Frauengesundheit: die indirekten Auswirkungen von COVID-19

Die Bedürfnisse von Frauen werden in Notsituationen oft vernachlässigt. Während der COVID-19-Pandemie ist das nicht anders. Dienste, die für die Gesundheit von Frauen essenziell sind, wurden eingeschränkt und Ressourcen umverteilt. Teilweise wird Frauen eine Versorgung gänzlich verweigert oder es kommt zu gefährlichen Verzögerungen bei der Bereitstellung der benötigten Dienste. Die Auswirkungen von COVID-19 sind insbesondere in Ländern mit ohnehin schwachen Gesundheitssystemen schwerwiegend. Oft sind dies Länder, in denen wir arbeiten. 

Zudem treffen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie ärmere und marginalisierte Gemeinschaften und insbesondere Frauen am stärksten, unter ihnen Geflüchtete, Migrantinnen sowie Menschen in informellen Arbeitsverhältnissen. Bereits vor dem Ausbruch von COVID-19 hatten Frauen große Schwierigkeiten, eine medizinische Grundversorgung zu erhalten. Nun haben sich diese weiter verschärft. Unsere Teams in Einsatzländern rund um die Welt berichten, dass die indirekten Folgen der Pandemie auf das Leben von Frauen bereits zu sehen sind.

Gesundheitseinrichtungen geschlossen

Seit Beginn der Pandemie haben Tausende Einrichtungen, die Gesundheitsdienste für Frauen anbieten, geschlossen. Insgesamt könnten in Zukunft bis zu 80 Prozent dieser Einrichtungen geschlossen werden, darunter auch jene, die Verhütung und sichere Schwangerschaftsabbrüche anbieten.

In Arauca, Kolumbien, stellen wir beispielsweise fest, dass immer mehr Kolumbianerinnen in unsere Projekte kommen, in denen wir eigentlich Gesundheitsversorgung für Geflüchtete aus Venezuela anbieten. Der Hauptgrund: Die Einheimischen werden in den öffentlichen Einrichtungen nicht mehr behandelt. 

Frauen die Entscheidung über die Familienplanung zu nehmen, ist, als würde man ihnen die Macht über ihren eigenen Körper nehmen – die Macht zu entscheiden, ob sie ein Kind bekommen wollen oder nicht“, sagt Dr. Maura Emelina Lainez Vaquiz. „Es fühlt sich an, als würden wir rückwärtsgehen und alles verlieren, wofür wir gekämpft haben.“ Die Ärztin arbeitet für uns im Distrikt Cortés in Honduras und sieht bei ihrer täglichen Arbeit, welche Auswirkungen COVID-19 auf die Gesundheit und Entscheidungsmöglichkeiten der Frauen hat.

Auch in Rustenburg, Südafrika, wurden Einrichtungen, die sichere Schwangerschaftsabbrüche durchführen, in der Annahme geschlossen, dass diese nicht zur essenziellen Gesundheitsversorgung zählen. Unsere Initiative bei den lokalen Gesundheitsbehörden hat dazu geführt, dass diese inzwischen wieder geöffnet wurden.

„Am Ende ist es die Entscheidung der Frau, was sie mit ihrem Körper macht. Wir müssen sicherstellen, dass Frauen immer die Möglichkeit eines sicheren Schwangerschaftsabbruches haben, insbesondere während einer Pandemie“, sagt Kgaladi Mphahlele, der einen Teil unserer Arbeit in Rustenburg koordiniert. 

In diesen und vielen weiteren Ländern führen ein Fehlen klarer Anweisungen und Informationen sowie institutionelle Barrieren dazu, dass Frauen nicht die Versorgung erhalten, die sie benötigen.

Erhöhtes Risiko durch Ausgangsbeschränkungen

Auch die wegen COVID-19 verhängten Reiseverbote und Ausgangsbeschränkungen haben unbeabsichtigte Folgen für die Gesundheit von Frauen. So kam es während der Ausgangssperren beispielsweise zu einem Anstieg der Meldungen von häuslicher Gewalt, einschließlich sexualisierter Gewalt. Eine Hotline in Südafrika, die solche Meldungen entgegennimmt, verzeichnete dreimal mehr Anrufe, nachdem die landesweite Ausgangssperre in Kraft getreten war. Doch trotz des Anstiegs der Meldungen registrierte unser Team aber weniger Menschen, die zu einer Behandlung kamen.

Schon zu gewöhnlichen Zeiten kann es schwierig sein, als Überlebende sexualisierter Gewalt behandelt zu werden. Doch seit dem Ausbruch von COVID-19 werden oft nur noch Notfälle behandelt und auch dann nur mit vorheriger Terminvereinbarung. Dabei ist eine Behandlung zeitkritisch: Überlebende einer Vergewaltigung müssen innerhalb von 72 Stunden behandelt werden, damit die Prophylaxe gegen HIV wirksam ist und innerhalb von fünf Tagen, damit die Notfallverhütung wirken kann.

Lieferengpässe treffen vor allem ärmere Frauen

Oft unberücksichtigt bleiben außerdem die Auswirkungen von Lieferengpässen auf Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen und die Frauengesundheit. Im April prognostizierte der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, der sich mit Familienplanung beschäftigt, Lieferengpässe wichtiger Produkte in 46 Ländern in den folgenden sechs Monaten - darunter Verhütungsmittel und Medikamente für einen sicheren Schwangerschaftsabbruch. 

Zudem gehen die Engpässe mit einer Verteuerung der Produkte einher. Darunter leiden insbesondere ärmere Frauen. Produktionsstopps in Ländern wie China, Indien und Thailand zu Beginn dieses Jahres bedeuteten, dass regelmäßige Bestellungen – von Kondomen bis hin zu Medikamenten für einen sicheren Schwangerschaftsabbruch – nicht getätigt werden konnten.

Frauengesundheit muss eine Priorität sein

Gesundheitseinrichtungen müssen auch weiterhin sicherstellen, dass all jene Zugang zu essenzieller Gesundheitsversorgung haben, die sie brauchen. Dazu zählt auch die Empfängnisverhütung, sichere Schwangerschaftsabbrüche und Behandlungen für Betroffene von sexueller Gewalt. Das Leben und die Gesundheit von Frauen und Mädchen muss Priorität haben – in der Pandemie und auch sonst.

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