Zentralafrikanische Republik

Extreme Gewalt zwingt Tausende, sich zu verstecken

Zuerst erschienen in theguardian.com , am 17. Oktober 2013

Die Zentralafrikanische Republik läuft Gefahr, der jüngste gescheiterte Staat zu werden: Die zunehmend religiös motivierte Gewalt in dem Land löst eine neue humanitäre Krise aus. Arjan Hehenkamp, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in Amsterdam, ist vor Kurzem aus dem Land zurückgekehrt. Er schickt diesen erschütternden Bericht:

Ich kehre gerade aus Bossangoa zurück, einer Stadt mit 45.000 Einwohnern, 330 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Bangui gelegen. Aus der Luft erwecken die Metalldächer und breitflächigen Wohnanlagen der Stadt den Anschein eines wohlhabenden und belebten regionalen Zentrums. Doch wer nach Menschen sucht, der stellt schnell fest: Es ist niemand da - alle Häuser stehen leer. Die meisten Bewohner haben sich rund um eine Kirche versammelt, auf einem Gelände, das so groß ist, wie neun Fußballfelder. Knapp 30.000 Menschen suchen dort Zuflucht. Sie leben eingesperrt durch ihre Angst. Seit dem Militärcoup im März 2013 ist die Zentralafrikanische Republik der Gewalt verfallen und zunehmend wird Religion Teil des Konflikts. Im Grunde ist es so: Jeder Einzelne hat Angst vor jedem anderen.

Zehntausende leben in einem Freiluftgefängnis

Das Kirchengelände ist wie ein Freiluftgefängnis. Die Menschen trauen sich nicht einmal, es zum Holzsammeln zu verlassen - dabei brauchen sie Holz zum Kochen. Sie trauen sich nicht, den geschützten Bereich der Kirche zu verlassen und in ihre Häuser zurückzukehren, auch wenn sie dort ein Dach über dem Kopf und angemessene Sanitäranlagen hätten. Dabei sind einige Häuser nur wenige hundert Meter entfernt.

Wer das Kirchengelände betritt, befindet sich inmitten einer wimmelnden Menschenmenge und muss sich einen Weg durch die vielen Familien bahnen, die hier ihre Lager aufgeschlagen haben. Sie leben, sie kochen, sie verrichten ihre Notdurft: alles auf dem einem Gelände - und das bereits seit drei Wochen. Vor Kurzem haben die Menschen Planen für behelfsmäßige Unterkünfte erhalten, aber weitgehend wohnen sie im Freien, inmitten von Schlamm und Abfall.

Es drohen Krankheitsausbrüche

Die medizinischen Teams von Ärzte ohne Grenzen sind auf dem Gelände im Einsatz. Sie haben Wasserstellen und Sanitäranlagen errichtet und tun alles in ihrer Macht Stehende, um die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen, einschließlich medizinischer Hilfe. Aber die Situation ist so nicht haltbar - 30.000 Menschen können so nicht angemessen versorgt werden. Die Gefahr von Krankheitsausbrüchen ist groß.

Weitere 1.000 bis 1.500 Menschen, ebenfalls mehrheitlich Christen, suchen um das Krankenhaus herum Schutz. Sie haben ein wenig mehr Platz, aber im Grunde besteht dort das gleiche Problem. Und in einer Schule suchen rund 500 Muslime Zuflucht. Dass die Menschen in nach Religionszugehörigkeit getrennten Ansammlungen Schutz suchen, zeugt davon, dass religiöse Spannungen zunehmend Teil des Konflikts werden.

Mehr Hilfe ist dringend nötig

Internationale und nationale Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen sind auf dem Kirchengelände und in dem Krankenhaus von Bossangoa im Einsatz. In dem Krankenhaus leisten sie ambulante und stationäre Behandlungen sowie chirurgische Hilfe. Das Krankenhaus funktioniert soweit gut, aber die Aktivitäten müssen ausgeweitet werden, um angemessen auf die Zahl der Patienten und die Art ihrer Verletzungen zu reagieren. Viele haben schlimme Wunden, die schwer zu behandeln sind.

Ein Patient hatte zum Beispiel vier Schusswunden im Rücken, zudem war sein Kopf durch eine Machete zum Teil abgetrennt worden. Unser Chirurg hat vergeblich versucht, ihn zu nähen - der Patient ist leider gestorben. Ein anderer Patient war ein Junge aus einem Dorf außerhalb von Bossangoa: Seine Arme wiesen schwere Schnittwunden auf, er hatte sie bei einem Angriff hochgehalten, um sich zu schützen.

Bewaffnete Gruppen töten und massakrieren

Dies ist das Ausmaß der Brutalität und der Gewalt, unter dem die Menschen leiden. Dabei sehen wir wahrscheinlich nur einen Teil davon. Wir wissen, dass außerhalb von Bossangoa bewaffnete Truppen und lokale Verteidigungsgruppen aktiv sind. Sie suchen die Menschen auf und töten und massakrieren sie gezielt. Unsere Teams haben Schauplätze von Hinrichtungen gesehen; einige wurden selbst Augenzeugen von Tötungen.

Die Dörfer entlang der Straße von Bossangoa nach Bangui sind ebenfalls menschenleer. Auf einer Strecke von 120 Kilometern ist niemand zu sehen - rund 100.000 Menschen sind geflüchtet und verstecken sich im Busch. Wir können diese Menschen nicht erreichen, und sie können unsere Hilfsangebote nicht erreichen. Aus humanitären und medizinischen Gründen sind wir sehr um sie besorgt. Bereits vor der aktuellen Krise herrschte eine chronische humanitäre Notlage in der Zentralafrikanischen Republik. Doch im Vergleich zum vergangenen Jahr hat sich die Krise dramatisch zugespitzt. Der Staat existiert nun gar nicht mehr, die Kapazität der humanitären Akteure hat sich halbiert.

Die Vereinten Nationen müssen aktiv werden

Internationale Nothilfe-Organisationen müssen dringend außerhalb der Hauptstadt aktiv werden. Insbesondere müssen die Vereinten Nationen dabei eine führende Rolle einnehmen. Die Anwesenheit internationaler Akteure schützt die Menschen ein Stück weit. Ich bin sicher: Wenn Ärzte ohne Grenzen nicht in Bossangoa gewesen wäre, wäre das Ausmaß der Gewalt und Tötungen noch viel schlimmer gewesen.

Seit der bewaffneten Machtübernahme im März gehen die Konflikte in der Zentralafrikanischen Republik nicht zurück. Es gibt brutale Vergeltungsschläge auf allen Seiten. Abseits der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit hält die Gewalt an - sie ist heute nur gezielter.

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