Italien

Fragen und Antworten zum Einsatz von Ärzte ohne Grenzen im Mittelmeer

Im Mai 2015 hat Ärzte ohne Grenzen einen Such- und Rettungseinsatz gestartet, um den tausenden Menschen zu helfen, die auch diesen Sommer wieder auf dem Weg über das Mittelmeer nach Europa ihr Leben riskieren. Bis Ende Dezember war Ärzte ohne Grenzen mit mehreren Rettungsschiffen zwischen Afrika und Europa unterwegs. Hier gibt es Antworten auf die häufigsten Fragen rund um diesen Einsatz.

Warum hat Ärzte ohne Grenzen die Hilfsprojekte auf dem Mittelmeer begonnen?

Als humanitäre Organisation kann Ärzte ohne Grenzen angesichts der Situation im Mittelmeer die Augen nicht verschließen. Ärzte ohne Grenzen beteiligt sich aktiv an der Such- und Rettungsmission, weil die Organisation nicht zuschauen kann, wie Menschen auf der Flucht ertrinken. Die EU und Italien haben im vergangenen Jahr die großangelegte Such- und Rettungsmission „Mare Nostrum“ eingestellt und damit hat Ärzte ohne Grenzen keine andere Wahl als zu handeln.

Die Menschen, die sich auf die Reise über das Mittelmeer machen, fliehen vor einigen der furchtbarsten humanitären Krisen unserer Zeit. Sie nehmen große Risiken auf sich und viele sterben im Meer. Das ist tragisch und völlig inakzeptabel. Die Zahlen der bei ihrer Flucht im Mittelmeer ertrunkenen oder als vermisst gemeldeten Personen zeigen in der ersten Jahreshälfte einen historischen Höchststand. Ärzte ohne Grenzen weiß, dass der Hilfseinsatz der Organisation allein nicht ausreicht. Aber sie hat die Möglichkeit zu helfen und wird alles tun, um Leben zu retten. Seit Beginn des Einsatzes konnte Ärzte ohne Grenzen so im Mittelmeer dazu beitragen, innerhalb von 100 Tagen mehr als 11.000 Menschen vor dem Ertrinken zu retten.

Warum fliehen die Menschen über das Mittelmeer?

Ärzte ohne Grenzen unterstützt Menschen, die über das Mittelmeer nach Europa geflohen sind, seit dem Jahr 2002. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Organisation sehen schon seit langem die Folgen von Konflikten, Hunger und Krankheiten in Afrika, Asien und dem Mittleren Osten. Die Tatsache, dass so viele Menschen wie noch nie versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen und dabei sterben, ist zum einen das Resultat starker „Push-Faktoren“. Diese sind die Kriege in Syrien und Somalia, die insgesamt mehr als 51 Millionen Menschen weltweit gezwungen haben, ihre Heimat zu verlassen. Zum anderen ist es aber auch eine direkte Folge einer immer restriktiver werdenden Migrationspolitik.

Die Schließung der europäischen Grenzen und das fast vollständige Fehlen sicherer und legaler Wege, Asyl zu beantragen oder nach Europa zu migrieren, zwingt Tausende Menschen, ihr Leben an Bord undichter Boote zu riskieren. Während im Jahr 2014 noch 218.000 Menschen über den Seeweg nach Europa kamen, waren es in diesem Jahr bereits 264.500 Menschen. Dabei erreichten 158.456 Bootsflüchtlinge Griechenland; 104.000 Italien.

Wie viele Menschen sind bisher im Mittelmeer ums Leben gekommen?

Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) haben seit dem Jahr 2000 mehr als 22.000 Menschen ihr Leben bei dem Versuch verloren, Europa zu erreichen. Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) geht davon aus, dass im vergangenen Jahr mindestens 3.400 Männer, Frauen und Kinder im Mittelmeer gestorben sind – und das, obwohl im Jahr 2014 das Programm „Mare Nostrum“ noch aktiv war. Dies zeigt, dass die Such- und Rettungseinsätze keine langfristige Lösung sind. Diese können nur durch die Schaffung tatsächlicher humanitärer Alternativen zur Bootsmigration geboten werden. Dieses Jahr sind bereits 1.900 Menschen im Mittelmeer gestorben.

Warum hat Ärzte ohne Grenzen kein Boot in der Ägäis?

Viele Menschen, vor allem syrische Flüchtlinge, überqueren das Meer zwischen der Türkei und Griechenland, da es auch dort keine Möglichkeit gibt, Europa auf dem Landweg zu erreichen. Ärzte ohne Grenzen hat sich entschieden, im Mittelmeer zu arbeiten, da dort die Hilfe am dringendsten nötig ist. Ärzte ohne Grenzen beobachtet jedoch die Situation in Griechenland sehr genau und stellt Ankommenden auf den Dodekanes-Inseln Hilfe zur Verfügung.

Aus welchen Ländern kommen die Flüchtenden in den Booten?

Bisher hat Ärzte ohne Grenzen mit dem Rettungsschiff „MY Phoenix“ vor allem Menschen aus Eritrea, Syrien und Somalia gerettet, aber auch einige wenige aus der Sub-Sahara-Afrika Region, unter anderem  aus Nigeria und Gambia.

Auch in diesem Jahr kamen nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) die meisten Bootsflüchtlinge aus Syrien (34 Prozent) und Eritrea (12 Prozent). Weitere Geflüchtete kamen aus den besetzten palästinensischen Gebieten, Sub-Sahara-Afrika und Bangladesch. In diesem Jahr waren auf den Dodekanes-Inseln in Griechenland 80 Prozent der Ankommenden Syrer und Syrerinnen, während auf Sizilien in diesem Jahr weniger syrische Flüchtlinge ankommen und die meisten Geflüchteten dort aus Sub-Sahara-Afrika, aus Nigeria, Gambia, Mali sowie dem Horn von Afrika, aus Eritrea, Somalia und Äthiopien kommen. Unter den Geflüchteten sind viele Familien mit kleinen Kindern. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen auf Sizilien haben noch nie so viele Frauen und Kinder auf den Booten gesehen, wie in diesem Jahr.

Die verfügbaren Daten lassen vermuten, dass es sich vor allem um Asylsuchende aus Konfliktländern in Sub-Sahara-Afrika und im Nahen Osten handelt. Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Menschen mit ihrer Flucht große Risiken auf sich nehmen und dass sie sich häufig zur Flucht entscheiden, weil die Lebensumstände in ihren Heimatländern extrem schwierig sind.

Wie arbeitet Ärzte ohne Grenzen mit den italienischen Behörden zusammen? Wie wird entschieden, wer gerettet wird? Wohin werden die Menschen gebracht, die gerettet wurden?

Ärzte ohne Grenzen arbeiten auf den Booten in enger Abstimmung mit dem italienischen Maritime Rescue Coordination Center (MRCC). An Bord bekommt die Organisation Notrufe vom MRCC übermittelt, die die Lage des Schiffes und die Situation der Menschen an Bord beinhalten und mitteilen, in welcher Form Hilfe nötig ist. Nach den Bestimmungen des Seerechts geleitet das MRCC Ärzte ohne Grenzen auch durch die Rettung. Nach einer abgeschlossenen Rettung weist das MRCC an, die Geretteten entweder an ein anderes Boot zu übergeben (Italienische Küstenwache, Militär, kommerzielle Schiffe etc.), welches sie dann nach Italien bringt, oder Ärzte ohne Grenzen soll die Geretteten in einen spezifischen Hafen in Italien bringen, normalerweise nach Augusta oder Pozzallo auf Sizilien.

Welche Art von medizinischer Hilfe wird an Bord geleistet?

In den ersten Wochen der Such- und Rettungsaktion haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen vor allem Menschen mit Dehydrierungen, Unterkühlungen, Durchfall, Seekrankheit, Krätze und anderen Hautinfektionen, Diabetes, Schwangerschaftskomplikationen und Verletzungen versorgt, die bereits vor dem Ablegen in Libyen bestanden.

Neben den physischen Problemen, die auf der Fahrt über das Meer auftreten, kümmern sich die Helfer und Helferinnen auch um die mentalen Probleme der Überlebenden. Viele haben Traumatisches erlebt. Ärzte ohne Grenzen leistet psychologische erste Hilfe mit einem Team aus kulturellen Vermittlern und einem Psychologen. Dieses Team kommt innerhalb von 72 Stunden nach einem Notruf in die verschiedenen Landungshäfen Siziliens.

Verfügt Ärzte ohne Grenzen über Expertise im Bereich der Such- und Rettungseinsätze?

Die Einsätze sind gefährlich und daher gut ausgebildete Crews notwendig, um eine möglichst problemlose Rettung zu gewährleisten. Daher arbeitet Ärzte ohne Grenzen auf der „MY Phoenix“ gemeinsam mit der Organisation MOAS (Migrant Offshore Aid Station) und hat auf der „Bourbon Argos“ und der „Dignity 1“ gut ausgebildete Rettungs- und Navigationsteams. Während Ärzte ohne Grenzen viel Erfahrung darin hat, Menschen mit akuten Bedürfnissen unter schwierigen Umständen medizinisch zu versorgen, macht die Organisation diese Art von Such-, Rettungs- und medizinischer Hilfsaktion zum ersten Mal. Daher sind die mit Ärzte ohne Grenzen zusammen arbeitenden Rettungs-Expertenteams für den Erfolg des Einsatzes entscheidend.

Warum mischt sich Ärzte ohne Grenzen in ein Aufgabengebiet der europäischen Politik ein?

Ärzte ohne Grenzen fühlt sich den Menschen in Not verpflichtet, die im Mittelmeer zu ertrinken drohen. Die Organisation hat die Mittel zu helfen  und die Situation im Mittelmeer zu ignorieren, ist für Ärzte ohne Grenzen keine Option. Natürlich ist der Organisation bewusst, dass sie mit diesem Einsatz in eine starke politische Debatte eintritt. Doch unabhängig von der politischen Meinung, die Menschen zu diesem Thema haben können, gibt es zwingende humanitäre Gründe, aktiv zu werden und mehr Tote zu verhindern.

Wäre das Geld von Ärzte ohne Grenzen nicht in den Herkunftsländern der Flüchtenden besser eingesetzt?

Ärzte ohne Grenzen hat sich nicht für das eine oder das andere entschieden und  arbeitet derzeit in mehr als 60 Ländern weltweit. Darunter sind auch viele Länder, aus denen die Menschen stammen, die über das Mittelmeer fliehen. Genauso sind Länder darunter, in denen die Menschen erste Zuflucht finden, über die sie weiterreisen oder in denen ihre Reise nach Europa endet. Die Einsätze von Ärzte ohne Grenzen in diesen Ländern werden fortgeführt. Ärzte ohne Grenzen leistet momentan in mehr als 30 Ländern medizinische humanitäre Hilfe für Geflüchtete und Vertriebene, vor allem in ihren Herkunfts- und den Nachbarländern. Die Menschen, die über das Mittelmeer fliehen, brauchen ebenso medizinische Hilfe. Sie sind unterwegs, und so muss auch Ärzte ohne Grenzen in Bewegung sein, um sie zu erreichen. Ärzte ohne Grenzen wird sie nicht allein lassen, wenn sie am bedürftigsten sind.

Was genau sind sichere und legale Wege, um in Europa Asyl zu beantragen oder nach Europa zu migrieren?

Mit „sicheren und legalen Wegen“ meint Ärzte ohne Grenzen Mechanismen, die es Asylsuchenden ermöglichen, Europa auf legale und sichere Weise zu erreichen. Heute müssen Asylsuchende erst einen Fuß auf europäischen Boden setzen, um Asyl beantragen zu können. Legale Wege nach Europa gibt es für diejenigen nicht, die Ärzte ohne Grenzen auf den Booten im Mittelmeer findet. Weil es keine Asylmechanismen in ihren Herkunftsländern gibt und die Grenzen nach Europa geschlossen sind, zahlen die Flüchtenden hohe Summen und riskieren ihr Leben in den Händen der Schleuser, um eine Chance auf Asyl in Europa zu haben.

Es gibt verschiedene Formen von sicheren und legalen Wegen nach Europa: Umsiedlung, humanitäre Visa, Familienzusammenführung, Arbeitserlaubnisse für Saisonarbeiter, Studierendenvisa etc. Den Staats- und Regierungschefs der EU wurden vom Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) und anderen Migrations- und Asylexperten bereits umfassende Vorschläge unterbreitet.

Das Fehlen legaler und sicherer Migrationswege zwingt die Menschen in die Hände der Schleuser. Seit Ärzte ohne Grenzen in Italien und Griechenland arbeitet, hat die Organisation noch nie so viele Menschen gesehen, die ihr Leben auf dem Meer riskieren, um die EU zu erreichen. Dies ist das Ergebnis von 15 Jahren restriktiver Migrationspolitik, die darauf ausgerichtet ist, Menschen fernzuhalten, die Schutz und ein besseres Leben suchen. Das Ergebnis sind Missbrauch und Tote. Ärzte ohne Grenzen ist der Meinung, dass dieser Ansatz, der so viel Leid verursacht hat, schnellstmöglich durch eine humane Migrations- und Asylpolitik ersetzt werden muss. Gerade im Hinblick auf die humanitären Krisen der Welt ist ein solcher Paradigmenwechsel unumgänglich.

Ermutigen Such- und Rettungsaktionen nicht die Menschen dazu, sich auf den Weg zu machen und ihr Leben auf dem Mittelmeer zu riskieren?

Die rettenden Schiffe sind es nicht, die die Menschen zur Flucht über das Meer treiben. Es sind Konflikte, extreme Armut und Ungleichheit, die Millionen Menschen dazu bringen, woanders Schutz zu suchen. Über das Mittelmeer fliehen die Menschen seit mehr als einem Jahrzehnt. In dieser Zeit haben mehr als 20.000 Menschen ihr Leben an der Schwelle nach Europa verloren. Ärzte ohne Grenzen will verhindern, dass diese Zahl weiter steigt. Die Menschen werden nicht aufhören, das Mittelmeer zu überqueren, weil Europa ihnen den Rücken kehrt. Es ist unmoralisch und grausam zu spekulieren, dass sich Menschen davon abschrecken lassen, den Weg über das Mittelmeer zu nehmen, wenn man Flüchtende ertrinken lässt.

Die Angst, dass „Mare Nostrum“ dazu geführt habe, dass mehr Menschen den Weg über das Mittelmeer antreten, ist durch Daten nicht zu belegen. Tatsächlich sind die Ankunftszahlen bereits vor dem Beginn des Projekts „Mare Nostrum“ deutlich angestiegen. Außerdem schreckt der Mangel an Rettungsbooten Menschen nicht ab, die so verzweifelt auf der Suche nach Schutz und Sicherheit sind, dass sie dafür ihr Leben riskieren.

Was kann Ärzte ohne Grenzen über die Bedingungen in Libyen berichten?

Für viele Menschen, die Ärzte ohne Grenzen während der Such- und Rettungsaktionen getroffen hat, ist Libyen der Ausgangspunkt ihrer Flucht über das Mittelmeer. Die Geschichten, die Ärzte ohne Grenzen von dort hören, sind schockierend. Menschen erzählen immer wieder davon, wie wertlos in Libyen ein Leben ohne Geld sei. Sie berichten von Raubüberfällen, Entführungen, Vergewaltigungen, Erpressungen. Einige mussten zusehen, wie ihre Familie und Freunde umgebracht wurden. Die Menschen sagen, dass sie in den Haftzentren nur begrenzten Zugang zu Nahrung, Hygiene oder medizinischer Versorgung hatten. Als die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Organisation den Menschen auf den Schiffen Nahrung gaben, sagten sie uns, dass dies das erste Mal seit Tagen sei und dass sich seit langer Zeit keiner um sie gekümmert habe.

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