch ist noch nicht vorbei, und wir können erst aufhören, wenn es keine neuen Fälle mehr gibt.“

In der Einrichtung von Ärzte ohne Grenzen in Nongo haben Patienten und Patientinnen die Möglichkeit, sich mit Plasma von Ebola-Überlebenden behandeln zu lassen. Ein entsprechender Versuch mit 101 teilnehmenden Personen zeigte im Laufe der vergangenen Monate keine negativen Auswirkungen auf deren Gesundheitszustand. Die Ergebnisse der Wirksamkeitsstudie zur Verabreichung von Plasma sind noch nicht öffentlich verfügbar, sie sollten jedoch hoffentlich innerhalb der nächsten Wochen von den Forschungsteams veröffentlicht werden.

Am 3. Juli eröffnete Ärzte ohne Grenzen ein Ebola-Behandlungszentrum in Boké, nachdem es dort kürzlich zu einem Ausbruch gekommen war. Die Häufung der Fälle ist in dieser Region besonders besorgniserregend, da die Gefahr einer weiteren geografischen Verbreitung in das benachbarte Guinea-Bissau besteht.

In Guinea-Bissau hilft Ärzte ohne Grenzen bei den Vorbereitungen auf einen potentiell auftretenden Ebola-Fall: Gesundheitspersonal wird entsprechend trainiert und die nötige Ausrüstung für den Umgang mit Erkrankten steht zur Verfügung.

Sierra Leone: Hotspots flammen immer wieder auf

Die Anzahl der Ebola-Fälle schwankt in Sierra Leone weiterhin. Vergangene Woche wurden 14 Fälle registriert; weiterhin bestehen Hotspots im „Western Area“ der Hauptstadt Freetown sowie in Port Loko und in Bezirken in Kambia.

In Freetown ist das Virus kürzlich wieder aufgeflackert: In der Vorwoche wurden im Western Area zehn bestätigte Fälle registriert – die höchste Anzahl innerhalb einer Woche seit März. Ärzte ohne Grenzen betreibt in Hastings ein Ebola-Behandlungszentrum speziell für Schwangere, wo infizierte Frauen spezialisierte geburtshilfliche Betreuung erhielten. Doch da die anderen Behandlungszentren der Stadt an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, nimmt die Einrichtung in Hastings nun auch Verdachtsfälle und bestätigte Fälle auf, bei denen keine Schwangerschaft vorliegt. Momentan werden sechs Patienten und Patientinnen stationär betreut.

Außerdem konzentrieren sich die Teams von Ärzte ohne Grenzen in Freetown momentan auf „Outreach"-Aktivitäten zur Gesundheitsaufklärung. Auch werden in Zusammenarbeit mit dem Ebola-Komitee des Bezirks Überwachungsmaßnahmen durchgeführt, darunter die Betreuung neuer Fälle sowie die Nachverfolgung von Kontakten Infizierter innerhalb der 21-tägigen Inkubationszeit.

„Es ist essentiell, dass jeder Verdachtsfall in einer strukturierten Art und Weise nachverfolgt wird. Dazu zählt auch die genaue Analyse des Falles sowie die Identifikation und Nachverfolgung jeglicher Kontakte in einem Zeitraum von 21 Tagen“, so Jose Hulsenbek, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen in Sierra Leone. „Im Rahmen dieses Prozesses ist die Zusammenarbeit mit den Gemeinden der Schlüssel zum Erfolg, um die Übertragung dieser Krankheit zu stoppen.“

Im Bezirk Bo betreibt Ärzte ohne Grenzen weiterhin ein Ebola-Behandlungszentrum, das damit den Südosten des Landes abdeckt. Auch wenn innerhalb der vergangenen Monate keine positiven Fälle mehr registriert wurden, kommen wöchentlich neue Ebola-Verdachtsfälle in das Zentrum – ein Zeichen für den anhaltenden Bedarf an genauer Überwachung. Das Einsatzteam vor Ort führt auch Besuche in benachbarten Bezirken durch, um die dortigen Maßnahmen zur Beobachtung zu überprüfen.

Das Ebola-Behandlungszentrum von Ärzte ohne Grenzen in Magburaka wurde geschlossen, nachdem während der vergangenen zwei Monate keine neuen Patienten und Patientinnen mehr kamen. Trotzdem bleibt weiterhin ein kleines Team vor Ort. Es kümmert sich momentan um den Aufbau einer Gesundheitsklinik, um medizinische Versorgung für Ebola-Überlebende anbieten zu können.

„Die Anstrengungen zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung in Sierra Leone werden auch mit dem Ende dieser Epidemie nicht aufhören“, so Hulsenbek. „Auch vor Ebola litten die Menschen in diesem Land unter dem stark eingeschränkten Zugang zu lebensrettender medizinischer Hilfe, da es an qualifizierten Fachkräften mangelt. Nachdem 220 Gesundheitsfachkräfte Ebola zum Opfer fielen besteht weiterhin massiver Bedarf – nicht nur an Finanzmitteln und fixen Zusagen, sondern auch an ausgebildetem medizinischen Personal im ganzen Land.“

Liberia: Nach dem Ende der Epidemie nun wieder neue Fälle

Liberia wurde am 9. Mai offiziell für Ebola-frei erklärt, nachdem 42 Tage lang keine neuen Infektionen registriert worden waren. Leider sind nun wieder neue Fälle aufgetreten: „Auch wenn diese Tatsache sehr enttäuschend ist, kommt das Wiederaufflammen von Ebola in Liberia nicht unerwartet“, so Carissa Guild, medizinische Leiterin der Hilfsprogramme von Ärzte ohne Grenzen in Liberia. „Das Risiko neuer Krankheitsfälle besteht, solange das Virus in der Region präsent ist.“

Das Virus wurde bei einem verstorbenen 17-Jährigen am Rande der Hauptstadt Monrovia festgestellt. Seitdem hat sich die Krankheit auf fünf weitere Menschen übertragen. „Diese neuen Fälle zeigen, dass weiterhin in der Region Wachsamkeit enorm wichtig ist – auch in Gebieten, die bereits als Ebola-frei erklärt wurden. Wir können uns nicht zurücklehnen, bis Ebola in allen drei Ländern ausgelöscht wurde“, unterstreicht Guild.

Momentan ist Ärzte ohne Grenzen nicht an der Betreuung Erkrankter oder der Untersuchung neuer Fälle involviert. Doch die Teams sind bereit, das Gesundheitsministerium bei Bedarf zu unterstützen. Momentan betreibt Ärzte ohne Grenzen in Monrovia ein Kinderkrankenhaus mit 69 Betten, um das sekundäre Gesundheitssystem wieder aufzubauen. Denn die öffentliche Gesundheitsversorgung wurde so wie jenes in Guinea und Sierra Leone nach dem Tod hunderter Gesundheitsfachkräfte massiv geschwächt. Auf dem Gelände des Spitals betreibt Ärzte ohne Grenzen auch eine Klinik speziell für Ebola-Überlebende. Denn diese Menschen leiden unter verschiedenen gesundheitlichen Problemen, nachdem sie das Virus besiegt haben.

„Diese Epidemie von hunderten Fällen auf rund 30 Fälle pro Woche einzudämmen hat einen enormen Aufwand an Zeit und Ressourcen verlangt. Doch von 30 Fällen auf Null zu kommen, bedarf extremer Sorgfalt und ist die schwierigste Aufgabe von allen“, so Dr. Liu, internationale Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen. „Niemand war auf das Ausmaß dieses Ausbruchs vorbereitet, dem größten in der Geschichte der Menschheit. Auch konnte niemand damit rechnen, wie lange diese Epidemie anhält. Doch wir dürfen jetzt nicht unseren Fokus verlieren und müssen weiterhin alle Anstrengungen unternehmen, bis die gesamte Region als Ebola-frei erklärt werden kann.“

Ärzte ohne Grenzen beschäftigt momentan 92 internationale und 1.760 einheimische Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Guinea, Liberia und Sierra Leone. Seit März 2014 wurden 9.626 Menschen betreut, darunter 5.149 bestätigte Ebola-Kranke.

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Umaru (20) konnte unser Ebola-Behandlungszentrum in Freetown verlassen – er hat das Virus erfolgreich besiegt. Seitdem erhält er in unserer Klinik für Überlebende medizinische und psychologische Betreuung. Seine Erlebnisse mit der Erkrankung hat er künstlerisch verarbeitet - seine Zeichnungen helfen nun auch anderen.

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