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Gaza: “Hier fühle ich mich sicher”

Bisher sind rund 150.000 Menschen vor den Bombardements in die Umgebung des Al-Shifa Krankenhaus sowie in UNWRA-Schulen, benachbarte Häuser oder zu anderen Familienmitgliedern geflüchtet. Damit wurde eine von zehn Personen vertrieben – auch palästinensische MitarbeiterInenn von Ärzte ohne Grenzen bleiben nicht verschont.

Die Familien von zwei MitarbeiterInnen haben innerhalb des Krankenhausgeländes von Ärzte ohne Grenzen Zuflucht gesucht. Rund zwanzig Personen leben nun hier, die meisten davon sind Frauen und Kinder. Auch eine schwangere Frau und eine junge Mutter, die vor kurzem ihr Kind auf die Welt gebracht hat, sind dabei. Sie kommen aus Beit Layiah und sagen, dass sie unmöglich dorthin zurückkehren können. Wäsche hängt hinter der Klinik zum Trocknen, die Kinder trauen sich nur vorsichtig nach draußen. „Drei Räume haben wir frei gemacht, um den Menschen ein Minimum an Privatsphäre zu gewährleisten. Ich habe ein paar Spielsachen gekauft, doch sie wollen ihre Kinder nicht draußen spielen lassen während die Klinik für PatientInnen geöffnet hat“, erklärt Raewyn, eine Krankenschwester von Ärzte ohne Grenzen . Rund 40 Personen teilen sich derzeit die drei Räume.

Viele haben Familienmitglieder verloren

In der Nacht kehrt das Team in das Büro von Ärzte ohne Grenzen zurück, um gemeinsam mit ihren palästinensischen KollegInnen das Fastenbrechen zu feiern. „Hier fühle ich mich sicher“, gesteht einer davon, der sich dazu entschlossen hat, im Büro zu bleiben. Ein anderer musste sein Haus in der Nachbarschaft von Tuffah evakuieren, da es der Gefahr von Panzer-Angriffen aus dem nordöstlichen Gaza ausgesetzt war. Er hat bereits vier Familienmitglieder verloren, davon zwei Frauen. Ein anderer beherbergt die Familie seines Cousins. Ein dritter erzählt, wie das Haus seines Nachbars am Vortag bombardiert worden war – fünf Menschen starben. In seinem Haus leben nun zehn Familien, rund hundert Menschen teilen sich insgesamt vier Appartements. „Es ist unmöglich zu sagen, wie viele Menschen durch die Bombardements vertrieben wurden. Doch wenn man alle zusammenzählt, die bei ihren Familien und Nachbarn Schutz suchen, sind es sicher mehr als 200.000“, schätzt Nicolas Palarus, der Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Gaza.

Menschen suchen Schutz bei Krankenhäusern

Laut den Vereinten Nationen suchen derzeit rund 2.000 Menschen rund um das Al-Shifa Krankenhaus in Gaza-Stadt Schutz, das am 28. Juli beschossen worden war. Die Familien sind seit dem 21. Juli aus dem bombardierten Shuja’iyeh Viertel hierhergekommen; seitdem haben sich ihnen laufend weitere Menschen angeschlossen. Nachdem sie sich auf dem Gelände eingerichtet haben, verwenden sie sämtliche verfügbaren Materialien, um notdürftige Unterkünfte zu bauen: Matratzen, Bettlaken, Zweige. In Durchgängen, im Park hinter dem Krankenhaus und in der ganzen Umgebung spielen Frauen und Kinder mit Plastiksäcken, die sie als Ballons verwenden. An einer Stelle sitzt ein Mann, dessen Gesicht von der Müdigkeit gezeichnet ist, mit einem Baby, das in eine Decke gewickelt ist. Wo anders sitzt eine Frau in einem Plastiksessel unter einem Baum, um das bisschen Schatten auszunützen. Verschiedene lokale Organisationen haben die Verteilung von Essen organisiert, und Freiwillige sind am Gelände unterwegs, um Familien auf ihren Listen zu ergänzen  und mit dem Nötigsten zu versorgen. Ein Krankenhausmitarbeiter durchstreift das improvisierte Lager mit einem Müllsack, um die Müllentsorgung des Krankenhauses aufrecht zu erhalten.

Internationale Präsenz keine Sicherheitsgarantie mehr

Aktuell sind laut Angaben der Vereinten Nationen mehr als 140.000 Menschen in UN-Schulen untergebracht. Diese Schulen sind mit 80 Menschen pro Klassenzimmer überfüllt – wegen der Überfüllung und des Mangels an Wasser sind die hygienischen Bedingungen heikel. Angesichts der Überbelegung haben die Behörden bereits öffentliche Schulen, Moscheen und Kirchen ebenfalls zugänglich gemacht und deren Koordinaten dem israelischen Militär gemeldet. Doch viele wollen ihre Häuser nicht verlassen: „Ich will nicht in eine UNRWA-Schule, die Lebensbedingungen dort sind zu schlecht. Ich will zu Hause bleiben. In meinem Haus sind nun 54 Menschen. Wenn wir gehen, wird Israel vielleicht unser Gebäude bombardieren, doch wenn wir bleiben, werden sie das nicht tun“, erklärt eine freiwillige Krankenschwester im Al-Shifa Krankenhaus. Sie lebt im Viertel Beit Layiah, das seit dem Ausbruch des Konflikts bereits mehrmals schwer getroffen wurde. Nach dem Bombardement der Beit Hanoun-Schule am 24. Juli zögern Familien noch mehr, einen Zufluchtsort mit internationaler Präsenz aufzusuchen, der mittlerweile ebenfalls keine Sicherheitsgarantie mehr darstellt.

Kritische Gesundheitssituation weiter angespannt

Die Gesundheitssituation im Gaza-Streifen ist bereits kritisch – wegen der Überfüllung, dem Mangel an Wasser, Stromausfällen und der schwierigen Distribution von Nahrungsmitteln auf Grund der Bombardements aus der Luft, an Land und vom Wasser aus. Am Samstag, dem Tag der Waffenruhe, wurden die Straßen von Gaza-Stadt plötzlich wieder belebt. Die Zahl der Toten, die an diesem Tag geborgen wurden, stieg im Laufe des Tages an. Doch um 20 Uhr schloss sich dieses Zeitfenster wieder, und das Team von Ärzte ohne Grenzen bereitete sich gemeinsam mit der palästinensischen Bevölkerung auf eine weitere Nacht während des Ramadan im belagerten Gaza vor.

Lesen Sie hier die Gedanken von einem unserer Mitarbeiter in Gaza: "Gewalt hat kein Religionsbekenntnis"

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